Der Pate des anspruchsvollen Comics: Will Eisner auf einer Doppelseite aus „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“. Foto: avant
© avant

„Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ Der Wegbereiter des modernen Comics

Barbara Buchholz

Will Eisner hat die Kunstform nachhaltig geprägt. Kunsthistoriker Alexander Braun würdigt sein Werk mit einer Ausstellung und einer umfangreichen Monografie.

Er lotete die Möglichkeiten des Comics aus wie nur wenige andere, bis zu seinem Tod 2005. Erst mit der vor allem formal innovativen Serie „The Spirit“ während des Golden Age of Comic Books der 1940er und 50er Jahre. Später mit Sekundärcomics darüber, wie Comics funktionieren. Mit Graphic Novels, also langen Erzählungen, die das Heftformat sprengten. Und zuletzt mit einem dokumentarischen Werk über eines seiner Lebensthemen, den Antisemitismus.

Jetzt würdigt der Kunsthistoriker Alexander Braun den Comicpionier Will Eisner mit einer Ausstellung und einer umfangreichen Monografie.

Die Ausstellung kann auch im Internet besucht werden

Im Dortmunder Schauraum Comic + Cartoon ist seit Mitte März die von Braun kuratierte Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ geöffnet – zumindest soweit es die Pandemie-Beschränkungen erlauben (bis mindestens 27. Juni 2021). Wer nicht die Gelegenheit zu einem Besuch vor Ort hat, kann einen virtuellen Rundgang unternehmen.

Außerdem hat Braun, wie bei den von ihm kuratierten Comic-Ausstellungen üblich, einen Katalog zusammengestellt, der nicht nur gut aussieht, sondern auch angenehm zu lesen ist (avant-Verlag, 384 S., Hardcover, 25 x 32 cm, vierfarbig, 39 €). Die Lektüre bietet einen umfassenden Einblick in Eisners Leben und Werk.

Die üppige Bebilderung besteht neben den in der Ausstellung gezeigten Originalzeichnungen, Artefakten und Fotos aus weiteren Abbildungen zu einzelnen Themenbereichen – so wie Richard F. Outcaults Sonntagsseite „Hogan’s Alley“ von 1896. Darauf verprügeln New Yorker Straßenkinder einen Hundefänger, im Vordergrund grinst ein kahlköpfiger Junge, auf dessen gelbem Nachthemd eine Botschaft steht – das „Yellow Kid“ war ein früher Superstar unter den Zeitungscomicfiguren.

Dieser farbig gedruckten Szene gegenübergestellt ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie vom Beginn des 20. Jahrhunderts, auf der Kinder im Rinnstein hocken, während direkt neben ihnen ein totes Pferd auf dem Kopfsteinpflaster liegt.

Gezeichnete Sozialstudien: Eine Doppelseite aus „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“. Foto: avant Vergrößern
Gezeichnete Sozialstudien: Eine Doppelseite aus „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“. © avant

Den 13 Kapiteln des sorgfältig produzierten Wälzers vorangestellt ist ein Eisner-Zitat: „Comic – Sequenzielle Kunst – ist mein Medium. Ich betrachte es als mein einziges Medium, so wie der Schriftsteller nur Worte schreibt, oder der Filmemacher nur in Filmen denkt. Es ist ein definierbares, einzigartiges Medium. Es hat Grenzen und Eigenschaften, es hat eine Grammatik, es hat klare Regeln, es hat Einschränkungen und Möglichkeiten – Möglichkeiten, die noch nie jemand wirklich berührt hat.“

„It is so warm here in Dortmund!“

Auf den folgenden rund 380 Seiten arbeitet Alexander Braun heraus, wie Eisner selbst diese Möglichkeiten des grafischen Erzählens erforschte – vor allem in seiner Serie „The Spirit“ ab den 1940er Jahren. Zuvor aber rollt Braun die Herkunftsgeschichte des späteren „Paten der Graphic Novel“ auf, die in Geschichten wie „Ein Vertrag mit Gott“ und vor allem „Zum Herzen des Sturms“ eine Rolle spielt.

Der Vater Shmuel (später Sam) war aus Wien eingewandert, die Familie der Mutter Fannie aus Rumänien, beide waren jüdischen Glaubens und lernten sich in New York kennen. 1917 kam William Erwin Eisner, genannt Will, in Brooklyn zur Welt. Mit Zeitungscomics hatte er schon mit 13 Jahren beruflich zu tun – er begann, Zeitungen auf der Straße zu verkaufen, um die Familie ernähren zu helfen.

Traumaverarbeitung: Eine Szene aus „Ein Vertrag mit Gott“. Foto aus „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“/avant Vergrößern
Traumaverarbeitung: Eine Szene aus „Ein Vertrag mit Gott“. © Foto aus „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“/avant

Die Katalogkapitel beleuchten chronologisch beziehungsweise thematisch Eisners verschiedene Lebens- und Werkabschnitte. Von der Gründung eines eigenen Studios über den kreativen Durchbruch mit „The Spirit“ – unterbrochen vom Militärdienst, in dem Eisner Erklärcomics zur korrekten Wartung der Ausrüstung für die US-Army produzierte – bis zu Lehrbüchern über die sequenzielle Kunst und schließlich seinen Graphic Novels, mit denen er spät in seiner Karriere noch einmal einen neuen Weg einschlug.

[Alexander Braun, der Kurator von „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“, wurde kürzlich zum zweiten Mal einen Eisner-Award für seine Arbeit als Herausgeber historischer Zeitungscomics und Autor geehrt - hier gibt es ein Interview mit ihm dazu.]

Braun erzählt aber auch von persönlichen Schicksalsschlägen in Eisners Leben, die der Künstler lange für sich behielt; die Tochter von Will und seiner Frau Ann Eisner starb mit 16 Jahren an Leukämie, der Sohn erkrankte an einer Psychose. Den Tod der Tochter und die Verzweiflung darüber thematisiert Eisner in „Ein Vertrag mit Gott“.

Unter dem Titel „Zur Hölle mit dem Antisemitismus“ widmet sich ein aufschlussreiches Kapitel den jüdischen Aspekten in Eisners Werk. Schließlich gibt ein umfassendes Gespräch, das Braun mit dem langjährigen Eisner-Verleger Dennis Kitchen geführt hat, interessante Einblicke.

Das Titelbild der besprochenen Monografie. Foto: avant Vergrößern
Das Titelbild der besprochenen Monografie. © avant

Und dann wäre da noch die Anekdote, die der aus Dortmund stammende Braun im Nachwort erzählt: Im Juni 1992 kündigte ein Comicladen in der Stadt eine Signierstunde mit Eisner an. Der begeisterte Braun packte Bücher zusammen, wunderte sich ob der nicht vorhandenen Menschenschlange vor dem Laden – und dann noch mehr, als er das Ehepaar Eisner allein am Signiertisch sitzend antraf.

Die Eisners schienen das Desinteresse aber gelassen zu sehen. Einzig die unerwartete Hitze bereitete ihnen wohl Mühe. Die im Buch abgedruckte Widmung zeigt den Spirit, dem Schweiß von der Hutkrempe tropft. Daneben die Sprechblase: „It is so warm here in Dortmund!“

Zur Startseite