Neu in der Toskana. Cornelia Funke schreibt und illusteriert seit 34 Jahren Bücher. Foto: Michael Orth
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Cornelia Funkes neuer Fantasyroman mit Ökotouch Artenschutz für Fabeltiere

Magische Tiefsee: „Der Fluch der Aurelia“ setzt Funkes Drachenreiter-Reihe fort. Diesmal kämpft Familie Wiesengrund gegen einen menschlichen Fiesling.

Drachen, Nixen, Feen, Bläulinge, Kobolde, Möwlinge, Homunkuli, Trolle, Elfen, Selkies, Meerfrauen, Lauschkäfer und Ratten-Piloten. In den ersten Kapiteln des Fantasyromans „Drachenreiter – Der Fluch der Aurelia“ droht man in der Flut der geschilderten Fabelwesen schier zu ersaufen. Neun Seiten umfasst das Glossar, in dem Cornelia Funke die Figuren des dritten Bandes ihrer 1997 gestarteten Drachenreiter-Reihe erläutert.

Es gleicht einer Feier der Artenvielfalt, die sich von der magischen Fantasiewelt der international erfolgreichsten deutschen Jugendbuchautorin unschwer in die vom dramatischen Artensterben gezeichnete Realität auf der Erde übertragen lässt.

Biodiversität liegt der Schriftstellerin am Herzen

Umweltschutz und Biodiversität liegen Funke am Herzen. Die einstige Sozialarbeiterin und spätere Illustratorin unterstützt mit ihrer Stiftung zahlreiche Projekte zu Kinder- und Frauenrechten und eben dem Umweltschutz, für den sie auch als als UN-Botschafterin der biologischen Vielfalt warb.

Die Folgen der menschengemachten Erderwärmung sind einer der Gründe, die Funke bewogen haben, aus Malibu im von Feuersbrünsten geplagten Kalifornien wieder nach Europa zu ziehen. Seit vergangenem Herbst baut sie auf einem Gutshof in der Toskana ein Artist-in-Residence-Projekt auf. „Wasser war knapp in diesen sonnenverbrannten Bergen“ heißt es im „Fluch der Aurelia“ über ihre Ex-Heimat Südkalifornien, wo sich die Zukunft der Fabelwesen entscheidet.

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Und es ist gewiss kein Zufall, dass der Bösewicht Cadoc Aalstrom diesmal ein Mensch ist. Anders als im ersten und zweiten Band, wo es bei Familie Wiesengrund und ihren Mitstreitern darauf ankam, das Ungeheuer Nesselbrand und den Greif Kraa zu besiegen. „Schließlich verschwanden an jedem Tag so viele Tiere, so viele Fische, Käfer, Vögel, weil die Menschen immer mehr von der Welt für sich beanspruchten ... Wen kümmerte es schon, wenn es Feen, Drachen, Homunkuli genauso erging?“.

Überbordende Phantastik, kein programmatischer Ökothriller

Trotz solcher Benennungen des zerrütteten Verhältnisses zwischen Mensch und Natur gehört „Der Fluch der Aurelia“ nicht zur Welle programmatischer Ökothriller, die auch im Jugendbuchbereich zunehmen. Dazu hat Cornelia Funke zu viel Spaß an überbordender Phantastik, die sich als farbenfrohes Märchen lesen lässt.

Diesmal hat es ihr der Zauber der Tiefsee angetan, aus der die Aurelia, eine wundersame Riesenqualle, in Zeiten der Not aufsteigt und mit ihren Samenkapseln neues Leben in die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft trägt. Kraken, Meermenschen, Fische und andere ozeanischen Kreaturen kommunizieren per Telepathie und Signalfarben. Drachenreiter Ben Wiesengrund, seine zeitweilig zur Selkie-Robbe mutierte Schwester Guinever, Mutter Vita und Vater Barnabas wollen die Aurelia gemeinsam mit Tieren und Fabelwesen schützen.

Gegen deren Erzfeind Cadoc Aalstrom, der sich deren Magie bedient, um sich immer mehr Macht, Geld und ewige Jugend zu verschaffen. Trotz seiner 45 Jahre sieht der einstige Mitschüler von Barnabas immer noch aus wie 14. Den zur Verjüngung nötigen Silberstaub der Moosfeen schüttelt er den zarten Kreaturen ohne Rücksicht auf ihr Leben aus den Flügeln. Auch das letzte lebende Einhorn hat der Kerl in seiner Gier nach Zaubermitteln getötet.

[Cornelia Funke: Drachenreiter – Der Fluch der Aurelia. Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. Dressler Verlag, Hamburg 2021, 432 Seiten, 20 €. Ab zehn Jahre]

Cadoc Aalstroms Sicht wird genau wie die von Ben, Guinever, Rattenpilotin Lola, Homunkulus Fliegenbein und weiteren Mitgliedern der erstaunlichen Menagerie im steten Perspektivwechsel erzählt. Das hält den Spannungsbogen oben, der im letzten Drittel zunehmend durchhängt.

Dafür dass man der Aurelia trotzdem weiter folgt, sind Cornelia Funkes Sprachmalereien verantwortlich. „Die Nacht drückte ihr schwarzes Gesicht gegen die Fensterscheiben“, heißt es da und „Das Meer atmete Sterne aus.“ Die menschliche Hybris, sich für die höchstentwickelte Spezies zu halten, treibt sie mit Poesie aus.

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