Tierisch menschlich: Eine Szene aus „Ich begehre Frauen“. Foto: Edition Moderne
© Edition Moderne

Queere Liebesgeschichten Der Moment, wenn du erkennst, dass du Frauen liebst

Diane Obomsawin erzählt in „Ich begehre Frauen“ tragikomische Comic-Episoden von Begehren, Verliebtsein und ersten sexuellen Erfahrungen lesbischer Frauen.

Die berühmte Kussszene in dem Film „Mädchen in Uniform“ (1958) zwischen der Internatsschülerin (Romy Schneider) und ihrer Lehrerin (Lilli Palmer) wühlt die junge Diane so auf, dass sie schnell den Fernseher ausschaltet.

Dieses und neun weitere biografische Aha-Erlebnisse des Lesbisch-Seins sammelt die franko-kanadische Comic- und Animationskünstlerin Diane Obomsawin in ihrem Band „Ich begehre Frauen“, der jetzt bei Edition Moderne auf Deutsch erschienen ist (aus dem Französischen von Christoph Schuler, 80 S., 24 €).

Zehn Episoden, zehn Frauen

Jede der zehn kurzen Storys, die nur mit dem Namen der jeweiligen Erzählerin betitelt sind, basiert auf der Biografie einer lesbischen Frau aus Obomsawins Freundeskreis. Darin lässt sie ihre Protagonistinnen immer von dem einen entscheidenden Moment erzählen, in dem sie spüren - bewusst oder unbewusst -, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlen.

Grau in Grau: Eine Seite aus „Ich begehre Frauen“. Foto: Edition Moderne Vergrößern
Grau in Grau: Eine Seite aus „Ich begehre Frauen“. © Edition Moderne

Bei Diane war es das Filmerlebnis mit „Mädchen in Uniform“, bei „Marie“ eine zufällige, elektrisierende Berührung am Arm, bei „M-H“ das neue Lebensgefühl beim Tragen eines Smokings.

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Aber die Geschichten haben auch dunkle Seiten. Oft zeugen sie von erlittenem Unrecht und Schmerz. In einem Interview mit dem Magazin CBR beschreibt Obomsawin, wie wichtig es ihr war, die intimen Erlebnisse ihrer Freundinnen so behutsam wie möglich in Bilder zu fassen.

Sie sei froh, sagt sie, dass sie den oft traurigen Erfahrungen etwas Lustiges verleihen konnte. Die Frauen hätten sich später im Comic wiedergefunden und konnten aus der Distanz darüber lachen.

Homosexualität war bis 1969 illegal

Obomsawin selbst ist 1959 in Montreal geboren, die Frauen, die sie für den Band interviewt hat, waren zwischen 30 und 70 Jahre alt. Ihre frühen Erfahrungen mit dem Lesbisch-Sein machten die Älteren unter ihnen zu Zeiten, als homosexuelle Handlungen in vielen westlichen Staaten noch verboten waren. Es war auch ein Unterschied, ob man auf dem Land oder in der Stadt lebte.

Biografische Epdisoden: Eine Szene aus „Ich begehre Frauen“. Foto: Edition Moderne Vergrößern
Biografische Epdisoden: Eine Szene aus „Ich begehre Frauen“. © Edition Moderne

Wer im restriktiven sozialen Umfeld seine Homosexualität offen zeigte, war unter Umständen der Willkür durch Eltern, Mitschüler und Erzieher ausgesetzt, und es drohte die gesellschaftliche Ausgrenzung.

Die Folge: Viel Heimlichkeit, die auch in „Ich begehre Frauen“ Thema ist. October hält Händchen auf einer Parkbank - versteckt unterm Blazer. Und Mathilde und ihre Freundin finden erst durch das Erlernen der Gebärdensprache die Möglichkeit, sich über ihre Sexualität auszutauschen.

„Ich begehre Frauen“ ist damit auch ein Blick in eine Zeit, als Mädchen noch in Klosterschulen gingen und von den Eltern fortgeschickt wurden, um „umerzogen“ zu werden und den unerwünschten, „schädlichen“ Einflüssen künftig fernzubleiben.

Nach den 68er-Bewegungen begann ein internationaler Wandel im Umgang mit Homosexualität. In Kanada wurden gleichgeschlechtliche Beziehungen - wie auch in Deutschland - im Jahr 1969 entkriminalisiert.

Reduzierter, klarer Stil und viel Humor

„Ich begehre Frauen“ erscheint im Hardcover mit verheißungsvoll irisierenden Farben, doch grafisch sehr nüchtern, fast lehrbuchhaft - wäre da nicht noch die Abbildung einer Bettszene zweier weiblicher Wesen, die sich genüsslich auf dem Bett räkeln und der Musik eines Posaunenengels lauschen.

Klare Struktur: Eine Szene aus „Ich begehre Frauen“. Foto: Edition Moderne Vergrößern
Klare Struktur: Eine Szene aus „Ich begehre Frauen“. © Edition Moderne

Innen glänzt der Band mit Schlichtheit. Das klare, kaum durchbrochene Muster von fünf bis sechs Schwarzweiß-Panels pro Seite ist - wenn man die Veröffentlichung der Episode „Mathilde“ im „Strapazin“ (Nr. 126, 2017) nicht kennt - etwas überraschend. Obomsawins Animationsfilme sind in zarten Farben koloriert, die der Handlung mehr Lebendigkeit und Freude verleihen. Im Vergleich dazu wirken die Grautöne im Comic etwas angestaubt und streng.

Der Zeichenstil ist dafür sehr modern: Reduziert und klar, aber so pointiert, dass darin ein augenzwinkernder, hintersinniger Humor erkennbar wird, sehr subtil allein durch die Art, wie die tierköpfigen Protagonistinnen sich bewegen oder wie sie ihre Ohren halten.

Das Witzige wirkt bei Obomsawin nicht bloßstellend oder herablassend, sondern es bleibt warmherzig, ohne Trauriges auszublenden. Publikum und Leserschaft werden nicht belehrt, aber die Freude an Obomsawins Figuren, die an Anna Haifisch oder Lewis Trondheim erinnern, macht offen für die Biografien der Protagonistinnen.

Damit transformiert sie die teils tragischen Erlebnisse des Andersseins in unterhaltsame, leichte Geschichten, in denen letztlich nur eines zählt: Die Liebe.

Das Titelbild des besprochenen Buches. Foto: Edition Moderne Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Buches. © Edition Moderne

Nicht so ganz passend wirkt da die deutsche Übersetzung des Titels mit dem gehobenen, etwas gestelzten Wort „begehren“. Das „Lieben“ in „J’aime les filles“ und „On loving women“ trifft die unverstellt dargestellten Gefühle besser.

Ausgezeichnete Animationsfilme

„Ich begehre Frauen“ erschien schon 2014 auf Englisch und Französisch. Auf Deutsch ist das Werk von Diane Obomsawin kaum erschlossen.

Dabei wurde sie für ihre Animationsfilme mehrfach ausgezeichnet. „I like girls“/„J’aime les filles“ (2016) mit vier Episoden aus dem Comic-Band gewann international und war sogar für die Academy Awards im Gespräch.

Weitere Preise gab es für "Here and There" (2006) über ihre bewegte Kindheit zwischen Frankreich und Kanada und für „Kaspar“ (2012) über das rätselhafte Findelkind Kaspar Hauser, der auf der gleichnamigen Graphic Novel von 2009 basiert.

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