Die 1975 geborene Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien. Foto: Maurice Haas/Diogenes Verlag
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Daniela Kriens Roman "Der Brand" Heimlich beten

Carsten Otte

Ein Ehepaar und ein Land in der Krise: Daniela Kriens leider nicht so guter, fast spießbürgerlicher Roman "Der Brand".

Es ist erst zwei Jahre her, als Daniela Krien mit ihrem Roman „Die Liebe im Ernstfall“ einen großen Erfolg bei Publikum und Kritik feierte. Die Beziehungsbiografien fünf unterschiedlicher Frauen verwob Krien zu einem Portrait der ostdeutschen Gesellschaft, das mittlerweile sogar verfilmt wird.

Erst im Sommer vergangenen Jahres, so erfahren wir nun in der Danksagung zu ihrem neuen Prosawerk „Der Brand“, habe sie die ersten Sätze des neuen Buches geschrieben. Die Geschwindigkeit, mit der Literatur inzwischen veröffentlicht wird, ist erstaunlich. So sind Setting und Story dementsprechend aktuell.
Rahel und Peter wollen ihren Sommerurlaub in Oberbayern verbringen, denn eine Reise ins Ausland kommt für die Psychologin und den Literaturprofessor aus Dresden nach „den ersten Meldungen über das Virus“ nicht in Frage.

Krien verlegt die Handlung also in die Zeit der Corona-Pandemie, und die gereizte Stimmung im Land wird im Verlauf der Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen. Das Ehepaar freut sich auf die Wanderferien in den Bergen, abseits vom Ehealltag, der nach beinahe dreißig Jahren zunehmend von Unverständnis und Lieblosigkeit geprägt ist, zumal er nicht mehr mit ihr schläft. Zum Ehefrust kommt auch noch Urlaubspech.

Ehekonstellationen in Groschenheftmanier

Die Holzhütte in Bayern brennt ab, und auf die Schnelle gibt es kein Ersatzdomizil. Ausgerechnet da meldet sich die mütterliche Freundin Ruth und fragt, ob Rahel ihr Haus in der Uckermark hüten, sich um Tiere und Pflanzen kümmern könne. Denn Viktor, Ruths Mann, hat einen Schlaganfall erlitten, muss in die Rehaklinik und benötigt ihre Pflegehilfe.
Zufall und Schicksal gehen in diesem Roman eine schnell herbeigeschriebene Verbindung ein.

Außerdem ist die Gesamtkonstruktion allzu plakativ angelegt.

Die Ehekonstellationen werden in groschenheftartiger Manier gespiegelt, etwa beim Kaffeeplausch vor der Hausübergabe: „Ruth schenkt ein und beginnt von Viktor zu erzählen. Während sie spricht, fragt sich Rahel, ob sie eines Tages in ebenso liebevoller Weise über Peter reden würde. Tiefe Verbundenheit leuchtet aus Ruths Worten, und Rahel spürt Peters Blick auf sich gerichtet.“
Die Stadtmenschen kommen besser mit dem Landleben zurecht als befürchtet – wenn da nur nicht die Enttäuschungen und Verletzungen der vergangenen Monate wären. Rahel fühlt sich von ihrem Mann nicht mehr begehrt. Peter hadert mit einem an sich lächerlichen Vorfall an der Universität, der sich zum Eklat entwickelte.

Er hatte seine Studentin Olivia als Frau P. angesprochen und sie mit dieser geschlechtseindeutigen Anrede in eine Teilnehmerliste eingetragen, obwohl Olivia sich als „nichtbinärer Mensch“ versteht. Es gab einen Aufruhr in den sozialen Netzwerken, einen Rüffel der Uni-Leitung und nicht mal die eigene Gattin stand auf seiner Seite. Seitdem hat sich Peter zurückgezogen, „wie eine Schnecke in ihr Haus“.

Unoriginelle Bilder

Schon in Kriens Vorgängerroman wurden gesellschaftliche Konflikte in eindimensional und unoriginellen Bildern auf die Figurenerzählung runtergebrochen. Vor allem die pauschalisierende Medienkritik fiel auf.

Auch jetzt sind beide Hauptfiguren nicht gut auf die Presse zu sprechen: „Wann genau das Unbehagen seinen Anfang nahm, kann sie nicht sagen. Doch immer öfter stimmten ihre eigenen Erfahrungen mit dem, was sie lasen, nicht überein.“ Schon erstaunlich, wie hier der Sinn und Zweck medialer Öffentlichkeit, nämlich auch kontroverse Positionen zu veröffentlichen, in ihr Gegenteil verdreht wird.

Rahel hat in der Pandemie zunehmend mit Patienten zu tun, die depressiv sind, weil sie angeblich „Sinngebundenheit und Würde“ in der Gesellschaft nicht mehr finden. Auch die Psychologin hat zu Corona-Zeiten mit Panikattacken zu kämpfen, und erst als sie dem Rat ihres Mannes folgt, die Nachrichten zu ignorieren und „ihren Verstand zu gebrauchen, ging es ihr besser“.

Als sei die Rezeption der bedrückenden Infektionszahlen generell unvernünftig und der politische Diskurs sowieso krankmachend. In der Uni gibt es für Peter nicht nur Stress mit Gender-Aktivist:innen, sondern auch mit Leuten, die T-Shirts mit der Aufschrift „Bomber Harris do it again“ tragen. Dieser gewiss nicht wörtlich zu nehmende Antifa-Spruch über den britischen Piloten, der den verheerenden Angriff auf Peters Heimatstadt anführte, ist für den Dozenten, der gern in alten Dresden-Bildbänden blättert, eine Provokation zu viel.

Das brennende Dresden ist ein Trauma, das über mehrere Generationen nachwirkt, und Kriens Romantitel spielt gewiss auf die historische Feuersbrunst an, ohne dass das Thema eingehend behandelt wird.

Während der Zeit auf dem Landgut nähern sich Peter und Rahel wieder an, emotional und körperlich: „Sie lässt sich das Kleid ausziehen und den Slip, und obwohl nach einer Viertelstunde alles vorüber ist, kommt es ihr vor, als sei er von einer langen Reise zu ihr zurückgekehrt.“

Am Ende siegen die Familienwerte

So knapp und einfallslos die Szene gehalten ist, enthält sie zugleich eine Prise pathetischer Genugtuung, die für den ganzen Roman charakteristisch ist. Am Ende siegen die guten, alten Familienwerte.

Die Reise zurück ins Ehebett wird möglich, weil auch Tochter Selma, die auf dem Hof kurz zu Besuch ist, eine Krise mit ihrem Mann durchlebt und weil schließlich alle meinen, dass Trennungen noch größere Katastrophen vorbereiten. Rahels Kinder, so heißt es an einer Stelle, haben den „Wert der stabilen Elternehe irgendwann erkannt“. Streckenweise liest sich das Buch wie ein spießbürgerlicher Ratgeberroman.

Rahels Familienvergangenheit ist jedenfalls von Seitensprüngen, Betrug und allerlei Geheimnissen geprägt. Erst am Ende des inhaltlich wie sprachlich ambitionslosen Romans erfährt die ansonsten allwissende Protagonistin, wer ihr leiblicher Vater ist. Doch auch dieser Erzählbogen, der sich zu einem Drama mit echten Konfliktlinien hätte entwickeln können, verläppert in einem biederen Realismus. Tatsächlich macht sich Rahel lieber Gedanken darüber, was ihr Mann alles „nicht weiß über sie“: „Dass sie manchmal bei lauter Musik singend durch die Wohnung tanzt. Dass sie Phantasien hat. Unaussprechliche. Dass sie heimlich betet.“

Bei der Lektüre solcher Zeilen, die an den Muff der fünfziger Jahre erinnern, wünscht man sich eine Autorin wie Gisela Elsner zurück, die heimliche Fantasien, mit oder ohne Gebet, in eine herrliche Sprachhölle verwandelt hat.

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