Vielschichtige Lektüre: Eine Seite aus „Vernon Subutex“. Foto: Reprodukt
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„Vernon Subutex“ im Comic Adaption de luxe

Marie Schröer

Der Ex-Charlie-Hebdo-Zeichner Luz hat Virginie Despentes' Bestseller „Vernon Subutex“ virtuos neu interpretiert. Band Eins ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Eine kleine Notiz vorab, obwohl oder gerade weil diese im Kontext eines (Comic-)Romans, der unter anderem die Verdrängung des guten alten Schallplattengewerbes durch digitale Dienstleister thematisiert, etwas makaber anmuten mag und mit dieser Ironie ganz gut zum Register des Romans passt: User*innen einschlägiger Musikstreaming-Plattformen können dort mehrstündige Playlists unter der Überschrift „Vernon Subutex“ finden, in die Fans der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes jede Menge Mühe investiert haben.

Eine weitere Szene aus „Vernon Subutex“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Eine weitere Szene aus „Vernon Subutex“. © Reprodukt

Musik ist für den Roman in Prosa- und Comicform so essentiell, dass die auditive Begleitung zu, zwischen oder nach den Lektüreeinheiten für das synästhetische Leseerlebnis wärmstens empfohlen wird.

Zum Sound von Rock-, Pop-, Chanson-; Hiphop- und Krautrock-Legenden, zu Motörhead und Chavela Vargas, Janis Joplin und Leonard Cohen, Patti Smith und Serge Gainsbourg lässt sich „Vernon Subutex“ noch intensiver erleben; zwischen den Zeilen ist die musikalische Untermalung sowieso konstant präsent. Insofern: Auch bei der Lektüre der zahlreichen Paratexte, etwa dieser Rezension, kann ein bisschen Johnny Cash im Hintergrund sicher nicht schaden.

Paratexte gibt es nämlich unzählig viele: Kaum ein literarisches Werk hat in den letzten Jahren in der Presse für so viel Furore gesorgt wie Virginie Despentes' Trilogie „Vernon Subutex“ (2015-2017). Despentes wurde sogar im deutschen Feuilleton so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie sonst nur Michel Houellebecq, dem ewigen enfant terrible der französischen Literaturszene (der im Comic übrigens einen Cameo-Auftritt hat).

Die Gründe sind vielfältig, fest steht: Despentes‘ Roman über den titelgebenden Vernon, seinen ökonomischen Abstieg vom Schallplattenverkäufer zum Obdachlosen und seinen spirituellen Aufstieg vom Clochard zum virtuos-spirituellen DJ und Guru traf den Puls der Zeit thematisch und stilistisch.

Achtung Binge-Reading: Balzac 2.0

Despentes wurde in den Rezensionen unter anderem als „Balzac 2.0“ gefeiert; der Vergleich mit dem legendären Romancier bezog sich dabei primär auf die soziologische Bedeutung: „Vernon Subutex“ ist ein Gesellschaftsroman, ein Paris-Panorama, ein Zeitgeist-Portrait; seziert werden die Neurosen unserer Tage am Beispiel diverser urbaner Soziotope, wie bei Balzac stehen jeweils unterschiedliche Figuren im Fokus.

Vom Schallplattenverkäufer zum Obdachlosen: Vernon Subutex in Nahaufnahme. Foto: Reprodukt Vergrößern
Vom Schallplattenverkäufer zum Obdachlosen: Vernon Subutex in Nahaufnahme. © Reprodukt

Vernon trifft auf seiner Odyssee durch die Stadt (die durch das Eintauchen in verschiedenste Welten und Psychogramme einen Vibe von Roadtrip hat - ohne Auto, aber mit viel Musik) u.a. (Ex-)Punks, Hipster, Spießbürger*innen, Neonazis und Medienmenschen.

Der Roman kann durch seine Episodenstruktur häppchenweise gelesen werden; seine Serien-Ästhetik erinnert nicht nur an Balzac, sondern auch an die komplexeren Produktionen von BBC, Netflix, Sky und Co. Apropos Erzählstil: Despentes’ Sprache hat street credibility: Sie ist ebenso roh wie akkurat; jeder Satz sitzt.

Vernon 2.0: Visuelle Variationen

Das Figurenkabinett, die serielle Erzählweise und der alltagssprachliche Stil prädestinieren den Roman für Übertragungen in andere Formate. Die TV-Serien-Adaption wurde von Despentes und dem Feuilleton als zu geglättet kritisiert; dem Comic (aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Lilian Pithan, Handlettering von Olav Korth, Reprodukt-Verlag, 304 S., 39 €) kann man diesen Vorwurf nicht machen.

Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch. Foto: Reprodukt Vergrößern
Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch. © Reprodukt

Luz bleibt in seiner Version dem dreckigen Sound der Vorlage treu. Das heißt nicht, dass er sich nicht austobt, ganz im Gegenteil. Luz ist ehemaliger Charlie-Hebdo-Zeichner, der unter anderem das bekannte „grüne“ Cover der Ausgabe nach den Attentaten gestaltet und in den Büchern „Katharsis“ und „Wir waren Charlie“ die Zeit vor und nach dem Anschlag verarbeitet hat.

Er ist geübt im schnellen und pointierten Zeichnen. Diese Qualifikation kommt ihm bei der Adaption von „Vernon“ zugute, schließlich handelt es sich um ein Mammutwerk, das aufs Wesentliche gestutzt werden muss. Glücklicherweise bleibt der Comic trotzdem textreich (textlastig wäre falsch konnotiert) und gibt den Despentschen Aphorismen den adäquaten (Panel-)Rahmen.

Der „Subutex“-Comic ist aber weit mehr als nur eine pragmatische Verdichtung und Illustration zitationswerter Passagen; Despentes selbst spricht in Interviews von einer „version deluxe“ des Romans. Jedes einzelne Panel zeugt von Luz‘ Auseinandersetzung mit und Zuneigung für den Roman. Luz nutzt die Eigenschaften des Mediums, um das Werk um eine weitere Perspektive (oder besser: Perspektiven) zu erweitern.

Dabei sind in erster Linie die Originalität und Lust hervorzuheben, die sein Spiel mit den Leitmotiven des Romans charakterisieren. Immer wieder greift er zum Beispiel den musikalischen Subtext auf, wenn etwa mehr oder minder bekannte Plattencover als Inspiration für Panelgestaltungen dienen.

Das Titelbild des besprochenen Buches. Foto: Reprodukt Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Buches. © Reprodukt

Der Comic strotzt generell vor visuellen Einfällen: Luz ist ein Meister der grafischen Metaphern, er weiß mit Seitenarchitektur, Form- und Farbgebungen und vor allem mit subtilen Wiederholungen zu experimentieren. Jede Figur hat ihre Farbe, Vernons Passagen etwa sind Nikotin-gelb getönt; das Gelb wird fortan zum Zeichen für Vernon, selbst wenn er nicht im Bilde ist.

Für die Lesenden heißt das: Sie können sich in die detektivische vielschichtige Lektüre stürzen, Wiederholungen und (Musik-)Zitate identifizieren, den Comic mit der Vorlage vergleichen, autofiktionale Anspielungen erkennen, oder auch sich ganz einfach richtig gut unterhalten lassen: Binge Reading ist auch hier garantiert.

Luz und Despentes sind einzeln fantastisch; im Duo sind sie nicht zu bremsen. In Frankreich soll im Herbst der zweite Teil erscheinen. Band 1 ist schon jetzt mein Comic des Jahres.

Unsere Autorin Marie Schröer ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin sowie freie Kulturjournalistin. Seit 2020 hat sie die Juniorprofessur für Kultursemiotik und Kulturen romanischer Länder an der Universität Potsdam inne.

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