Max Baitinger gibt Vollgas und wahrt dabei die Form. Illustration: Max Baitinger
© Illustration: Max Baitinger

Stadt wird Comic Dem Virus gewachsen

Wie kann in Corona-Zeiten ein Comicfestival organisiert werden, das eigentlich von Interaktion lebt? In Hamburg wurde einfach die Struktur des Mediums genutzt.

Sogar die sanitären Anlagen im Kölibri, Zentrum des Hamburger Comicfestivals, das sonst die Verlage mit ihren Verkaufsständen beherbergt, waren mit Flächendesinfektionsmitteln für die Klobrillen bestückt. Dies sollte, in Verbindung mit Einlassobergrenzen und Datenerhebungen sowie mit Sensoren versehenen Handdesinfektionsspendern am Einlass, das Infektionsrisiko durch Covid-19 für die Besucher*innen mindern.

Jedenfalls schienen diese Sensoren nicht nur helle Hauttöne lesen zu können, denn das Publikum war überwiegend jung, nicht unbedingt männlich wie nicht nur weiß – und von keiner der Besucher*innen wurde eine Fehlfunktion besagter Spender angezeigt.

Damit sind sie in Hamburg wieder mal auf der Höhe der Zeit, was sich ebenso im Umgang mit dem gegenwärtig grassierenden und vermutlich nicht so schnell wieder verschwinden wollenden Virus zeigte: Anstatt die Veranstaltung ausfallen zu lassen oder ins schnöde Internet zu verlegen, wurde sich darauf besonnen, dass der Comic seiner Struktur nach aus vielen von den Rezipierenden zusammenzuführenden einzelnen Elementen besteht, und dass ein als „Panel Walk“ betitelter Spaziergang an der frischen Luft – zumindest bei gutem Wetter – auch dem Infektionsrisiko durch Aerosole weitestgehend den Garaus macht.

Die so bewirkte Schnitzeljagd-Atmosphäre wurde durch das Anbringen kleiner Behältnisse an den Fensterscheiben mit sammelbaren Aufklebern der jeweils in den Läden Ausstellenden forciert, die von dahineilenden Passanten eventuell als Aschenbecher fehlinterpretiert werden konnten.

 Sozialistische Handreichung

 Mit dem Wetter hatten sie vorerst Glück, und so ließ sich auf der in Hamburg langjährig gepflegten Tradition der dezentralisierten Grundstruktur gut aufbauen: Die einzelnen Ausstellungen wurden und werden erneut unter Einbindung der in den noch nicht völlig durchgentrifizierten Stadtvierteln rund um St. Pauli, der Sternschanze sowie Altona beheimateten kleinen Shops und Gastronomiebetriebe durchgeführt, die Anzahl von Signierstunden und Lesungen sowie deren Teilnehmerzahlen aber reduziert und mit strikten Einlasskontrollen und Maskenpflicht belegt – was übrigens auch bedeutet, dass selbst Pressevertreter, sonst puppenglücklich und verwöhnt, nicht auf heiß begehrte Slots wie beispielsweise die Lesung von Olivier Schrauwen zugreifen konnten.

Stiefel inszeniert wie in der Vogue: Ronja Fischers betörend schöne Festivalprospektillustration. Illustration: Ronja Fischer / Comicfestival Hamburg Vergrößern
Stiefel inszeniert wie in der Vogue: Ronja Fischers betörend schöne Festivalprospektillustration. © Illustration: Ronja Fischer / Comicfestival Hamburg

Aber erstens ist real existierender Sozialismus geil, und zweitens gab es ja noch eine Ausstellung besagten Künstlers, der dem Begriff „weirdness“ durch seine eigenwilligen Comics stets neue Bedeutungsinhalte abgewinnt – ein Goldschürfer des Absurden, in dessen Werkschau mit Originalen sogar eine Art Trickfilm oder besser, bewegtes Daumenkino zu bestaunen war.

Als weitere Sicherheitsmaßnahme gab es übrigens zudem Handschuhe in Ausstellungen, bei denen aufwendig produzierte Einzelstücke gezeigt wurden, und die deshalb durch mehrere Hände gingen. Das Tolle ist, dass hier der Fetischismus des Sammlers und Bewahrers mit dem Schutz durch eventuelle Schmierinfektionen Hand in Hand – oder eben gerade nicht – gingen.

Überhaupt, aufwendig: Der Trend bei Absolventen der HAW scheint zur sehr individuellen Gestaltung hin- und vom üblichen Erscheinungsbild von Gedrucktem wegzugehen. Seien es nun der mit einzelnen Heften befüllte riesige Schuber, Leporellos, Boxen mit Kärtchen, auf denen Geschichten erzählt werden, und so weiter. Das macht optisch viel her, die Inhalte sowie deren propagierte Ästhetik hielten jedoch nicht immer dem überfallartigen ersten Beeindrucktsein stand – aber gut, das sind Künstler*innen, die noch am Anfang stehen und von denen vermutlich noch einiges zu erwarten sein dürfte.

Wenn die Dunkelheit die Welt verschluckt: Sascha Hommer setzt auf Sunblocker. Illustration: Sascha Hommer Vergrößern
Wenn die Dunkelheit die Welt verschluckt: Sascha Hommer setzt auf Sunblocker. © Illustration: Sascha Hommer

Das alles, hohe Sicherheitsstandards nebst derartigen Präsentationen mit folgerichtig höherem Personalaufwand, ist natürlich nur zu leisten, wenn keine großen Gewinne erwirtschaftet werden wollen. Aber im Niedriglohnsektor Comic, dessen Unterabteilung, der experimentelle und sich ausprobierende Kunstcomic vorwiegend junger Künstler*innen nicht-heteronormativer Art, so richtig am Bettelstock geht, kann nur auf Förderungen durch staatliche sowie private Institutionen und Sponsoren wie unter anderem von Verlagen und Einzelhändlern gesetzt werden.

Im Plattenladen Zardoz kam die Hängung einzelner Seiten in voneinander getrennten Fensterscheiben denn auch dem sequentiellen Charakter der Ausstellungsstücke zusätzlich entgegen, sodass ein verblüffender Effekt doppelter Induktion eintrat, der bei der Möglichkeit eines Betretens des Ladens – es war ein Feiertag – vielleicht gar nicht so augenfällig geworden wäre.

 Gottes Vorwerk und Teufels Beitrag

 Dieses Prinzip machte sich auf ganz besondere Weise die für das Festival als Kuratorin tätige und nebenbei in Mode machende Comicautorin Jul Gordon zu Nutze, die „Draußen“ als gesundheitsschützende Maßnahme, das sequentielle Prinzip von Fensterhängungen und die leise Ahnung von Graffitikunst auf großen Hauswänden oder den Fingerzeig auf den Stellenwert der Comickultur in Belgien, wo ganze Häuser von berühmten Comiczeichner*innen verziert sind, klug zusammen dachte.

Selbst die Schattierungen gehorchen nur dem Willen von Noëlle Kröger, aber bestimmt nicht dem Lehrbuch. Illustration: Noëlle Kröger Vergrößern
Selbst die Schattierungen gehorchen nur dem Willen von Noëlle Kröger, aber bestimmt nicht dem Lehrbuch. © Illustration: Noëlle Kröger

Die Präsentation der zwischen Jugendstil und Ballett tanzenden Werke der aus Israel stammenden Keren Katz bot, wie so oft im eigentlich als Künstler*innenresidenz fungierenden Vorwerk, einen der Festivalhöhepunkte auf; erinnert sei hier nur an die beeindruckende Schau finnischer Comics 2016 oder das interaktive Comic-Quest letztes Jahr von und mit Lizz Lunney.

Internationale Gäste waren auf Grund der viral angespannten Situation nicht zugegen, der eigentlich angedachte Besuch von Keren Katz fiel dem leider auch zum Opfer. Also war es, angelehnt an der Trinity des DC-Universums, nämlich Wonder Woman, Superman und Batman, an der Dreieinigkeit – was auch zum Feiertag passte – des deutschen Alternativ-Comics, Anna Haifisch, Max Baitinger und Sascha Hommer, etwas Glamour zu versprühen und Comics zu signieren.

Wer da wen genau verkörperte, können Sie anhand dieses Sketches des Ein-Mann-Komödienstadls und Meisters von „unterkühlten PunchlinesMax Ba(i)tinger erahnen. Alle drei Künstler*innen hatten neue Werke zur Signierstunde im Gepäck, und fast hätte ich das deutsche Frauenwunder Anna Haifisch mit ebenfalls Max-und-Moritz-Preisträgerin Sarah Burrini verwechselt.

Letztere hatte mich neulich einen Ernährungsbanausen gescholten und danach zum Erwerb sündhaft teurer italienischer Teigwaren bekehrt, während Erstere mit einem spinnerten Werk über Nudeln, „Gnocchi Gnocchi Who's There“ aufschlug, das – ha ha – mit einer eiergelben Spiralnudelbindung aufwartete und in Zusammenarbeit mit ihrer Kollegin und Freundin Stefanie Leinhos entstand.

Der Humor ist, wie der Titel bereits andeutet, ziemlich beknackt, wenn er nicht gerade durch Trompe-l'œil-artige Effekte zum Kringeln im Fusilli-Style verleitet oder durch die Haifisch zu eigene Melancholie und ihren zuweilen tremorartigen Strich sowie gegeneinander Frontstellung beziehende Farben gebrochen wird.

Anna Haifisch zeigt uns Flugkapitän K. Lauer. Illustration: Anna Haifisch Vergrößern
Anna Haifisch zeigt uns Flugkapitän K. Lauer. © Illustration: Anna Haifisch

Als ein Freund von Kringel und Kurve gibt sich ebenso Max Baitinger zu erkennen, dessen Kunst gelegentlich den Eindruck hinterlässt „So müsste es ausgesehen haben, wenn Luigi Colani Gedichte geschrieben hätte.“ Baitingers soeben veröffentlichter Comic „Happy Place“ versammelt Werke aus dem Zeitraum der letzten zwei Jahre, darunter auch die großartigen „Jazz Nights“. Seine, es ist nicht anders benennbar, 'inky curves' versprühen eine unterschwellige Erotik der Form, was nach eigener Aussage eh Baitingers Hauptanliegen ist, siehe auch „Jazz Nights“, ebenda. Sein metatextueller Umgang mit der Bilderbuchfigur Petzi nötigt mir übrigens tiefsten Respekt ab; nur die andersartige Kolorierung einiger Storys sagt mir im Vergleich mit den Risoprint-Erstveröffentlichungen nicht so richtig zu – auch wenn es hier nur um Tonabstufungen gehen mag.

Farbtöne werfen die Frage auf, wie rot oder eventuell blau eigentlich der Dritte im Bunde seiende Comic-Supermann Sascha Hommer genau ist. Denn nachdem ich ihn bereits als Kommunisten verortet zu haben glaubte, legte er mir, seine Tochter dabei auf den Knien wippend, nahe, ich solle verkünden, er sei jetzt Trans-Mann. Das letztjährige „lover of and husband to comics“ hatte wohl nicht gereicht.

Was er, sein neues mit Jan-Friedrich Bandel zusammen verfasstes „Pixi“-Buch „Die Sommerreise der Griesgrame“ im Gepäck habend, damit tatsächlich meint, ist natürlich der Transfer von Wissen und Know-How. Denn als Dozent der HAW leistet er zusammen mit Anke Feuchtenberger die nötige und wichtige Kärrnerarbeit, die den kreativen Output des am Comic interessierten Nachwuchses feinfühlig justiert.

Hommers Versiertheit ist also nicht nur an seinem total putzig aussehenden Zeichnungen erkennbar, denen zuverlässig eine tief innewohnende Schwärze zu eigen ist, und in dem nebenbei subtile Kommentare zum Gefälle zwischen Kunst (Einzelbildhängung) und Comic (Bilderflut) treffsicher im oberen Bildrahmeneck platziert werden. Vielleicht ist Hommer eher der Schlussmann/frau der deutschen Comicelf, denn der/die Letzte macht das Licht aus. 

Das Lid der Deutschen

 Und Hommer begegnete mir, wenn auch nicht in Persona, gleich wieder: Da wäre zum einen Noëlle Krögers Langformdebüt im Eigenverlag „Das Unbehagen des guten Menschen“, welches sofort mein Interesse weckte und eine Danksagung an Sascha Hommer und Anke Feuchtenberger beinhaltete. Der Titel erinnert an die moralische Deutungshoheit, umgezogen vom Stammtisch in die sozialen Netzwerke, lange bevor physische Distanz eine prophylaktische Notwendigkeit wurde. Ein exzellentes Cover-Artwork, das dem Titel gerecht wurde und visuell noch etwas hinzuzufügen hatte, sowie die Tatsache, dass Kröger bereits 2018 durch ihren Beitrag für die Ausstellung „Comic*Gender“ meine Aufmerksamkeit durch den besten Beitrag erregt hatte, taten den Rest.

Kein Bildausschnitt, sondern die Seite: Helen Serpentin weiß, wie die Kurve zu nehmen ist. Illustration: Helen Serpentin Vergrößern
Kein Bildausschnitt, sondern die Seite: Helen Serpentin weiß, wie die Kurve zu nehmen ist. © Illustration: Helen Serpentin

Dass in Deutschland in einer Literaturadaption (Brecht) und vermutlich eigene Befindlichkeiten zu einem cleveren Plot-Twist in einem Who-Dunnit verwoben werden, ist ja eher nicht die Regel, macht aber Hoffnung. Hoffentlich nehmen die Retros oder Rotos dieser Welt Kröger schnell unter Vertrag, da ginge bestimmt was.

Spätestes die Farbgebung und der wie selbstverständlich Linien austeilende Zeichenstil, der Akzente und Schattierungen da setzt, wo sie gewollt sind, und nicht, wo sie lehrbuchhaft hinmüssten, macht ja Kunst aus. Die Farbgebung in vorwiegend warmen Ocker- bis Rottönen weist auf entblätternde Prozesse wie den Herbst hin, der zwischen dem Goldschimmer und Vergilben fallenden Laubes die dem einstigen Aufblühen zu Grunde liegenden Verästelungen und Verrankungen aufscheinen lässt und damit die Kernaussage der Geschichte über eine Transformation signifikant beleuchtet.

Zusätzlich ist eine stilistische Nähe zur Kleintierdarstellung der Neuen Frankfurter Schule, i.e. F. W. Bernstein und Robert Gernhard, sowie Veronika Mischitz' ausgefuchsten Beitrag für die erotische Comic-Anthologie und solitäres Highlight deutscher Comic-Historie „Bettgeschichten“ zu attestieren, auf deren zweiten Teil wir seit gefühlt zwanzig Jahren warten.

Und dann war da noch Helen Serpentins „Grandmas New Friend“ (sic!), der im Kurs „Comic ohne Worte“ bei Sascha Hommer an der HAW entstanden ist. Bei beiden Hommer erwähnenden Titeln fällt auf, dass Einsatz von extremer Nähe und Distanz zu bereichernden Perspektiven führt und damit die Modifikation von ANSICHTEN anregt; ein Verfahren, das insbesondere mit diesem Wagemut wie bei Helen Serpentin sonst bestenfalls noch in den Fashion-Shootings bei Tush oder Vogue Italia zu beobachten ist. Jedenfalls, Serpentins Hauptfigur erinnert auch auf Grund ihrer zuweilen Plastikant-artigen Farbgebungan eine Matrjoschka, die russischen Puppen in der Puppe.

Bei Helen Serpentin verabschieden sich die Pupillen von der herausfordernden Perspektive. Illustration: Helen Serpentin Vergrößern
Bei Helen Serpentin verabschieden sich die Pupillen von der herausfordernden Perspektive. © Illustration: Helen Serpentin

Und da schlagen wir wieder den Bogen zur farblich erzählten Entblätterung bei Kröger, die sich bereits ebenfalls der Ent- oder Verpuppung in Russland gewidmet hat, und können über Identitätsfindung nachsinnen. Aber auch über das Sehen. Die pupillen- und lidlosen Augen der Figuren Serpentins, die Comicstrip-historisch auf Harold Grays „Little Orphan Annie“ oder Naomi Fearns „Zuckerfisch“ verweisen, füllen sich mit dem Objekt der Begierde, dem Brot, das hier teignah den Proust'schen Madeleine-Effekt auslöst und das Nähren der Seele durch Freundschaft bewirkt.

Wie es beim Comicfestival Hamburg ebenfalls üblich ist, ist die schiere Masse an Präsentiertem nicht an einem Tag zu bewältigen. Es gäbe daher noch viel mehr zu berichten, aber das alles können Sie auch selbst erkunden, denn bis zum Ende der Woche sind die Ladenausstellungen noch zu besichtigen. Mehr Informationen dazu hier. Um Ihre Sicherheit müssen Sie nicht besorgt sein – selbst einem Virus, das ebenfalls dem Prinzip der Dreieinigkeit gehorcht, nämlich dem der Schmier-, Tröpfchen- und Aerosol-Infektion, ist das Comicfestival Hamburg durch seine umsichtigen Sicherheitsvorkehrungen durchaus gewachsen.

Zur Startseite