Streifzug durch die Historie: Arthur C. Clarke in einer Szene aus „Die Geschichte der Science-Fiction“. Foto: Splitter
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Sachcomic zur Geschichte der Science-Fiction Zeitreise mit Jules Verne, Mary Shelley und Doctor Who

In ihrem Sachcomic „Die Geschichte der Science-Fiction“ bereiten Autor Xavier Dollo und Zeichner Djibril Morissette-Phan die Entwicklung des Genres auf.

„Science-Fiction flutet unseren Alltag“, heißt es zu Beginn des Sachcomics „Die Geschichte der Science-Fiction“ (Übersetzung Harald Sachse, Splitter-Verlag, 216 S., 29,80 €). Damit sind die allgegenwärtigen Marvel-Superhelden oder Franchise-Filme wie „Star Wars“ und „Dune“ gemeint – aber auch unsere reale Lebenswirklichkeit mit smarten Gadgets voll künstlicher Intelligenz, Drohnen und privater Raumfahrt, die durchaus wie eine futuristische Science-Fiction-Vision aus einer anderen Ära anmutet.

Zeichnerische Klarheit: Eine weitere Szene aus „Die Geschichte der Science-Fiction“. Foto: Splitter Vergrößern
Zeichnerische Klarheit: Eine weitere Szene aus „Die Geschichte der Science-Fiction“. © Splitter

Überhaupt geht es in der modernen Science-Fiction primär darum, über den Spiegel der nahen oder fernen Zukunft unsere Gegenwart zu betrachten. Die Zukunftsliteratur ist also in Wahrheit reflektierende Gegenwartsliteratur. Mehr als genug Gründe, um sich mit den Anfängen, der Vergangenheit und der Entwicklung des Genres zu beschäftigen.

In ihrem Comic führen der französische Science-Fiction-Autor, Buchhändler und Lektor Xavier Dollo und der kanadische Zeichner Djibril Morissette-Phan, der für Marvel schon Storys mit Wolverine, Captain Marvel und Black Panther bebilderte, zunächst bis zurück in die Antike und ins Mittelalter.

Dort nämlich finden sich die ersten fantastisch-utopischen Geschichten, die bei so einer Chronik der Science-Fiction berücksichtigt werden müssen, bevor dann die einflussreichen Klassiker von Mary Shelley, H. G. Wells und Jules Verne aus dem 19. Jahrhundert dran sind.

Danach geht es vor allem um die Ära der amerikanischen Pulp-Magazine von Hugo Gernsback und Co. zu Beginn des 20. Jahrhunderts – um Autoren wie Edgar Rice Burroughs oder H. P. Lovecraft und etwa die Definition der Space-Opera.

Schließlich erreichen Dollo und Morissette-Phan das Goldene Zeitalter der amerikanischen Science-Fiction, das von Herausgeber John W. Campbell und Autoren wie Isaac Asimov oder Robert Heinlein bis in die 1950er geprägt wurde. Philip K. Dick und Frank Herbert werden auch nicht vergessen. „Star Trek“, „Star Wars“, „Alien“ und andere, spätere Giganten sind in dieser Historie dagegen eher ikonischer Kontext als intensiver Schwerpunkt des Bandes.

Interessante Inszenierung

„Es erfordert eine gehörige Portion Mut oder Leichtsinn, sich mit der Geschichte der Science-Fiction auseinanderzusetzen“, schreibt der französische Science-Fiction-Bestsellerautor Pierre Bordage im Vorwort. „Vor allem dann, wenn das Ganze in Form eines Comics vorgelegt werden soll.“

Jules Verne in einer Szene aus dem besprochenen Band. Foto: Splitter Vergrößern
Jules Verne in einer Szene aus dem besprochenen Band. © Splitter

Mit seiner ersten Beobachtung hat er zweifelsfrei recht – mit der zweiten nicht. Denn gerade der Comic eröffnet Dollo und Morissette-Phan eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um ihren Streifzug durch die Historie interessant zu inszenieren.

So können sie auf inhaltlicher wie visueller Ebene verschiedene Aspekte eines Themenkomplexes ineinander übergehen lassen, Biografisches, Bibliografisches, Historisches und Fiktionales vermischen. Das ist im Ergebnis grafisch oft sehr reizvoll und stets von zeichnerischer Klarheit geprägt. Allerdings hat der Band die ansprechende Optik wegen seiner erdrückenden Textlastigkeit auch bitter nötig.

Außerdem erlaubt es das Medium Dollo und Morissette-Phan, Kreative wie Isaac Asimov oder Theodore Sturgeon ohne teure CGI-Hollywood-Magie zu aktiven Protagonisten und Chronisten machen, die als Guides innerhalb des Sachcomics und im Dialog untereinander zurück und nach vorn blicken.

[Hier gibt es einige Rezensionen aktueller Science-Fiction-Comics: Schön ist die Welt nach dem Weltuntergang, Revolution im Weltraum, Das fliegende Klassenzimmer.]

Wenn es um die britische Science-Fiction zwischen „Doctor Who“ und dem Magazin „New World“ geht, unterhalten sich dann zum Beispiel Michael Moorcock und H. G. Wells, ehe noch Judith Merril in die TARDIS steigt, die Raum-Zeit-Maschine des Doktors, um auch über den Feminismus in der Science-Fiction und etwa Großmeisterin Ursula K. Le Guin zu sprechen.

Ein gewitztes Gimmick, obwohl man auch ein wenig Bauchschmerzen hat, wenn Autoren und Autorinnen Worte in den Mund gelegt werden. Für die Raffung und Betrachtung unserer Science-Fiction-Moderne werden unterdessen zwei Roboter als Reisende durch die jüngere Genre-Vergangenheit geschickt.

Streifzug mit Abstrichen

Die Science-Fiction bietet letztlich mehr Stoff und Facetten, als so ein Werk auf 200 Comic-Seiten wirklich bewältigen kann. Der Fokus liegt daher klar auf englischsprachigen und französischen Werken, und generell auf den Wegbereitern der heutigen Science-Fiction.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Splitter Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Splitter

Gegen Ende des Bandes widmen sich kurze Abschnitte wenigstens nominell der Entwicklung in Deutschland, Russland, Polen, Italien, Spanien, China oder Afrika. So gelangen neben Cixin Liu und Dmitri Gluchowski selbst Herbert W. Franke, Wolfgang Jeschke, Andreas Eschbach und „Perry Rhodan“ zu Nennungen und Abbildungen.

Comics werden ebenfalls nicht ignoriert und bei ein paar Gelegenheiten angeschnitten. Zwei Cover-Galerien, die am Seitenende unter anderen Kapiteln als unabhängige Schaukästen entlanglaufen, offerieren Lesetipps, die von Alan Moores und Dave Gibbons „Watchmen“ bis hin zu – immerhin – Tillie Waldens „Auf einem Sonnenstrahl“ reichen. Dasselbe gilt für TV-Serien.

Sicherlich hätte man Comics, Videogames oder anderen Kulturkreisen mehr Raum einräumen können. Doch so eine Übersicht setzt sich eben aus der Schnittmenge der unverzichtbaren Fakten und Faktoren, der persönlichen Einflüsse und des zur Verfügung stehenden Platzes zusammen.

Insofern haben Dollo und Morissette-Phan ihre Zeitreise durch die Historie der Science-Fiction im Großen und Ganzen recht ordentlich hinbekommen und beamen Lesenden viele wichtige Einflüsse, Kreative, Werke, Wegmarken, Zusammenhänge und Bilder in den Kopf.

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