Immer wieder Schornsteinfeger: Eine Seite aus „Der Spalt“. Foto: Canicola
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Kunst-Comic „Der Spalt“ Lebensbrief an die Enkelin

Anke Feuchtenberger lädt mit „Der Spalt“ zu einer assoziativen Gedankenreise ein und erweist sich ein weiteres Mal als Meisterin der poetischen Bilderzählung.

Immer wieder diese eine Frage: „Großmutter, was ist ein Spalt?“ Das lässt dem Mädchen keine Ruhe, nachdem sie den Begriff in der U-Bahn und an anderen Orten aufgeschnappt hat. Also macht sich die Ich-Erzählerin in Anke Feuchtenbergers Bilderzählung „Der Spalt“ (Canicola/Stiftung Villa Stuck, 36 S., 17 €, Vertrieb: www.reprodukt.com) daran, der Enkelin einen Brief zu schreiben, in dem sie nach Antworten sucht.

Ausgangspunkt einer mit Kohlezeichnungen illustrierten Meditation über das Leben und seine Herausforderungen. Bis hin zu jenen, die das Coronavirus mit sich bringt. Anhand der vielen Bedeutungsmöglichkeiten des Begriffes „Spalt“ lädt Feuchtenberger zu einer assoziativen Gedankenreise ein, in der sie Bilder und Texte zu einem poetischen Kunstwerk verknüpft.

Die 1963 in Ost-Berlin geborene Zeichnerin war ab den 90er Jahren hierzulande eine der Wegbereiterinnen der anspruchsvollen Bilderzählung. Später hat sie den deutschen Comic als Professorin der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften weiter mit geprägt, wo sie zahlreiche für die Kunstform ebenfalls wichtige Zeichnerinnen und Zeichner wie Barbara Yelin oder Sascha Hommer ausgebildet hat.

Der Titel ihres jüngsten Werkes bezieht sich teils auf Konkretes, das Feuchtenberger in realistischen Zeichnungen vermittelt. Einen Glücksbringer in Form eines Schornsteinfegers zum Beispiel, der in einer Dielenspalte gefunden wird, und dem später reale Schornsteinfeger folgen, die der Erzählerin begegnen. Oder Schlangen und Fledermäuse, die in Gebäudespalten hausen.

In anderen Sequenzen wird die Spalte zur Metapher für Vorgänge und Zustände, für die Feuchtenberger Verfremdungseffekte wie die Darstellung von Menschen mit tierischen Attributen nutzt. Da geht es um die schmerzhafte Trennung zweier Menschen, die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart oder die Spalte zwischen Himmel und Erde.

Ein neues Spielzeug für Laika

Und dann steht der Titel immer wieder auch für die Vagina als Ursprungsort des Lebens, von dem Feuchtenberger aus verschiedenen Perspektiven und mit teilweise cartoonhaften Abstraktionen erzählt.

Das Titelbild von „Der Spalt“. Foto: Canicola Vergrößern
Das Titelbild von „Der Spalt“. © Canicola

Das wirkt zutiefst persönlich und ist doch so allgemeingültig gehalten, dass die Lektüre viele Anknüpfungspunkte bietet. Vor allem aber ist dieses grafische Essay im opulenten Din-A3- Format ein visuelles Erlebnis. Feuchtenbergers Zeichnungen sind dominiert vom satten Schwarz des Grafits, Figuren und Orte oft kaum mehr als Schatten.

Doch immer wieder durchbrechen Wisch- und Kratzspuren die Dunkelheit, gelegentlich kommen weiße Kreidespuren hinzu. Der fließende Strich vor allem bei der Figurenzeichnung vermittelt etwas fast Zärtliches. Bedrohliches und Beruhigendes liegen hier dicht beieinander.

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Das gilt auch für die Vorgänge, von denen sie erzählt: Ein Komet kommt der Erde gefährlich nahe, Menschen und Tiere erfahren Gewalt, die Ich-Erzählerin leidet mit den Kreaturen um sich herum. Und dann sucht auch noch ein neues Virus nach den Schwachstellen des Menschen.

Doch ebenso geht es hier auch um die Kraft der Liebe, um starke Frauen, die Schönheit der Natur und manchmal auch um die kleinen Freuden des Alltags, wie den Kauf eines Spielzeugs für die Hündin der Erzählerin, Laika. Die trägt denselben Namen wie einst das erste von Menschen ins Weltall beförderte Lebewesen, welches seine historische Rolle mit einem frühen Tod bezahlte – so wird der Hund der Erzählerin zu einem weiteren Symbol für das Leben und seine Widersprüchlichkeit.

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