Leuchtdreiecke. Ein Teil der Kunstaktion von Florence Cosnefroy ist am Waschhaus, der andere im Foyer zu sehen. Foto: Bärbel Högner
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Corbusierhaus in Westend Wohnen ist Hoffnung

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Licht und Weite: Das Corbusierhaus in Westend feiert sein 60-jähriges Bestehen mit der Installation „Farbdialog“.

Wie gepflegt das auf Betonstelzen stehende Corbusierhaus und der dazugehörige Park inzwischen sind! Ein mit „Hier nicht“ und unmissverständlichem Piktogramm beschriftetes Schild am Zaun zum benachbarten Gelände des S-Bahnhofs Olympiastadion wehrt sogar eigens die offensichtlich auch im gediegenen Westend marodierenden Wildpinkler ab.

Beim letzten Besuch sah das noch deutlich abgeranzter aus. Das war irgendwann in den Achtzigern, als die Eltern einer Freundin ihre Hausbar loswerden wollten. Dass Le Corbusier einer der einflussreichsten (und umstrittensten) Architekten des 20. Jahrhunderts ist, hat den im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1957 zuerst für das Hansaviertel in Tiergarten geplanten Sozialbau „Typ Berlin“ damals nicht einladender gemacht.

Inzwischen ist der seit 1996 denkmalgeschützte Gebäuderiegel mit den farbigen Diagonalen an den Loggien der 530 meist zweigeschossigen Wohnungen längst eine auch bei Architekten und Designern begehrte Adresse geworden. Touristen stehen fotografierend davor. Die kulturaffine Eigentümergemeinschaft pflegt eine stilbewusste Internetseite (www.corbusierhaus.org) zur Geschichte und Architektur, gründete einen Förderverein, der nach Vereinbarung auch Führungen veranstaltet, und begeht das 60-jährige Bestehen der 1958 fertiggestellten Wohnanlage mit einer Kunstaktion, die als gemeinsames Hausprojekt umgesetzt wurde. Kuratorin Bärbel Högner lebt ebenfalls hier und hat sich in Büchern und Fotografien mit dem Architekten auseinandergesetzt.

Transitzone zwischen Privatheit und Stadtraum

Dasselbe gilt auch für die Pariser Künstlerin Florence Cosnefroy, die in mehreren ortsspezifischen Installationen in französischen Corbusier-Bauten immer wieder die Polychromie des Meisters aufgreift. Die Vorderfront der Berliner Wohnmaschine habe sie als Gemälde aufgefasst, das von weißen, schwarzen, farbigen Flächen rhythmisiert wird, erzählt Bärbel Högner. Die leuchtend blauen, roten und gelben Farbfolien, mit denen Cosnefroy die Glasfassade des nachträglich unter den Baukörper geschobenen Waschhauses beklebt hat, greifen denn auch die Farbdiagonalen der Balkone auf.

Unten im Foyer, wo ein Kiosk Getränke und Zeitungen verkauft, herrscht stetes Kommen, Gehen und Begrüßen. Ein großformatiger stummer Diener zeigt die Bewohnernamen des in zehn „Straßen“ unterteilten Hauses an. Im Mitteilungskasten suchen Nachbarn nach einer Katzenbetreuung. Auch eine Traueranzeige ist ausgehängt. In dieser Transitzone zwischen häuslicher Privatheit und öffentlichem Stadtraum ist der zweite Teil der Kunstaktion sinnfällig platziert. Reihum hängen in Farbgruppen sortierte Tafeln. Darauf pinnen Zitate der 50 Bewohnerinnen und Bewohner, mit denen die Künstlerin einstündige Gespräche über ihren Wohnalltag geführt hat. Die von jedem Interviewten ausgewählte Farbkarte stammt aus dem Farbenfächer von Le Corbusier und dient als assoziative Gesprächsgrundlage.

Permanente Verbindung zum Wetter

Micky B. aus der achten Straße hat ein frisches Gelb ausgesucht und erzählt, dass er sich sofort in die freie Sicht nach Osten und die gelb gestrichene Loggia seiner kleinen Wohnung verliebt hat. Obwohl „das Gebäude zu jener Zeit ein bisschen gruselig und heruntergekommen“ war. Christel L. hat sich für Grün entschieden, das für sie, die sich 2010 in der dritten Straße mit den grünen Türen niederlässt, zur Farbe der Hoffnung wird. Drei Jahre nach dem Einzug erleidet sie einen Schlaganfall und kann plötzlich nicht mehr sprechen. Trotzdem gelingt es ihr, den Haustechniker zu erreichen, der Hilfe ruft. Sie kommt durch. Evamarie K. aus der neunten Straße besitzt sogar noch den Originalmietvertrag von 1958 mit der damaligen Anschrift „Heilsberger Dreieck“.

Zwei Themen beherrschen die Aussagen – Berlin und seine Geschichte und die Freude darüber, in diesem Haus Licht, Weite und eine permanente Verbindung zum Wetter, den Sonnenauf- und untergängen, kurz: zur Natur zu erleben. Angesichts der Monotonie der aktuellen Schießschartenarchitektur am Hauptbahnhof ist es erbaulich zu lesen, wie ein gelungenes Gebäude Menschen Freude und Anregung sein kann, mitunter sogar lebenslang. Und was die verblichenen Farbfelder auf den Balkonen angeht: 2019 wird die Westfassade saniert.

Corbusierhaus, Flatowallee 16, Westend, bis 30. September, täglich 10–18 Uhr

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