Systemkritiker im Kuschelfell: Eine Seite aus „Die Känguru-Comics 1 – Also ICH könnte das besser“. Foto: Carlsen
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Känguru-Comics von Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel Große Sprünge, viel im Beutel

Heike Byn

Marc-Uwe Klings Känguru-Comics gibt es jetzt als Sammelband. Ein weiterer Sprung auf der Karriereleiter des kommunistischen Beuteltiers und seines Erfinders.

Seit das kommunistische Känguru von Marc-Uwe Kling 2008 in einer Radio-Comedy auf die öffentliche Bühne hopste, ist viel passiert. Aus dem ehemaligen Kleinkünstler wurde ein erfolgreicher Bestsellerautor. Sein ungewöhnlicher Held ist heute Deutschlands beliebtestes Beuteltier mit riesiger Fangemeinde.

Ausbruch durch die vierte Wand: Eine weitere Szene aus „Die Känguru-Comics 1 – Also ICH könnte das besser“. Foto: Carlsen Vergrößern
Ausbruch durch die vierte Wand: Eine weitere Szene aus „Die Känguru-Comics 1 – Also ICH könnte das besser“. © Carlsen

Nach vier „Känguru“-Büchern, Hörbüchern und einem Kinofilm startete Ende 2020 mit „Die Känguru-Comics“ ein werktäglicher Comicstrip bei „Zeit Online“. Die für die Strips neu konzipierten Geschichten setzt der Zeichner Bernd Kissel („Münchhausen“, „Freistaat Flaschenhals“) in Szene.

Jetzt hat der Carlsen Verlag aus dem ersten Jahrgang den Sammelband „Die Känguru-Comics 1 – Also ICH könnte das besser“ gemacht.

Mit den knackig-kurzen, schwarz-weißen (in der Woche) sowie längeren und farbigen (am Wochenende) Strips erleben auch Neueinsteiger, was vielen immer schon gefiel: Ein Anarcho-Känguru als anthropomorphes Wesen, das in Gestus, Mimik und Wortwitz auf Augenhöhe mit dem Mitbewohner agiert.

Das Känguru füllt zudem eine Leerstelle für konfliktscheue Alltagsangsthasen, die sich hier gefahrlos ausleben lässt: Unbeirrt bewegt es sich jenseits der Grenzen von Tabus, Unsagbarem und gesellschaftlicher Konvention.

Kongeniales Team: Känguru, Kling und Kissel

Mit dem Sammelband lässt sich also weiter die Erfolgswelle des Systemkritikers im Kuschelfell reiten. Doch mit dem Buch gelingt auch etwas Unerwartetes: In den „Känguru-Comics“ kommentieren Känguru und Marc-Uwe Klings Alter Ego tagesaktuell unser Leben. Damit mutiert der Band zur etwas anderen „Känguru-Chronik“, die die Ereignisse des Jahres 2021 zwischen Buchdeckeln verdichtet: Klimawandel, Coronakrise, Koalitionsvertrag. Wir schauen, lesen und blicken staunend zurück.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Carlsen Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Carlsen

Anspielungen auf klassische Comicstrips wie „Calvin und Hobbes“ oder „Die Peanuts“ sind offensichtlich. Kissels Zeichnungen offenbaren dazu, wie vielseitig er ist: Unübersehbar sein an frankobelgische Klassiker wie „Tim und Struppi“ oder „Spirou und Fantasio“ erinnernder, detailliert-dynamischer Strich.

Kling und Kissel sind ein eingespieltes Team. So wie Kling mit seinen philosophischen, politischen oder selbstreferenziellen Storys gerne den Genre-Rahmen sprengt, so kongenial setzt Kissels das variantenreich um.

Dabei durchbrechen die beiden auch mal lässig die vierte Wand oder verwischen die Trennlinie zwischen Autor und Zeichner. In manchen Strips wird Kissel zur Comicfigur: mal als allmächtiger, die Handlung manipulierender Zeichnergott, mal als pädagogisch-inkorrekter Familienvater.

Die Zahl „1“ im Buchtitel lässt auf Folgebände schließen. So dreht sich das Vermarktungskarussell weiter. Längst ist das kommunistische Känguru im Kapitalismus angekommen. Auch darüber können wir lachen – wenn auch nicht mehr ganz so laut.

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