Überholtes Konzept von Einheit. In „Schwanensee“ tanzen oft nur weiße Tänzerinnen. In vielen Tanzcompagnien gibt es strukturelle Diskriminierung. Foto: Bettina Stoess
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Das Ballett in der Krise Drill im Märchenland

Rassismus, Konformitätszwang, Schikane: Ist das klassische Ballett ein Anachronismus? Ein Blick nach Berlin, Paris und Wien.

2020 war kein gutes Jahr für das Berliner Ballett. Ende Januar verkündeten die beiden Staatsballett-Intendanten Johannes Öhman und Sasha Waltz überraschend ihren Rücktritt. Ebenfalls im Januar wurden die Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin publik. Eine Expertenkommission hat den Vorwurf, dass an der Schule das Kindeswohl gefährdet sei, inzwischen bestätigt.

Im November erhob Chloé Lopes-Gomes, die erste schwarze Tänzerin des Staatsballett Berlin, schwere Vorwürfe gegen eine Ballettmeisterin. Die habe sie rassistisch beleidigt und verlangt, dass sie sich für „Schwanensee“ weiß schminke. Der Fall schlug hohe Wellen. Auch die New York Times und der britische Guardian berichteten.

Auch in Paris wurde die Abschaffung des Blackfacing gefordert

Die Rassismus-Debatte flammte auch in Paris auf. Fünf Tänzer veröffentlichten im September ein Manifest, in dem sie zahlreiche Beispiele für einen institutionellen Rassismus aufführen und die Abschaffung des Blackfacing in Balletten und Opern fordern. Rund 400 von insgesamt knapp 1900 Mitarbeitern der Oper haben das Manifest unterschrieben.

Das Staatsballett hat nun auf seiner Website angekündigt, dass es sein Repertoire untersuchen wolle, um „überholte und diskriminierende Aufführungsweisen aufzudecken und Traditionen in neuem Licht und mit anderem Bewusstsein zu sehen und neu zu bewerten“.

Das Märchen-Ballett „Der Nussknacker“ strotzt vor Stereotypen

Das Erbe kritisch zu überprüfen, die großen Ballett-Klassiker aus dem 19.Jahrhundert postkolonial zu durchleuchten – das wird schon länger gefordert. In vielen dieser Werke spielt der Exotismus eine wichtige Rolle. Die Imaginationen des Fremden sind von kolonialen Sichtweisen geprägt. Auch in dem beliebten Märchen-Ballett „Der Nussknacker“ finden sich viele Stereotype. Für den „chinesischen Tanz“ im Divertissement des 2. Aktes mussten sich die Tänzer klassischerweise gelb schminken und einen Fu-Manchu-Bart ankleben.

Und nicht nur der Mohr in Mikhail Fokines „Petruschka“ ist eine problematische Figur. Auch in dem Ballett „La Bayadère“, 1877 am St. Petersburger Mariinksi-Theater uraufgeführt, mussten sich die Tänzerinnen im zweiten Akt dunkel schminken. Misty Copeland, die 2015 als erste Afroamerikanerin Primaballerina des American Ballet Theatre wurde, hat die Praxis des Blackfacing wiederholt als diskriminierend kritisiert. Als sie Ende 2019 auf Instagram ein Bild von zwei schwarz angemalten Tänzerinnen des russischen Bolschoi Balletts teilte, versehen mit dem Kommentar „Und das ist die Realität der Ballettwelt“, erregte sie viel Aufmerksamkeit.

Es wird Zeit für eine kritische Bewertung bestimmter Werke

Sind „Schwanensee“ und „La Bayadère“ noch zeitgemäß? Ist das Ballett nicht ein Anachronismus? Gabriele Brandstetter, Professorin für Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin, widerspricht: „Das Ballett war und ist ständig im Wandel. Viele Leute setzen es aber gleich mit der Zuckerfee.“ Wichtig sei, dass man frage, inwiefern das Repertoire, aber auch die Strukturen dieser historisch gewachsenen Institution, Diskriminierung unterstützten. Oft fehle das Bewusstsein dafür, dass eine kritische Bewertung bestimmter Werke notwendig sei.

Das dürfe aber nicht dazu führen, dass man diese Klassiker von der Bühne verbanne. „Das wäre Cancel Culture, Verdrängung. Das Gegenteil muss passieren: Diese Themen müssen besprochen und reflektiert werden, nicht nur in einem Diskurs drumherum, sondern in der Inszenierung selbst.“ Sie verweist auf das Theater, wo diese Debatten schon gut geführt worden seien, etwa bei der Frage, wie man heute Werke wie „Othello“ oder „Der Kaufmann von Venedig“ aufführe.

Schon vor 100 Jahren wollten Tänzer das Ballett kippen

Dass einige heute das Ballett für verstaubt halten und am liebsten abschaffen würden, sei im übrigen nichts Neues: „Vor 100 Jahren waren wir schon mal soweit, dass die Tänzer das Ballett kippen wollten und sagten: Das brauchen wir nicht mehr!“ Für Brandstetter ist das Ballett „eine Körpertechnik, eine Ästhetik, ein historisches Wissen über den Tanz und die Fragilität des Körpers“. Auch für zeitgenössische Tänzer sei der klassisch- akademischen Tanz die Basis.

Doch eine andere Frage drängt sich derzeit in den Vordergrund: Wie offen ist das Ballett für Diversität? Tänzer, die nicht dem alten europäischen Ideal entsprechen, müsse man hierzulande schon mit der Lupe suchen, erklärt Mariama Diagne. Diagne ist promovierte Tanzwissenschaftlerin und ausgebildete klassische Bühnentänzerin. Sie tanzte unter anderem beim Dance Theatre of Harlem und am Theater Dortmund.

„Schwanensee“ kann auch anders aussehen

In Europa gebe es immer noch einen Universalanspruch: „dass das Repertoire der Klassiker überall gleich sein solle und das Aussehen einer Compagnie sich daran messen müsse“, so Diagne. Dass „Schwanensee“ auch anders aussehen und von einem ethnisch diversen Ensemble getanzt werden könne, darüber gebe es keine Übereinkunft. Die Sehgewohnheiten im Ballett änderten sich nur langsam, konstatiert Diagne.

„Dass Asiatinnen stärker akzeptiert sind, hat auch 20 Jahre gedauert. Ich glaube, dass auch Menschen mit (nord-)afrikanischem Hintergrund irgendwann eher akzeptiert werden. Aber wir haben trotzdem das Problem der Color Line. Das bedeutet, dass die Akzeptanz des Körpers nach der Pigmentierung geht – je dunkler, desto schlechter.“

Woher kommt das Problem mit der Color Line?

Man dürfe nicht vergessen, dass die Kunstform des klassischen und romantischen Balletts aus kolonialen Zeiten stamme. „Das Bild des dunklen Körpers war in Europa ganz stark davon geprägt, dass diesem kein gleichwertiges Menschsein zugesprochen wurde.“ Bestimmte Stücke, wenn traditionell aufgeführt, lassen sich scheinbar nicht aus diesem historischen Kontext lösen.

Aber auch Diagne will diese Werke nicht verbannen. „Man sollte mutig sein und sich künstlerisch damit auseinandersetzen. Es gibt inzwischen viele weibliche Choreografinnen, die bestimmte Geschichten anders auf die Bühne bringen.“

Traditionalisten fordern immer noch die Homogenität im Ballett

Die Frage, ob nur weiße Tänzer „Schwanensee“ tanzen dürfen, ist jedenfalls keine rein ästhetische Frage. Auch wenn harte Traditionalisten sich auf das Ideal der Homogenität berufen – das lässt sich nun mal nicht mit der Forderung nach Diversität vereinbaren.

Eine nicht-weiße Tänzerin als Schwan lenke ab, störe angeblich diese Einheitlichkeit. Aber das ist ein überholtes Konzept – die Fiktion eines Kollektivkörpers, der sich ganz einem Ideal unterwirft und keine Unterschiede zulässt.

Auch Benjamin Millepied war in seiner kurzen Zeit als Direktor des Pariser Balletts nahegelegt worden, keine nicht-weißen Tänzer in den Ensemble-Szenen auftreten zu lassen. „Diese an eine Armee erinnernde Idee, dass alle identisch aussehen müssten, ist ein Hauptproblem des Balletts“, sagte der prominente amerikanische Choreograf, der schon nach einem Jahr das Handtuch warf. Das war im Februar 2016.

In Frankreich sieht die Rechte das Kulturerbe in Gefahr

Heute tobt in Paris eine wütende Polemik über das Ballett. Der neue Intendant der Pariser Oper, Alexander Neef, hat als Reaktion auf das Antirassismus-Manifest einen Bericht über Diskriminierung in Auftrag gegeben. Seine Äußerung, dass man sich auch das Ballett-Repertoire anschauen müsse, wurde nun dahingehend missinterpretiert, dass er die Klassiker-Inszenierungen von Rudolf Nurejew wie „Schwanensee“ oder „Nussknacker“ nicht mehr zeigen wolle. Die extreme Rechte sieht schon das französische Kulturerbe in Gefahr.

Und doch gibt es Signale für ein Umdenken. Martin Schläpfer, seit dieser Spielzeit Ballettdirektor und Chefchoreograf des Wiener Staatsballetts, kündigte an, dass er nicht alle Klassiker-Inszenierungen übernehmen wolle, weil in gewissen Werken das Frauenbild grässlich sei. „Ein Harem wie in ,Le Corsaire’ geht für mich gar nicht mehr“, sagte er dem Magazin „concerti“. Schläpfer will auch die Reformen an der Wiener Ballettakademie vorantreiben, die 2019 von einem Skandal erschüttert worden war.

Drill und Demütigung gehören noch heute zum Alltag des Balletts

Dass an vielen Eliteinstituten Drill und Demütigung noch an der Tagesordnung sind, ist bekannt. Hier müssen dringend neue pädagogische Konzepte eingeführt werden. Ermutigend ist der Blick nach London und Amsterdam. Beim Royal Ballet oder beim Het Nationale Ballet prägen schon mehr Tänzer of Color das Bild.

Wohin das Staatsballett Berlin steuert, liegt im Ungewissen. Einen Nachfolger für Öhman und Waltz zu finden, das wird nicht leicht. Die Neue oder der Neue wird vor sehr großen Herausforderungen stehen. Die größte deutsche Ballettcompagnie braucht Werke, die künstlerisch überzeugen. Sie muss dabei aber auch ihre Werte erneuern.

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