Die Zeichnungen fangen die Körpersprache der Personen realistisch ein. Foto: Knesebeck
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Schachgenie und Wahnsinn Bobby Fischers Leben als Comic

Die Graphic Novel "Bobby Fischer" rauscht in Schwarzweiß durch das rätselhafte Leben des Schachgenies Robert James Fischer (1944-2008).

Es beginnt im Jahr 1949 in New York, wo Bobby in armen Verhältnissen aufwächst, gemeinsam mit seiner älteren Schwester Joan und der alleinerziehenden Mutter. Joan kauft in einem Spielzeugladen für einen Dollar ein Schachspiel – schnell ist der fünfjährige Bobby elektrisiert. Er zeigt außergewöhnliches Talent und geht in Brooklyns Schachklub. Irgendwann denkt Bobby Tag und Nacht an Schach, wird schon mit 15 Jahren Großmeister und bricht die Schule ab.

Der Autor Julian Voloj („Basquiat“, „Joe Shuster – Vater der Superhelden“) und der Illustrator Wagner Willian haben sich intensiv mit Fischers Lebensweg beschäftigt und zeichnen diesen in "Bobby Fischer - Eine Schachlegende zwischen Genie und Wahnsinn" (Knesebeck, 192 Seiten, 22 Euro) episodenhaft nach – vom jungen, hochbegabten und bald weltweit bewunderten Bobby bis zum alten, von Hass und Misstrauen zerfressenen Ex-Weltmeister.

Auch Nebenfiguren sind realistisch getroffen

Den Zeichnungen von Wagner Willian ist offenbar eine intensive Annäherung an die Welt des Schachs vorausgegangen. Er gestehe, heißt es hinten im Buch bei der Vorstellung der beiden Autoren, „ein schlechter Schachspieler zu sein“, aber diese Arbeit habe ihn motiviert, es weiter zu versuchen.

Klingt beides überzeugend. Denn einerseits lassen die schätzungsweise 500 Zeichnungen des Brasilianers erahnen, wie motiviert er bei dieser Arbeit gewesen sein mag. Offensichtlich hat er sich von Videos, Fotos und Fischer-Biografien inspirieren lassen. In vielen Zeichnungen trifft Willian auch die Nebenfiguren in ihrer Mimik und Körperlichkeit realistisch, etwa den sowjetischen Weltmeister Boris Spasski während des WM-Kampfs 1972 im isländischen Reykjavik.

Es war mitten im Kalten Krieg der Höhepunkt Fischers Karriere. Auch der damalige US-Außenminister Henry Kissinger ist unschwer zu erkennen; er hatte mit einem Anruf geholfen, dass der schon damals phasenweise wunderliche Fischer zu diesem "Jahrhundertkampf" überhaupt antrat. (Fischer gewann am Ende mit 12,5:8,5 Punkten.)

Manchmal steht das Brett um 90 Grad falsch herum

Andererseits wird an einigen Stellen offenbar, dass es Willian nicht gewohnt ist, in schachspielerischen Zusammenhängen zu arbeiten: Manchmal steht das Brett um 90 Grad falsch herum – das Feld vorne links ist, aus Bobbys Perspektive, in einigen seiner Zeichnungen nicht schwarz, wie es sein sollte, sondern weiß. Doch diese seltenen, leidlichen Fehler stören kaum den Gesamteindruck.

Das Cover des besprochenen Bandes. Foto: Knesebeck Vergrößern
Das Cover des besprochenen Bandes. © Knesebeck

Insgesamt gut recherchiert sind auch die textlichen Inhalte des in New York lebenden Autors Julian Voloj. Korrespondierend mit dem Stil der Illustrationen wirken Volojs Dialoge ebenfalls eher nüchtern und realistisch. Die Wahl dieser Form sowie der weitgehende Verzicht auf Humor könnten aber durchaus bewusste Entscheidungen der beiden Künstler gewesen sein.

Denn an der ambivalenten Persönlichkeit Bobby Fischer gab es zwar viel Bewundernswertes, aber wenig Herzerwärmendes. Erst recht nicht in den letzten Dekaden seines Lebens, in denen er in völliger Verblendung manch Verstörendes von sich gab. Beispielsweise bejubelte er die Terrorangriffe vom 11. September 2001.

Die grafische Biografie endet mit Fischers einsamen Tod in Reykjavik, dem Ort seines größten Triumphs. Er wurde 64 Jahre alt. „Ein symbolisches Alter, genau wie die Zahl der Felder auf einem Schachbrett“, schreibt Voloj.

Von unserem Autor ist jüngst eine Auswahl seiner Tagesspiegel-Kolumnen als Buch erschienen: „Damen an die Macht – Rätsel und Geschichten aus der Welt des Schachs“ (Verlag Die Werkstatt, 192 Seiten).

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