Erst schießen, dann fragen: Eine Seite aus „Die Chroniken des Universums“. Foto: Splitter
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Science-Fiction-Comic „Die Chroniken des Universums“ Das fliegende Klassenzimmer

Der Comic-Szenarist Richard Marazano und der Berliner Zeichner Ingo Römling schicken eine Gruppe Studierender ins All. Das ist vor allem visuell aufregend.

Es knallt und blitzt viel an Bord des Raumschiffs Thukydides. Mal bringen statische Entladungen überlasteter Stromkreise die Szenerie zum Leuchten, mal der Flug durch einen entfesselten Sternenstrudel. Und wenn sich dann, wie auf der hier am Artikelanfang gezeigten Seite, die Energie eines gigantischen Außerirdischen in der Kommandozentrale entlädt, greift ein junges Crewmitglied schon mal zur Laserpistole.

Der Science-Fiction-Comic „Die Chroniken des Universums“ (Band 1: Der Sternenstrudel, aus dem Französischen von Anna Bergen, Splitter-Verlag, 52 S., 16 €) gibt dem Berliner Zeichner Ingo Römling („Malcolm Max“, „Star Wars Rebels“) viele Gelegenheiten, sein enormes Können beim Erschaffen filigraner Action-Szenen samt ausgefeilten Licht- und Farbdramaturgien zu demonstrieren.

Zusammen mit dem versierten französischen Szenaristen Richard Marazano („Der Schimpansen-Komplex“, „Die drei Geister von Tesla“) erzählt Römling im ersten Band der neuen Reihe von einer Gruppe Studierender der „Akademie der universellen historischen Wissenschaften“.

Diese reist in einer fernen Zukunft zusammen mit ihrem uralten, in einem Spezialtank konservierten Dekan im Auftrag der Forschung durchs All und erleidet auf einem geheimnisvollen Planeten Schiffbruch. Als die Crew die Artefakte einer versunkenen Zivilisation entdeckt, passieren fantastische Dinge, die nur der Auftakt zu einem großen Abenteuers sind.

Im vergangenen Sommer ist der Comic zuerst bei dem großen französischen Verlag Dargaud erschienen, nun findet er als Übersetzung den Weg zurück ins Heimatland des Zeichners – ein Weg, den aufwändige Produktionen mit deutscher Beteiligung inzwischen öfter gehen.

Der Autor hat Physik und Astrophysik studiert

Der Plot erinnert an bekannte Weltraum-Missionen à la „Star Trek“ sowie diverse Abenteuergeschichten mit jugendlichen Hauptfiguren auf Irrfahrten durch fremde Welten, von Jules Vernes „Zwei Jahre Ferien“ bis zur Manga-Serie „Astra – Lost in Space“. Inhaltlich werden hier kaum neue Wege beschritten.

Eine weitere Seite aus „Die Chroniken des Universums“. Foto: Splitter Vergrößern
Eine weitere Seite aus „Die Chroniken des Universums“. © Splitter

Unterhaltsam ist das trotzdem, auch weil Marazano gekonnt mit dem jungen Alter seiner Protagonisten spielt. Die verhalten sich einerseits wie gelangweilte Jugendliche und verwandeln das nach einem antiken griechischen Geschichtsschreiber benannte und sichtlich veraltete Raumschiff in ein Studentenwohnheim. Bei existenziellen Bedrohungen oder fachlichen Herausforderungen agieren sie dann aber souverän und erwachsen.

Bemerkenswert ist auch die moderne Zusammensetzung der Crew, die bezüglich ethnischer Hintergründe und ihrer Geschlechtermischung zeitgemäß divers ist. In den oft wissenschaftlich aufgeladenen Dialogen der fünf Hauptfiguren dürfte der Szenarist zudem auch seine eigene Studentenzeit verarbeitet haben: Bevor er Comicautor wurde, hat Marazano Physik und Astrophysik studiert.

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Da „Die Chroniken des Universums“ als umfangreiches Weltraum-Opus angelegt ist, läuft der erste Band trotz der actionreichen Handlung allerdings eher gemächlich an. Aber wer Marazanos andere Geschichten kennt, darf vermuten, dass sich daraus im Laufe der kommenden Bände ein packender Plot mit überraschenden und klugen Wendungen entwickelt (Band 2 soll in Frankreich am 18. Juni erscheinen).

Ausgefeilte Welten, differenzierte Figuren

Das Stärkste an diesem Comic sind allerdings die Bilder. Das ist bei Marazanos anderen Werken teilweise umgekehrt. So sind vor allem seine zusammen mit dem Zeichner Jean-Michel Ponzio geschaffenen Reihen mit fotorealistischen Zeichnungen illustriert, die teilweise wie mit Photoshop bearbeitet wirken und im Gegensatz zu ihren packenden Inhalten visuell eher schlicht geraten sind, zumindest was die Ausdrucksweise der Figuren angeht.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Splitter Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Splitter

Ingo Römlings Zeichnungen hingegen sind ausgefeilt und eigenständig. Seine Fähigkeit, bis ins letzte Detail stimmige imaginäre Welten inklusive der dazugehörigen Technik zu erschaffen, kann er hier voll ausleben.

Wie schon in seinem zusammen mit dem Szenaristen Peter Mennigen geschaffenen Mystery-Krimi „Malcolm Max“ ist zudem die Figurenzeichnung bemerkenswert differenziert. Körpersprache und Mimik sind exakt und auch in rasanten Szenen von großer Klarheit. Dadurch, dass Römling seine schlanken Figuren oft aus der Untersicht zeigt, strahlen sie sogar in ihren Weltraumanzügen noch eine erhabene Eleganz aus.

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