Unkonventioneller Held: Eine Szene aus „Dragman“. Foto: Schaltzeit
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Queere Superheldengeschichte „Dragman“ Frauenkleider verleihen Superkräfte

Barbara Buchholz

Steven Applebys Comic „Dragman“ ist Superhelden-Parodie, Thriller und Emanzipationsgeschichte - und von der Lebensgeschichte des Zeichners inspiriert.

August Crimp liebt es, Frauenkleider zu tragen. Und wenn er das tut, kann er fliegen. Als er eines Tages mit blonder Perücke, Corsage und Stiefeln im Café auf der Dachterrasse des Londoner Kunstmuseums sitzt, wird er Zeuge eines Unfalls: Cherry, ein Mädchen aus seiner Nachbarschaft, stürzt beim Spielen über das Geländer. August schwingt sich hinterher und fängt die Stürzende kurz vor ihrem Aufprall am Boden auf.

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Die Medien feiern den flugs als „Dragman“ titulierten mysteriösen Retter. Doch es gibt ein Problem: In dem London, das der Cartoonist Steven Appleby in „Dragman“ (Übersetzung Ruth Keen, Schaltzeit-Verlag, 336 S., 29 €) beschreibt, schließen Menschen eine kostspielige „Superheldenversicherung“ ab, um notfalls aus brenzligen Situationen gerettet zu werden. Das Mädchen Cherry hat keine solche Versicherung.

Und so hat Crimp alias Dragman in zweifacher Hinsicht gegen Recht und Ordnung verstoßen: weil er einer Person ohne Police zur Hilfe eilte – und keine Lizenz dafür hatte, denn dazu müsste er Mitglied im „Club der Superhelden“ sein.

Daran scheitert er trotz der Hilfe seiner cleveren Komplizin Dog Girl, weil es gegen die Regeln ist, Superkräfte aus Kleidung zu ziehen... Doch dann lernt August Crimp die Schreinerin Mary Mary kennen, sie heiraten und bekommen einen Sohn, die Frauenkleider lagern derweil in einem Karton auf dem Dachboden. Doch sie lassen August keine Ruhe.

Und als eine Mordserie an trans Frauen, deren Seelen geraubt werden, Schlagzeilen macht, schwingt sich Dragman zusammen mit Dog Girls doch wieder in die Lüfte – Lizenz hin oder her.

Seelenraum im Elefantenlicht

Steven Appleby zeichnet diesen seinen ersten langen Comic in dem für ihn typischen krakeligen, stricheligen, verschrobenen Stil. Diesen Strich dürften Leser:innen der früheren FAZ-Kolumne „Normales Leben“ oder von Cartoon-Bänden wie „Die 99 Lassedasse“ oder „Die 111 Abtörner“ sofort wiedererkennen.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Schaltzeit Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Schaltzeit

Bei „Dragman“ ergänzen effektvolle Wasserfarben von Nicola Sherring die Tuschezeichnungen und färben zum Beispiel das „Elefantenlicht“ wunderbar ein, „jene merkwürdige, diesige Zeit kurz vor dem Morgengrauen, wenn der rußigschwarze Himmel von lebhaften, säuregelben und grünen Scharten zerschnitten wird.“

[Wo steht die queere Comic-Szene? Ein Blick unseres Autors Markus Pfalzgraf von Europa nach Nordamerika.]

Appleby erzählt in mehreren Zeitebenen mit Rückblicken, die in monochromen Grüntönen gehalten oder wie ein Comicheft-Faksimile aufgemacht sind.

„Dragman“ ist eine vielschichtige Mischung aus Superhelden-Parodie, Identitätssuche, Thriller, Beziehungsdrama und Emanzipationsgeschichte. Und einen autobiografischen Hauch gibt es auch: Steven Appleby, der verheiratet ist und Kinder hat, lebt seit 2007 offen als trans Frau.

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