Meta-Mäuse: Eine Szene aus „Residenz Fahrenbühl“. Illustration: Anna Haifisch
© Illustration: Anna Haifisch

Lockdown-Comic von Anna Haifisch Vom Paradies zur Mausefalle

Marie Schröer

Anna Haifischs „Residenz Fahrenbühl“, geschrieben im zweiten Lockdown, ist der perfekte Corona-Comic: Unaufgeregt, ungeschönt, unterhaltsam.

„Es ist einfach furchtbar! Ich bin ein schlechter Künstler! In Fahrenbühl wird meine Kunst zu Müll! Ich will in die große weite Welt … …. world wide mouse“ lamentiert der eine der zwei Protagonisten aus Anna Haifischs „Residenz Fahrenbühl“ (Spector Books, 150 S., 15 €). Seine Verzweiflung wird körpersprachlich übersetzt. Er versinkt förmlich in seinem Stuhl; die hageren wabernden Ärmchen werden bloß von der Tischplatte gehalten.

Dass es auch in Haifischs neuestem Comic um exzentrisch-zerbrechliche Künstlerseelen geht, diesmal eben im Körper zweier Mäuse, wird ihre Fans kaum erstaunen. Ich zumindest wäre geradezu enttäuscht, wenn dem nicht so wäre.

Haifischs Blick auf die Schrullen Kulturschaffender ist so akkurat und angenehm gehässig, dass man davon nicht genug bekommen kann. Nachdem in „The Artist“, dem Folgeband „The Artist. Der Schnabelprinz“, „Von Spatz“ und „Schappi“ anthropomorphe Vögel, Windhunde, Wiesel und allerlei andere kuriose Viecher zu diversen Ausstellungseröffnungen („The Artist“), Therapiesitzungen („Von Spatz“) und politischen Tiergipfeln („Schappi“) zusammengekommen sind, um ihrer Exzentrik publikumswirksam zu frönen, geht es in „Residenz Fahrenbühl“ auf den ersten Blick allerdings nicht ganz so schrill zu.

Dies liegt vor allem daran, dass die Autorin diesmal auf die so unverwechselbar knallige Farbgebung verzichtet hat, mit der sie der kalifornischen Nervenheilanstalt oder aber der einsamen Künstlerbude einen Touch von Siebdruck-Ästhetik und damit einen wunderbar surrealistischen Anstrich verleiht.

„Residenz Fahrenbühl“ ist optisch zurückhaltender; es erinnert durch das lila Kulli-Design an die Kurzgeschichte „Fuji-San“ aus „Schappi“, in der ein Hund von seinem entschleunigten Leben „am Fuße des Fuji-San“ berichtet.

Eine Doppelseite aus „Residenz Fahrenbühl“. Foto: Spector Books Vergrößern
Eine Doppelseite aus „Residenz Fahrenbühl“. © Spector Books

Auch oder gerade durch die ungeglättete Skizzenoptik, die wackligen Linien und das bescheidene Kleinformat des Taschenbuchs gelingt es, das fiktionalisierte Fahrenbühl erfahrbar zu machen, vielleicht auch weil das so offensichtlich Handgemachte für die Extraportion Rührung sorgt.

Social Distancing ist nicht jedermaus Sache

Oder wie die Maler-Maus, ganz Meta, zur Comicautor-Maus sagt, als diese sich über die mühselige und repetitive Arbeit beschwert, die von der Skizze bis zum fertigen Comic zu leisten ist: „Lass doch die Seiten so roh und skizzenhaft. Ich finde sie sehr schön. […] Genau jetzt sind deine Zeichnungen emotional und souverän.“

[Am Donnerstag, dem 25. März 2021, gibt es eine digitale Lesung von Anna Haifisch aus „Residenz Fahrenbühl“, hier findet sie statt: www.kw-berlin.de/amelie-von-wulffen-residenz-fahrenbuehl/.]

Die ungelenken Tiere überzeugen auch in Krakeloptik: Dafür sorgt Haifischs feines Gespür für ausgewählte Gesten, Worte und Orte, die in wenigen Strichen und dank vieler Auslassungen Atmosphäre erzeugen. Ein Gefühl für die imposante Weite der Landschaft wird etwa vermittelt, indem das Blatt von einzelnen Fachwerkhäuschen, Bäumen, Sträuchern und Mäusen flankiert wird. Das Nichts der weißen Seite wird so zu Schnee.

Das Titelbild (rechts) und die Rückseite des besprochenen Buches. Foto: Spector Books Vergrößern
Das Titelbild (rechts) und die Rückseite des besprochenen Buches. © Spector Books

Zu der leisen Optik und zu Corona-Zeiten passt auch das Line-Up; die zwei Mäuse sind in Fahrenbühl auf sich allein gestellt. Sie gehen Schlittschuh laufen, Kühe bestaunen und widmen sich ihrer Kunst. Aber: Social Distancing ist auf Dauer nicht jedermaus Sache. Während sich die eine wünscht, dass Fahrenbühl nie zu Ende geht, wird die andere unruhig, vermisst Stadt, Atelier und Sozialleben und fängt an, an sich und ihrer Kunst zu zweifeln. Sie will wieder „world wide mouse“ sein.

Um das zu unterbinden, greift ihr Kompagnon zu drastischen Mitteln – die, Maus hin oder her, ganz schön creepy sind. Das Paradies wird zur Mausefalle. Residenz Fahrenbühl ist die perfekte Lektüre für diese Zeiten. Melancholische Mäuse, die allerlei Abseitiges tun (wie etwa en passant über den Marktwert des Wortes „Virologe“ sinnieren, nämlich exakt 375 Euro) hellen garantiert die Stimmung auf.

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