Schlachtgemälde: Eine Seite aus „Little Bird“. Foto: Cross Cult
© Cross Cult

Science-Fiction mit politischer Botschaft Die den Gottesstaat stürzen will

Atemberaubende Zeichnungen, erzählerische Schwächen: Das düstere Science Fiction-Drama „Little Bird“ ist einer der Überraschungserfolge des Comicjahres 2020.

Amerika in einer unbestimmten Zukunft: Die christliche Rechte hat in den USA einen dystopischen Gottesstaat errichtet und führt Heiligen Krieg gegen alle Andersdenkenden. Doch gegen den im „New Vatican“ regierenden Erzbischof regt sich Widerstand: Letzte Reste der indigenen Bevölkerung Kanadas kämpfen gegen die genmodifizierten Kreuzritter des Regimes und werden hinweggefegt.

Einzige Überlebende ist das Mädchen Little Bird, das sich dem Untergrund-Widerstand anschließt und getrieben von Visionen ihrer Mutter versucht, das totalitäre System zu stürzen.

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Das düstere Science Fiction-Drama „Little Bird – Der Kampf um Elder’s Hope“ (Cross Cult, 208 S., 35 €) gehört zu den Überraschungserfolgen des Comic-Jahres 2020: Der kanadische Filmemacher Darcy van Poelgeest gab hier sein Debüt als Comic-Autor, zusammen mit dem US-amerikanischen Zeichner Ian Bertram hatte er fünf Jahre an dem Projekt gearbeitet. Aus dem Stand erhielt „Little Bird“ einen Eisner-Award in der Kategorie „Beste Miniserie“.

Eine Hommage an die Bilderwelten von Moebius

Vor allem optisch ist das von Matt Hollingsworth kolorierte Widerstands-Epos eine Wucht: „Little Bird“ ist ein Rausch aus psychedelischen Traumsequenzen, wüsten Schlachten und phantastischen Tempelstädten, die von grotesken Cyberpunk-Kreaturen bevölkert werden; eine deutliche Hommage an die Bilderwelten von Moebius. Leider geht es dem Comic jedoch ähnlich wie den Fortsetzungen von „Matrix“ (bei dem sich van Poelgeest ebenfalls einige Inspirationen geholt haben dürfte): Style steht über Inhalt.

Junge Rächerin: Eine Szene aus „Little Bird“. Foto: Cross Cult Vergrößern
Junge Rächerin: Eine Szene aus „Little Bird“. © Cross Cult

„Little Bird“ schwelgt etwas zu sehr in pathetischen Gesten und blutrünstigen Kampfszenen, ohne deren Bedeutung zu erklären. Die Story jagt schlaglichtartig von einem Spektakel zum nächsten, ohne sich Zeit zu nehmen, den mit Bedeutung überladenen Charakteren Tiefe zu verleihen. Van Poelgeest und Bertram wollen zu viel auf einmal; so atemberaubend die Zeichnungen sind, sie schaffen es nicht, die erzählerischen Schwächen zu kompensieren.

[„Little Bird“ gehört in diesem Jahr zu den Favoriten der Tagesspiegel-Leser*innen - hier finden sich mehr als 100 aktuelle Comic-Lesetipps von Fans für Fans.]

Dennoch scheint der Comic vor allem in Nordamerika einen Nerv getroffen zu haben, den man aus europäischer Sicht nicht sofort erfassen kann. Zum einen erinnert „Little Bird“ schmerzhaft an das Leid der kanadischen Ureinwohner: Im Comic stehlen die Gotteskrieger des New Vatican die Kinder der kanadischen Rebellen, um sie in Umerziehungslager zu stecken – eine Erinnerung daran, dass die kanadische Regierung noch bis in die 1990er Jahre Kinder der Ureinwohner aus ihren Familien holte und sie in christliche Internate zwang.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Cross Cult Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Cross Cult

Zudem muss man den Comic als warnenden Kommentar zur enormen Rolle der evangelikalen Christen in den USA verstehen, die fanatischen Endzeitvorstellungen anhängen und nicht zuletzt bei der Unterstützung für Donald Trump ihr politisches Gewicht unter Beweis stellten.

Die tief gespaltene Gesellschaft, in der sich rechte Christen und liberale Amerikaner und Minderheiten gegenüberstehen, sowie die reale Sorge vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen nach der US-Wahl spiegeln sich allzu deutlich in van Poelgeests Comic wider. Bleibt zu hoffen, dass Amerika in Zukunft keine Heldinnen wir Little Bird braucht.

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