Digital und unverbindlich: Eine Szene aus „Die Perineum-Technik“. Foto: Reprodukt
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Virtuelle Orgasmen Die Liebe in den Zeiten der Dating-App

Der Comic „Die Perineum-Technik“ porträtiert eine Cyber-Sex-Beziehung, die durch Verführung, Verzicht und Vertrauen langsam ihren Weg die Realität findet.

Wie hat man Sex im 21. Jahrhundert? Vielleicht gar nicht. Die Omnipräsenz von Sexualität und nackter Haut in den Medien schafft zwar gelegentlich den Eindruck, dass wir von Sex umgeben sind, doch auch der ständige Blick auf die Millionen Mitglieder von Tinder, Grindr oder OKCupid garantiert noch nicht, dass Sex tatsächlich Realität wird. So groß das Internet auch ist und die Zahl an potentiellen Sexpartnern unüberschaubar scheint, so groß ist auch die Unverbindlichkeit, in der sich die ständige Erwartung immer wieder aufzulösen droht.

Monatelange Enthaltsamkeit

Diese Erfahrung macht auch der Protagonist des Comics „Die Perineum-Technik“ (aus dem Französischen von Andreas G. Förster, Handlettering Céline Merrien, Reprodukt, 102 S., 20 €): Der Videokünstler JH hat Sarah über eine Dating-App kennengelernt, mit der er regelmäßig via Skype Sex hat. Einem realen Treffen weicht sie jedoch immer wieder aus, genauso wie Fragen darüber, was sie eigentlich beruflich macht.

Schließlich schafft es JH, sie zu einem Treffen auf einer Swinger-Party zu überreden. Sie kommen sich zwar näher, haben aber auch hier keinen Sex. Zum Abschied empfiehlt Sarah JH eine Technik, mit der er durch Muskelanspannung verhindern kann, dass es beim Orgasmus zu einer Ejakulation kommt, die Perineum-Technik.

Eine weitere Seite aus „Die Perineum-Technik“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Eine weitere Seite aus „Die Perineum-Technik“. © Reprodukt

Ziemlich schnell wird klar: JH ist verliebt und fiebert einem neuen Treffen mit Sarah entgegen. Diese nötigt ihn jedoch zu einem monatelangen Enthaltsamkeitsmarathon, als Belohnung will sie mit ihm zu Abend essen.

Surreale Metaphern für sexuelle Phantasien

All das schildern die Franzosen Florent Ruppert und Jérôme Mulot („Olympia“) in einem nüchternen Stil, der fast gänzlich auf pornographische Darstellungen verzichtet. Stattdessen wählen sie surreale Metaphern für JHs Phantasien: Abgeschnittene Finger werden zu kleinen Wölkchen, riesige Wassertropfen werden mit Säbeln zerschnitten, bei einem Sprung von einem hohen Monolithen zeichnen JH und Sarah mit Dolchen lange Linien in die senkrechte Wand.

JHs Schwierigkeit, real an Sarah heranzukommen, kontrastiert damit, dass er und seine Arbeitskollegen die ganze Zeit völlig alltäglich über Sex sprechen: Seine Assistentin plaudert mit ihm über sein Skype-Date, sein Ton-Techniker macht mal eben Pause, weil ihn auf Grindr jemand angeschrieben hat, und auch in JHs Videos spielt Sex ständig eine Rolle.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Reprodukt Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Reprodukt

All das kann nicht kaschieren, dass JH immer wieder gebannt auf Nachrichten von Sarah wartet: Der unentwegte Blick aufs Smartphone spiegelt seine Obsession ebenso wider wie seine unerfüllten Bedürfnisse.

Ständig verfügbar und doch unerreichbar

Die scheinbar ständige Verfügbarkeit von Sex im Internet weckt den trügerischen Eindruck, dass es ganz einfach sei, auch real über fremde Sexpartner zu verfügen. Doch Sarah schiebt dem einen Riegel vor: Sie macht klar, dass zu einer echten Beziehung mehr gehört, als nur miteinander Nacktfotos auszutauschen und über seine Phantasien zu chatten. Es geht um Vertrauen und um den Verzicht auf automatische Erwartungen, denn nicht jedes Treffen muss zwangsläufig mit Geschlechtsverkehr enden.

Ruppert und Mulot belassen es jedoch dabei, das komplizierte Wechselspiel zwischen JH und Sarah zu schildern, ihre Hoffnungen, Ängste und Motivationen hingegen werden nur sehr oberflächlich skizziert. Etwas mehr psychologische Tiefe hätte den Figuren gut getan. So bleibt „Die Perineum-Technik“ nur das etwas unbefriedigende Porträt einer Sex-Beziehung im 21. Jahrhundert: Digital, unverbindlich, und dennoch nicht sicher vor der Liebe.

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