Strandausflug mit Folgen: Eine Szene aus „Sandburg“. Foto: Reprodukt
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Mystery-Comic „Sandburg“ Der Comic, der den neuen Thriller von M. Night Shyamalan inspirierte

Oscar Lévy und Frederik Peeters erzählen in „Sandburg“ von Leben und Tod im Zeitraffer. Jetzt kommt die Verfilmung ihres Comics unter dem Titel „Old“ ins Kino.

Mit diesem Strand stimmt etwas nicht. Das wird den Protagonisten der Comic-Erzählung „Sandburg“ schon auf den ersten Seiten klar. Es fängt mit einer Kinderbadehose an, die einem Dreijährigen plötzlich nicht mehr passt, weil er in kurzer Zeit um Jahre gealtert zu sein scheint. Jugendliche werden binnen Stunden zu Erwachsenen. Ihre Eltern, die eben noch vital waren, nähern sich unvermittelt dem Ende ihres Lebens.

Ein harmlos scheinender Strandausflug wird zum Alptraum. Wer dem zu entfliehen versucht, kommt nicht weit.

Wie in einem Kammerspiel führen der französische Szenarist Pierre Oscar Lévy und der Schweizer Comiczeichner Frederik Peeters in „Sandburg“ vor, wie unterschiedlich Menschen in einer existenziellen Extremsituation reagieren.

Vor rund zehn Jahren haben die beiden den Comic veröffentlicht. In dieser Woche findet ihr Mystery-Drama den Weg auf die großen Leinwände: M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“, „Unbreakable“) hat „Sandburg“ unter dem Titel „Old“ verfilmt, am Donnerstag kommt der Film bei uns ins Kino.

Aus dem Anlass wurde das Buch beim Berliner Reprodukt-Verlag neu aufgelegt (aus dem Französischen von Marion Herbert, Handlettering von Dirk Rehm, 104 S., 18€).

„Sandburg“ bringt zwei Meister ihres Faches zusammen. Lévy, der als Regisseur und Dokumentarfilmer arbeitet, hat ein gutes Gespür für Dramaturgie und Dialoge. Peeters, der mit Comics wie der autobiografisch geprägten Erzählung „Blaue Pillen“ sowie Science-Fiction- und Mystery-Reihen wie „Aâma“ und „Koma“ bekannt wurde, ist ein Meister der differenzierten Figurenzeichnung.

Nach dem Fund einer Frauenleiche kippt die Stimmung

In tiefschwarzen Tuschebildern vermittelt Peeters in „Sandburg“ von Anfang an eine bedrohliche Atmosphäre. Und das, obwohl der Strand, an dem sich ein Dutzend Menschen an einem Sommertag einfindet, auf den ersten Blick sehr einladend wirkt. Doch spätestens nach dem Fund einer Frauenleiche kippt die Stimmung – und das ist nur der Anfang einer Reihe von erschütternden Entdeckungen.

Düstere Panels: Eine Szene aus „Sandburg“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Düstere Panels: Eine Szene aus „Sandburg“. © Reprodukt

Es dauert nicht lange, bis der dünne Firnis der Zivilisation verschwindet. Mit feinem Pinselstrich hat Peeters die zunehmend verstörten Gesichtsausdrücke seiner Protagonisten zu Papier gebracht.

Ein herrischer Arzt spielt sich als Ermittler auf und meint, in einem nordafrikanischen Schmuckhändler einen Schuldigen gefunden zu haben, eben noch infantil wirkende Kinder entdecken erwachsene Lust und Körperlichkeit, Menschen besten Alters mutieren zu sabbernden Greisen, ein anfangs verdächtig agierender Mensch stellt sich als einer der wenigen Anständigen der Gruppe heraus.

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Schicht für Schicht sezieren Peeters und Lévy, wie in der Krise Ressentiments und Spannungen zwischen den Akteuren zutage treten und eskalieren. Peeters lässt die Figuren zeichnerisch überzeugend vor den Augen der Leserinnen und Leser altern.

Pointiert vermitteln Szenarist und Zeichner die Ambivalenzen und Gefühlsschwankungen der kleinen Strandgesellschaft: Von der Fassungslosigkeit über eine zwischendurch aufkommende verzweifelte Lebensfreude bis zur sukzessive wachsenden Schicksalsergebenheit.

Das Titelbild der Neuauflage von „Sandburg“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Das Titelbild der Neuauflage von „Sandburg“. © Reprodukt

Die an grundlegenden Fragen über das Leben und seine Herausforderungen reiche Geschichte erinnert an Science-Fiction-Klassiker wie „Twilight Zone“, aber auch an Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, in dem eine Frau unvorbereitet von der Zivilisation abgeschnitten wird.

„Sandburg“ ist eine erzählerisch wie zeichnerisch überzeugende Geschichte, nach deren Lektüre die hier eher nebenbei aufgeworfenen Fragen bezüglich der Bedingungen des Menschseins die Leserinnen und Leser noch einige Zeit lang beschäftigen dürften.

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