Grau in Grau: Eine Szene aus „Andere Umstände“. Foto: avant
© avant

Schwangerschaftsabbruch im Comic Der Weg einer Entscheidung

Lara Keilbart

Feministisch, persönlich und zugänglich: Julia Zejns zweiter Langcomic „Andere Umstände“ erzählt die Geschichte einer Beziehung, die mit einer Abtreibung endet.

Für Protagonistin Anja beginnt der Comic „Andere Umstände“ (avant, 200 S, 25 €) mit zwei Strichen auf einem Test: Sie ist ungeplant schwanger. Ihre Reaktion: „Oh Fuck!“. Dann beginnt die eigentliche Geschichte, zwei Jahre zuvor, als Anja gerade ihren Masterabschluss feiert. Zufällig lernt sie Olli kennen, der sie überredet, zu einem Rave mitzukommen.

Grün war die Hoffnung: Eine weitere Szene aus „Andere Umstände“. Foto: avant Vergrößern
Grün war die Hoffnung: Eine weitere Szene aus „Andere Umstände“. © avant

Die beiden tanzen die Nacht durch. Nach ein paar Dates werden sie ein festes Paar und noch etwas später folgt der Einzug in eine gemeinsame Wohnung. Doch mit dem gemeinsamen Alltag zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen dem chaotischen, unvernünftigen Olli und der ruhigen, pragmatischen Anja zu Spannungen und Problemen in der Beziehung führen.

Die Stärke von Julia Zejn („Drei Wege“) ist ihre Fähigkeit, ein heiß umkämpftes Thema völlig ohne Polemik, Parolen und Predigt aufzubereiten. Bereits auf der strukturell-ästhetischen Ebene vermittelt der Comic eine gewisse Ruhe und Stabilität.

Im klassischen Neun-Panel-Raster und wenigen Varianten davon finden laute wie leise Momente der Geschichte einen stabilen Rahmen. Das bedeutet freilich nicht, dass „Andere Umstände“ eine trockene, emotionslose Diskussion ohne Haltung darstellt.

Im Gegenteil: Durch die Darstellung eines völlig normalen Beziehungsverlaufs, der scheitert, wird auch die Entscheidung von Protagonistin Anja zum selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch zu etwas, das sie längst sein sollte, aber nicht ist: etwas Normalem. Zejn schafft hier Tatsachen, zeigt wie es geht.

Das Leben ist keine Ligne claire

Ihre Figuren sind dabei gleichzeitig prototypisch und nahbar. Sie handeln ebenso emotional wie nachvollziehbar. Die schönen Momente des anfänglichen Verliebtseins werden mit leichtem Lächeln, kleinen Gesten und hellen gelben, grünen und roten Farben erzählt. Als sich die Beziehung wandelt, verändern sich auch die Kolorierungen zu dunkel-gedeckten Ocker-, Blau- und Grautönen.

Zwei weitere Seiten aus dem Buch. Foto: avant Vergrößern
Zwei weitere Seiten aus dem Buch. © avant

Dazu passen die schroffen Zeichnungen, die das Gezeigte authentisch wirken lassen. Das Leben ist eben nicht so klinisch sauber wie die Ligne claire. Trotzdem lässt Zejn ihre Zeichnungen nie ins unverständlich Chaotische abdriften.

[Julia Zejns „Andere Umstände“ wurde kürzlich von 30 Kritikerinnen und Kritikern zu einem der besten Comics des Quartals gekürt, mehr dazu hier.]

Wie die Hauptfigur Anja, ist auch der Comic nicht laut, aber bestimmt. Durch das immer wieder geschickte Einflechten von dynamischen Szenen, wie die Rave Party, Fahrradsequenzen oder die Montage vieler kleiner aufeinanderfolgender Panels, gelingt es der Zeichnerin, den dialoglastigen Comic aufzubrechen. Damit bietet sie den Leser*innen ausreichend Luft zum Verarbeiten des bisher Erzählten.

Ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte

Der Comic könnte kaum aktueller sein. Die Bundesregierung plant, den Paragrafen §219a aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, der es verbietet, Schwangerschaftsabbrüche zu bewerben und darüber zu informieren. Auch der §218, der Abbrüche formell verbietet, soll überprüft werden.

Das Titelbild des besprochenen Buches. Foto: avant Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Buches. © avant

Julia Zejns Comic leistet dabei einen wichtigen Beitrag zum Thema. Durch die Fokussierung auf den Beziehungsverlauf, gelingt es ihr, die Abtreibung nicht zu dieser überwältigenden, riesigen Sache werden zu lassen, die alles andere verschluckt. Sie zeigt, dass es zwar eine wichtige und sicherlich keine einfache Entscheidung ist. Aber es ist eben nur eine von vielen Entscheidungen, die Menschen im Leben treffen müssen - und die auch nur sie selbst treffen können.

Und so endet zwar die Beziehung zwischen Anja und Olli nach dem Schwangerschaftsabbruch, aber beider Leben geht weiter. Beide Lebensgeschichten sind noch längst nicht auserzählt. Feministisch im Kern, persönlich und zugänglich in der Präsentation: Ein wichtiger, starker und brandaktueller Comic.

Zur Startseite