Manga-Mekka: Comicfans auf der Leipziger Buchmesse. Archivfoto: imago images / Christian Spicker
© Archivfoto: imago images / Christian Spicker

Sexuelle Belästigungen in der Comicszene „Ich dachte, ich darf das“

Birte Förster

Übergriffiges Verhalten und Grenzüberschreitungen gibt es nicht nur in der nordamerikanischen Comicszene. Das zeigt eine Umfrage unter deutschen Zeichnerinnen.

Die deutsche Comicszene gilt als klein und familiär, viele Akteurinnen und Akteure der Szene sind nicht nur auf professioneller Ebene, sondern zum Teil auch freundschaftlich verbunden. Aber auch hierzulande berichten Comiczeichnerinnen von Diskriminierungen, Grenzüberschreitungen und übergriffigem Verhalten, das von Händlern, Verlagsmitarbeitern, Zeichnerkollegen und Fans ausgeübt wird.

Zuletzt wurden in der nordamerikanischen Comicszene zahlreiche Fälle bekannt, in denen einflussreiche Vertreter Künstlerinnen und Verlagsmitarbeiterinnen belästigt und sexuell genötigt haben.

Vor allem junge Künstlerinnen in der deutschen Szene erleben zum Teil sexistische Reaktionen und übergriffiges Verhalten seitens männlicher Entscheidungsträger. Einige der Frauen möchten lieber anonym bleiben. Es gibt Erlebnisse, die manche von ihnen nicht schildern wollen – aus Angst, in der kleinen, deutschen Szene wiedererkannt zu werden.

Anders als in der USA haben die Betroffenen die Personen und Verlage, die Verursacher dieses Fehlverhaltens sind, nicht öffentlich über die sozialen Medien benannt. Die Berichte beruhen auf gezielten Nachfragen.

So berichtet eine Künstlerin von ihren Anfängen als Comiczeichnerin, als sie eine Situation erlebte, in der sie als Frau diskriminiert wurde: „Als ich zu einem Panel als Sprecherin eingeladen war, knallte mir einer der männlichen geladenen Comiczeichner vor versammelter Sprecherrunde vor den Latz: ‚Du bist ja nur eingeladen, weil du eine Frau bist‘, gefolgt von generellem Gelächter.“ Noch heute, viele Jahre später, hänge ihr dieses Erlebnis nach, schreibt die Betroffene. Es zeige, „wie die Denke in der Szene so war und ist.“

Mit der Hand unter das T-Shirt gegriffen

Und auch zu tätlichen Übergriffen kommt es. Zeichnerin Sarah Burrini, bekannt für ihren Webcomic „Das Leben ist kein Ponyhof“ und die Superheldinnen-Persiflage „Nerd Girl“, macht in den sozialen Medien immer wieder auf sexuelle Grenzüberschreitungen in der Szene aufmerksam.

So berichtet sie von einem Erlebnis mit einem Händler, den sie nur oberflächlich kannte. Dieser habe sich ihr auf einer Comicmesse genähert und ihr von hinten mit der Hand unter das T-Shirt an den nackten Bauch gegriffen, so schildert die Künstlerin das Erlebnis. Danach sei der Händler weggelaufen, habe ihr noch den Satz „Ich dachte, ich darf das“ zugerufen.

Szene-Treffpunkt: Alle zwei Jahre treffen sich Comicschaffende und Fans auf dem Comic-Salon Erlangen - nur in diesem Jahr fiel er wegen Corona aus. Foto: Lars von Törne Vergrößern
Szene-Treffpunkt: Alle zwei Jahre treffen sich Comicschaffende und Fans auf dem Comic-Salon Erlangen - nur in diesem Jahr fiel er wegen Corona aus. © Lars von Törne

Später entschuldigte sich der Verursacher zwar am Stand bei ihr, aber anscheinend in einem unpassenden Tonfall: mit hoher Stimme, fast schon in „Babysprache“, so schildert es Burrini. Ein Gespräch auf Augenhöhe sieht sicherlich anders aus. Mehr als unangemessen ist auch ein Podcast über den Comic-Salon in Erlangen 2008. Burrini wird darin von einem der plaudernden Herren als „die lebende Ja-Sagung zur Fleischeslust“ bezeichnet.  

Eine andere Künstlerin wiederum wurde beim Comic Salon 2018 in der satirischen, auf der Messe verteilten Zeitung „Der röhrende Hirsch“ sexistisch und rassistisch beleidigt. In einem Abschnitt wird diese als „Kollision aus Asiatin und einer Makeup-Palette“ beschrieben. Ergänzt wird der Kommentar mit dem Zusatz: „Bei so viel Farbe laufen bei uns allerdings Wetten, ob die Gute schon immer eine Frau war.“ Enttäuschend sei für sie gewesen, dass niemand sie verteidigt habe, teilt die Betroffene mit.

Von doppelt so alten Männern bedrängt

„Es gab immer wieder Belästigungen, Objektifizierungen, sexuelle Übergriffe, das sogenannte „Grooming“ (Heranmachen) von Verlagsmitarbeitern an Zeichnerinnen und auch Mitarbeiterinnen in Verlagshäusern“, beschreibt eine Künstlerin, die anonym bleiben möchte, die Situation in der Szene. Grenzüberschreitungen habe es aber auch von Autoren, Zeichnerkollegen und Journalisten gegeben.

„Teilweise betraf das auch Zeichnerinnen, die mit gerade mal 20 Jahren in die Comicszene kamen und von doppelt so alten Männern bedrängt wurden“, weiß sie von anderen Frauen. Vor zehn Jahren habe Diskriminierung wie selbstverständlich dazugehört. Um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, mussten weibliche Künstlerinnen mitspielen, berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Auch Comic-Aktivistin Eve Jay prangert das Fehlverhalten männlicher Akteure in der Szene an. Vor zwei Jahren hatte die Leiterin des Netzwerks „Comic Solidarity“ und ehemalige ICOM-Jurorin die überwiegend männliche Jury-Besetzung für den Independent-Comic-Preis des Interessenverbands Comic (ICOM) kritisiert. Das führte zu einer heftigen Auseinandersetzung.

Jay spricht in dem Zusammenhang von Harassment und Diffamierung ihrer Person als Reaktion auf die von ihr geäußerte Kritik. Aber auch in anderen Situationen erlebte sie grenzüberschreitendes Verhalten von Männern, wie von einem Art Director, mit dem sie während ihrer Anfänge in der Comicszene zusammengearbeitet hat. Da dieser eine Beziehung mit ihr eingehen wollte, habe er immer wieder Druck auf sie ausgeübt.

Inzwischen tauschen sie und andere Künstlerinnen sich in der Comic Solidarity zu Erlebnissen mit Übergriffen aus. „Wir werden uns gerade erst bewusst, was wir über die Jahre an toxischem Verhalten akzeptiert und geduldet haben, weil es ‚normal‘ war“, sagt Jay. Bestimmte Personen würden Künstlerinnen klein halten, um ihre Position zu erhöhen. „So dass ein Machtgefüge erst entstehen kann.“ In diesem Klima sei es einfacher, übergriffiges Verhalten auszuüben.

Obszöne Skizzenwünsche am Messestand

Ein weiteres Problem, das weniger mit den Machtverhältnissen innerhalb der Comicszene zu tun hat, ist das teilweise übergriffige Verhalten von Fans. Die Rede ist davon, dass Fans gegenüber Künstlerinnen am Messestand obszöne Skizzenwünsche äußern oder diese während eines gemeinsamen Fotos begrapschen. Auf Messen und Festivals kommt es außerdem vor, dass männliche Besucher Cosplayerinnen ungefragt fotografieren, so haben es mehrere Künstlerinnen beobachtet.

Klare Spielregeln: Wer Cosplayer*innen - hier auf der Leipziger Buchmesse - fotografieren will, braucht deren Einverständnis. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Klare Spielregeln: Wer Cosplayer*innen - hier auf der Leipziger Buchmesse - fotografieren will, braucht deren Einverständnis. © picture alliance / dpa

Auf einigen Festivals und Messen in Deutschland scheint das Bewusstsein für solche Grenzüberschreitungen zu wachsen. So wurden auf der Comic Con Experience in Köln mittlerweile Umkleidekabinen für die Cosplayer eingerichtet, vorher hätten diese sich im Gang umziehen müssen, teilt Kommunikationsmanagerin Judith Leyendecker mit. Außerdem stehen Ansprechpartner für bestimmte Besuchergruppen zur Verfügung, bei denen Vorfälle gemeldet werden könnten.

Eine Ansprechperson für die Cosplayer gibt es auch auf der Manga-Comic-Con, die im Verbund mit der Leipziger Buchmesse stattfindet. Außerdem geben laut Kommunikationsreferentin Frauke Kibscholl Plakatierungen auf dem Gelände Hinweise zum Thema Fotografieren und zum Recht am eigenen Bild.

Wer übergriffig wird, wird ausgeschlossen

Einen Schritt weiter gehen da der Comic-Salon Erlangen und die ComicInvasion Berlin. Der Comic-Salon hat 2016 die Respekt-Kampagne gestartet. Für Fälle von sexueller Belästigung wird seitdem eine Ansprechpartnerin benannt, in der Regel die Messeleitung. Bei der Anmeldung und über Durchsagen werde mitgeteilt, an wen sich Betroffene wenden könnten und wo die Ansprechpartnerin während des Festivals zu finden sei, erklärt Annika Gloystein, zuständig für Programm und Organisation des Salons.

Die Comicinvasion Berlin benennt ebenfalls klar erkennbare Ansprechpersonen und richtet sich außerdem nach dem „Berlin Code of Conduct“, einem Verhaltenskodex, der Einschüchterung, Belästigung, beleidigende, diskriminierende, abwertende oder erniedrigende Sprache und Verhalten als inakzeptabel bewertet. Darin wird auch beschrieben, wohin Fehlverhalten schlimmstenfalls führen kann: zu „einem befristeten oder permanenten Ausschluss aus der Community ohne Warnung“. Konkrete Vorfälle seien bisher aber auf keinem der Festivals gemeldet worden, heißt es von den Veranstaltern.

Ob bedingt durch eigene negative Erfahrungen oder nicht: Viele Künstlerinnen befürworten, dass Festivals Präventionsmaßnahmen umgesetzt haben. „Es zeigt auf jeden Fall Wirkung, weil das Klima ein anderes ist“, äußert sich Comickünstlerin Naomi Fearn, die selbst nicht betroffen ist, zu der Thematik.

Berliner Institution: Seit zehn Jahren findet in der Hauptstadt jährlich die ComicInvasion statt. Foto: Luisa Orduno / ComicInvasion Vergrößern
Berliner Institution: Seit zehn Jahren findet in der Hauptstadt jährlich die ComicInvasion statt. © Luisa Orduno / ComicInvasion

In einem Facebook-Post geht die Zeichnerin, die auch für den Tagesspiegel arbeitet, ausführlich darauf ein, wie Fehlverhalten auf Veranstaltungen begegnet werden kann. „Damit wir alle verantwortungsvoll handeln, ist es meiner Erfahrung nach besser, ein Konstrukt zu haben, wie wir mit Situationen umgehen können, in dem Moment, wo sie passieren“, schreibt sie auf Facebook. Durch den Verhaltenskodex entstehe außerdem eine zusätzliche Hemmschwelle.

Eve Jay schlägt vor, auf Festivals so genannte „safe zones“ einzurichten. Sichere Zonen, in denen betroffene Frauen sich zurückziehen können, wenn sie übergriffiges Verhalten erlebt haben oder verfolgt werden.

„Das ist wie überall ein langer Weg“

Nicht alle Künstlerinnen haben in ihrer Laufbahn übergriffiges Verhalten von Männern erlebt. Dennoch stellen viele ein Ungleichgewicht fest. Dass wichtige Entscheidungspositionen in vielen Fällen von Männern besetzt werden und Künstlerinnen zum Teil in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten.

Auch für Barbara Yelin, mittlerweile eine etablierte Comickünstlerin, war es in ihren Anfängen vor 15 Jahren aus diesem Grund nicht einfach sich zurechtzufinden, wie sie sagt. Daher suchte sie über Netzwerke wie das „Spring“-Magazin den Kontakt zu anderen Zeichnerinnen.

Auch heute noch ist ihr der Austausch zu anderen Frauen in der Szene wichtig. Übergriffiges Verhalten hat sie in ihrer Zusammenarbeit mit Männern aber nicht erlebt. „Es wurden nie Grenzen überschritten“, sagt sie. Auch heute meint Yelin, dass die Gleichberechtigung zwischen weiblichen und männlichen Akteuren noch nicht erreicht sei. „Das ist wie überall ein langer Weg.“

Gleichzeitig beobachtet sie, wie sich die Dinge verändern: Dass Verlagshäuser wie der Jaja-Verlag und Rotopol von Frauen geführt werden. „Die Szene heute profitiert von starken Verlegerinnen“, meint Yelin. Und einige Zeichnerinnen sich von den männlichen Entscheidern unabhängiger machen, indem sie Bücher veröffentlichen, ohne selbst Teil der Szene zu sein.

Immer mehr Frauen tun sich zusammen

Auch Comicaktivistin Eve Jay sieht diesbezüglich eine Entwicklung. „Es tut sich schon viel, da Künstler*innen eine eigene Agenda haben“, sagt sie. Einige würden online bereits erfolgreich Comics veröffentlichen, bevor sie sich an die Verlage wenden.   

Das bestätigt auch eine andere Comiczeichnerin, die nicht namentlich genannt werden möchte. Es gebe unter Künstlerinnen „ein starkes Unabhängigkeitsbedürfnis“, sagt sie. Immer mehr Frauen in der Comicszene würden sich hierzulande zusammentun, um gemeinsam auszustellen und Lesungen zu veranstalten. Die Zusammenarbeit sei gut. Dass Männer oft in den Entscheidungspositionen sind, bezeichnet sie als „ein strukturelles Problem“. Es gebe Gründe, weshalb sie manches lieber selber mache. „Ich sehe, dass es da noch ein Ungleichgewicht gibt.“

Machtverhältnisse, Grenzüberschreitungen und Übergriffe: Das Bewusstsein dafür scheint in der deutschen Comicszene zu wachsen. Darin sind sich viele der Künstlerinnen einig. Und, dass es wichtig ist, darüber ins Gespräch zu kommen, Dinge zu benennen. Zum ersten Mal tausche sich die weibliche Szene darüber aus, sagt Eve Jay. „Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen.“

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