Iwan Gontscharow, 1874 porträtiert von Iwan Kramskoi. Foto: mauritius images / Artefact / Al
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Dandys, große Kulissen, verflossene Skandale Warum die Flucht ins 19. Jahrhundert so beliebt ist

Julian Barnes' Bestseller „Der Mann im roten Rock“ führt zurück in die Belle Epoque. Und zur Erkenntnis: Flaubert und Co. waren so etwas wie die Urväter unserer Serienkultur.

Seltsam, dieses wachsende Interesse, diese Lust am 19. Jahrhundert und seiner Literatur. Es ist ein Vergnügen, sich durch Julian Barnes’ neues Buch „Der Mann im roten Rock“ zu schlängeln, durch diesen Parcours der Dandys und Passionen, großer Kulissen und verflossener Skandale.

Es macht aber auch keine kleine Mühe – so viele Namen und Titel und Episoden, wie in einem russischen Roman. Barnes stellt sein Publikum auf eine Geduldsprobe. Das kennt man von Marcel Proust, dessen Vater hier eine wichtige Rolle spielt. Adrien Proust war Epidemiologe und kämpfte gegen die Cholera. Wie gut das passt!

Bücher haben – bei Barnes ein großes Thema – ein wechselhaftes Leben, das häufig erst nach dem Tod ihrer Verfasser Fahrt aufnimmt. Iwan Gontscharows „Oblomow“ wird jetzt wie ein Covid-Roman gelesen. Der Titelheld verweigert sich der Welt, bleibt im Bett, er macht all das freiwillig, was uns die Pandemie und die Politik abverlangen. Kaum Kontakte, keine Reisen. Der Unterschied zum Heute liegt darin, dass Oblomow die Quarantäne als Lebensmodell zelebriert, ein anderes kommt für ihn nicht in Frage.

Schon in seiner frühen Erzählung „Die Hügelstürmer von St. Petersburg“ verflucht eine Gontscharow-Kreatur das „wahre Elend“, durch die Natur zu wandern, an die frische Luft zu gehen, auch noch mit Picknickkorb! Wie eine Seuche sei das, unheilbar.

Diese umfänglichen Romane wirken die Urväter und -Mütter unserer Serienkultur. „Oblomow“ erschien 1859 und war ein gewaltiger Erfolg in Russland. Gustave Flauberts „Madame Bovary“ verursachte 1856 in Paris einen Skandal, mit einem Prozess wegen „Verstosses gegen die guten Sitten“, er ging für Flaubert gut aus. Flaubert war auch eine Art Oblomow. Aus dem hauptstädtischen Getöse zog er sich nach Rouen zurück.

Die Felsmassive der Moderne

„Flaubert hat gesagt, er habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben, doch schlage beständig ein ,Meer von Scheiße’ an dessen Mauern und drohe, ihn zum Einsturz zu bringen“, schreibt Julian Barnes.

In dem späten Roman „Bouvard und Pecuchet“ macht sich der mächtige Misanthrop über die Eremiten auf dem Land, die pedantischen Stadtflüchtlinge lustig; ein böses Buch, das man auch einmal in Richtung Berliner Umland lesen kann.

Es mag ein Zufall sein, aber sowohl Flauberts große Romane als auch Gontscharows Hauptwerke sind in relativ kurzem Abstand in neuen deutschen Ausgaben erschienen; zuletzt die „Lehrjahre der Männlichkeit“ in Elisabeth Edls großartiger Flaubert-Übersetzung. Julian Barnes pflegt seine Leidenschaft für die französische Kultur vom Anfang seiner Karriere an. Der Bestseller „Flauberts Papagei“ erschien 1984.

Gontscharow wie Flaubert gehören zu den Felsmassiven der Moderne. Sie lesen sich in den frischen Editionen unglaublich gut. Die Pandemie schafft Muße, mehr als uns lieb sein kann. Aber das ist es nicht allein. Bei beiden Romanciers finden sich relativ junge Prototypen des Alltags, und in beiden Fällen handelt es sich um Individuen, die ungeheuer provozieren, weil sie ihre Lebensentwürfe durchziehen wollen – wie einen Roman.

Während Emma Bovary durch ihre sexuelle Energie und Risikobereitschaft auffällt, bringt im Gegenteil ihr Zeitgenosse Oblomow die Menschen mit seiner Passivität gegen sich auf. Vor Erotik scheut er zurück, und als ihn die Liebe trifft, verdirbt er noch die günstigsten Momente. Und beide fügen ihrem Umfeld Schmerzen zu, mit ähnlichen Schlüssen. Kein Happy End, vielmehr finale Erschöpfung.

Das Rennen um die Kunst der Moderne

Man starb im 19. Jahrhundert früher und schneller. Hygiene, Impfstoffe, all das war noch unbekannt oder befand sich in der Entwicklung. 1843 wird Robert Koch geboren, sein französischer Kollege und Konkurrent Louis Pasteur, Chemiker und Mikrobiologe, war zwanzig Jahre älter. Dr. Samuel Pozzi, der „Mann im roten Rock“ von Julian Barnes, lebte von 1846 bis 1918: ein Starmediziner, aufgeschlossen, fortschrittlich, Liebhaber der Kunst und der Frauen der „Belle Epoque“.

Frankreich lag im Rennen der Moderne, zumal in der Malerei, weit vorn. Großbritannien war weit abgeschlagen, wie Barnes süffisant vermerkt. Und Deutschland? Das Reich wird erst 1871 gegründet, und radikal modern wird es auch erst mit Gerhart Hauptmann – und auch mehr auf der Bühne als im Roman. Ein paar Jahrzehnte später wird das alles auf- und nachgeholt. Aber Berlin um 1850 ist nicht Paris – worunter der frankophone Alexander von Humboldt sehr litt –, und Fontane ist nun mal nicht Flaubert. Auch wenn seine märkische Natur jetzt heftig lockt, nicht nur an den Stechlinsee.

Julian Barnes veröffentlichte 2013 „Levels of Life“ (Lebensstufen). Der Schriftsteller trauert in dem kurzen essayistischen Roman um seine Frau Pat. „Ein Taj Mahal aus Papier“, schrieb der „Observer“. Wieder reiste Barnes ins 19. Jahrhundert nach Frankreich, zu den ersten Fotografen und den Ballonfahrern, damals revolutionäre Innervationen.

Symbolik des Lebens und Sterbens: Die Fotografie hält das Flüchtige fest, im Überflug wird man frei – „doch diese Freiheit war der Macht von Wind und Wetter unterworfen“. Verlasse die Wohnung nicht, sagt Oblomow. Lies besser auch keine neuen Zeitungen. Halte die Tür zu.

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