Spiel mit Tabus: Perscheids Strich war eindeutig zu erkennen. Illustrationen: Perscheid / Caricatura
© Illustrationen: Perscheid / Caricatura

Martin Perscheid (1966 - 2021) „Einer der besten und populärsten Zeichner der Komischen Kunst“

Seine Fans liebten ihn für seinen schwarzen Humor und sein Spiel mit Klischees. Jetzt ist Cartoonist Martin Perscheid mit 55 Jahren an Krebs gestorben.

„Männer bitte Brille hochklappen“, steht auf dem Schild über der Toilette. Davor ein Mann, der sich die Lesebrille auf den Kopf geschoben hat – und stehend durch die runtergeklappte Klobrille ins Becken pinkelt, sodass die Tropfen hochspritzen. Dieser mit kräftigen, fließenden Linien gezeichnete Cartoon ist in ungezählten WCs dieser Republik als Wandschmuck zu finden und war Martin Perscheids wohl bekannteste Arbeit.

Martin Perscheid bei der Arbeit. Foto: Sabrina Didschuneit / Caricatura / Lappan Vergrößern
Martin Perscheid bei der Arbeit. © Sabrina Didschuneit / Caricatura / Lappan

Nun ist der in Wesseling bei Köln lebende Humorzeichner mit 55 Jahren gestorben. Das gaben der Lappan-Verlag und die Kasseler Caricatura-Galerie am Donnerstag bekannt: „Nach langer Krankheit hat er in der Nacht zum 31. Juli den Kampf gegen den Krebs verloren.“

Der Klo-Cartoon enthält einige typische Zutaten, die Perscheid für seine Fans zu „einem der besten und populärsten Zeichner der Komischen Kunst“ (Caricatura-Leiter Martin Sonntag) machten. Oft ging es bei Perscheid um Missverständnisse seiner kahlköpfigen Hauptfigur bei der Interaktion mit der modernen Welt und ihren Regeln und Tabus, besonders im Umgang mit Frauen und ihren Erwartungen.

Viele Pointen seiner rund 4300 Cartoons basierten auf dem Spiel mit Geschlechterklischees am Rande zum Sexismus – und manchmal auch darüber hinaus. Zuletzt beschäftigten ihn auch Themen wie die Coronakrise, deren Folgen er mit schwarzem Humor kommentierte.

„Martin Perscheids Humor war nicht erfrischend, er war schwarz“, erklärte Antje Haubner, Programmleiterin des Lappan-Verlages. „Er wollte mit seinen Cartoons nicht nur spielen, sondern zubeißen. Dort, wo es wehtut und wo andere sich lieber wegducken, weil es kaum auszuhalten ist.“

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Perscheid hat seine Arbeiten seit 1994 in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen sowie fast 30 Büchern veröffentlicht. Zu den Auszeichnungen, die er im Laufe seiner Karriere erhielt, zählen der Max-und-Moritz-Preis und die Kulturplakette der Stadt Wesseling.

Die Caricatura in Kassel ehrte ihn 2016 mit dem „Denkmal für den unbekannten Idioten“. Das ist eine Skulptur in Form der bekannten Perscheid-Figur, sie steht seitdem auf dem Vordach der Caricatura am Kasseler KulturBahnhof.

Martin Perscheid hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Zur Startseite