Michael und Daniel Barenboim mit Kian Soltani (von links). Foto: Monika Rittershaus Foto: Monika Rittershaus
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Daniel und Michael Barenboim spielen Beethoven Zum Raum wird die Zeit

Trio der Leidenschaft: Daniel und Michael Barenboim zelebrieren mit dem Cellisten Kian Soltani Beethoven im Pierre Boulez Saal.

Virtuoses für gesellige Anlässe, Hausmusikstücke gar: Die Gattung der Klaviertrios musste zu Beethovens Zeiten nicht unbedingt höchsten Ansprüchen genügen. Eher gefällig hebt er auch an, dieser Abend im Rahmen des kleinen Klaviertrio-Zyklus, zu dem Daniel und Michael Barenboim mit dem Cellisten Kian Soltani in den Pierre Boulez Saal geladen haben. Auf dem Programm stehen vier der zwölf Trios von Ludwig van B.: die drei in Opus 1 versammelten Werke und das „Geistertrio“ aus op. 70.

Kabinettstück der Gemütsschwankungen

Aber selbst das frühe erste Trio Es-Dur erweist sich bereits als Kabinettstück der Gemütsschwankungen, so plötzlich, wie Beethoven die schlichten, auch hingebungsvollen Kantilenen mit brüsken Schlusswendungen konterkariert und innige Dialogpassagen zwischen Geige und Cello einflicht. Auch der wildvergnügte Dezimen-Hochsprung als Kopfmotiv des Presto-Finales, in dem der Beethoven-Exeget Alexander Ringer gewöhnliche Straßenpfiffe erkannt haben will, sprengt den Rahmen des Eingängigen. Das Finale des c-Moll-Trios aus op. 1 öffnet mit seinen kühnen Harmoniewechseln und orchestral anmutender Wucht endgültig das Fenster zu einer anderen Welt. Zumal die ins fahle Pianissimo, ja in die Ratlosigkeit mündenden Schlusstakte sich als Vorschein auf den Höhepunkt des Abends erweisen, das Largo des Geistertrios in der zweiten Konzerthälfte.

Klavierklang flutet den Raum

Mit etwas Glück kann man im Pierre Boulez Saal den Musikern auf die Finger und in die Noten schauen. Aber der atmosphärisch so wunderbare, für Transparenz und Nähe sorgende Konzertraum hat bekanntlich auch seine Tücken. Daniel Barenboim spielt ohne Schalldeckel, sodass der rundum ins hölzerne Oval flutende Klavierklang Violine und Cello immer wieder bedrängt. Zumindest solange die Streicher seitlich zur Konzertbesucherin sitzen. Nach der Pause wechselt das Trio samt Flügel die Position von der Bühnenausgangs- zur Straßenseite, und schon herrscht mehr Ausgewogenheit bei der Dynamik – jedenfalls in Block E. Aber nach dem ebenfalls zwischen zittrigem Herzpochen, schroffen Tonrepetitionen und harschen Tutti changierenden G-Dur-Trio op. 1 Nr. 2 schlägt Beethovens Expressivität im Geistertrio dann doch das gesamte Publikum in Bann.

Das Beethoven-Jahr kann kommen

Kian Soltanis seidiger Celloton steigert sich gleich im Kopfsatz in wenigen Takten von null auf höchste Sehnsucht. Ebenso betörend die Unisono-Einmütigkeit mit Michael Barenboim, erst recht die erstarrten Affekte im Largo. Endlose Liegetöne, ein suchender, tastender Gestus, und die Melodien lösen sich auf. Während Geige und Cello über leise donnerndem, tremolierendem Klavierbass ins Zeitlose driften, gerät man förmlich in Trance. Beethoven, der Mystiker?

Diese Klaviertrios machen Lust aufs Beethoven-Jahr 2020. Im Pierre Boulez Saal spielt Barenboim ab 20. Dezember die Klaviersonaten, im März und Mai folgen die Violinsonaten und Streichquartette. Christiane Peitz

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