Melancholie und Menschlichkeit: Eine Szene aus dem besprochenen Buch. Foto: Reprodukt
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„Katze hasst Welt“ Trostpflaster gegen den Seelenkater

Marie Schröer
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Kathrin Klingners Comic „Katze hasst Welt“ besticht durch fabelhafte Milieustudien mit antropomorphem Cast.

Hamburger Kiez: Eine kleine Gestalt bahnt sich im Neonlicht der „Heuschreckenschwärme von Schrift“ (Walter Benjamin) ihren Nachhauseweg. Müde sieht sie aus, und in ihrem Mäntelchen vor dieser nächtlichen Kulisse besonders fragil. Das Café, in dem sie seit vier Jahren arbeitet liegt mitten im Rotlichtviertel. Junggesellenabschiede und Helene Fischer-Gesänge sind folglich an der Tagesordnung. Auf der Straße begegnet sie Männern, die ungeheuerliche Dinge vor sich hin brabbeln. „Mit kochendem Öl übergießen, verfluchte Weiber“, zum Beispiel.

„Katze hasst Welt“ verkündet der Titel und liefert im Comic oben genannte und andere gute Gründe für Abscheu, Ekel und Ennui. Der Titel passt auch deshalb so hervorragend, weil sein Verb uns zurecht signalisiert, dass trotz des niedlichen Tierchens kein Kitschrisiko besteht. Die Katze ist die Protagonistin, mit deren Augen wir DAS Milieu und andere Milieus erkunden, wo es von skurrilen Wesen nur so wimmelt, die meist gesprächiger sind als die Hauptfigur.

Kuriositätenkabinett von Fabelwesen

Eine toughe tätowierte Ratte, Kollegin von Katze, konstatiert: „Landei-Mädels. Wollen alle aufm Kiez in der Gastro arbeiten. Die finden das spannend.“ Wir begegnen sympathischen Hunden, empathischen Füchsen, Außerirdischen, deformierten und auch extrem konventionellen Menschen (einem Touristenpaar mit Trekking-Sandalen, zum Beispiel). Kurzum: Klingner entwirft ein Kuriositätenkabinett von Fabelwesen, mit deren Hilfe die absurd vielseitigen Facetten der menschlichen Spezies bebildert werden.

Der Schmerz der liebeskranken Katze: Eine weitere Szene aus dem Buch. Foto: Reprodukt
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Der Comic ist in vielerlei Hinsicht so originell, dass es schwer fällt ihn unter einem Nenner zu subsumieren. Die drei Teile sind nicht chronologisch aufgebaut, ergeben aber eine Einheit. Zu Beginn steht mit der „Geschichte von Katze und Panda“ das Ende einer Beziehung. Und höchstwahrscheinlich die erste Identifikation der Lesenden: Der Schmerz der liebeskranken Katze ist so treffend in Szene gesetzt, dass wir darüber ihr Katze-Sein vergessen.

Liebevoller Hass

Neben der Liebesgeschichte, die in den anderen Teilen wiederaufgenommen wird, stehen die oben erwähnten Milieustudien: Der Habitus von Städtern, (Mitt-)Dreißigern und Kunshochschulstudierenden ist pointierten Dialogen, Kleidungsvorlieben und Hipster-Requisiten zu entnehmen. Die Beschreibung des Dünkels der Kunsthochschüler weckt Assoziationen an Anna Haifischs „The Artist“. „Lacan is right“ ist an eine Wand gesprüht, prätentiös-profan gerieren sich die Nachwuchskünstler: „Für mein neues Projekt habe ich mich jedes Mal, wenn ich weinen musste, dabei nackt gefilmt“, flötet eine (vollbusige) Studentin.

Kuriositätenkabinett: Eine weitere Seite aus dem Buch. Foto: Reprodukt
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„Handlung und Figur dieses Buchs sind frei erfunden“, heißt es im Paratext der Neuauflage von Kathrin Klingners „Katze hasst Welt“. „So ist es nicht gewesen“, diese Worte finden sich im Prolog zum ersten Teil. So ist es nicht gewesen, aber so könnte es gewesen sein. Katze hasst Welt nicht nur, sondern beobachtet sie sehr genau. In zarten Zeichnungen und fabelhaften Fragmenten skizziert der Comic Melancholie und Menschlichkeit. Die Lektüre wirkt wie Trostpflaster gegen den Seelenkater: Selten wurde dem Hass so liebevoll gehuldigt.

Kathrin Klingner: Katze hasst Welt, Reprodukt, 96 Seiten, 18 Euro

Neu aufgelegt: Das Buchcover. Foto: Reprodukt
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