Jeff Lemire (mitte) und die Hauptfigur der Comicserie „Sweet Tooth“, Gus, die in der Verfilmung Christian Convery spielt. Foto: Netflix, Lars v. Törne, DC
© Netflix, Lars v. Törne, DC

Exklusiv Jeff Lemire über die Verfilmung von „Sweet Tooth“ „Eine Adaption muss für sich alleine stehen“

Am 4. Juni startet die Netflix-Verfilmung des Comics „Sweet Tooth“. Ein Interview mit Zeichner Jeff Lemire über Parallelen und Unterschiede von Film und Comic.

Diese Comic-Verfilmung wird kontroverse Reaktionen provozieren. Am 4. Juni startet die Adaption von Jeff Lemires Science-Fiction-Fantasy-Thriller „Sweet Tooth“ auf Netflix. Regie führt Jim Mickle, produziert wird die Reihe von Robert Downey Jr. und seiner Frau Susan Downey. Kürzlich wurden die ersten zwei Trailer veröffentlicht – und von einigen Fans der Serie bereits kritisch kommentiert.

Die zwischen 2009 und 2013 in 40 Heften beim inzwischen eingestellten DC-Label Vertigo veröffentlichte Serie spielt in einer postapokalyptischen Zukunft und handelt vom Überlebenskampf einer Gruppe von Menschen und Tier-Mensch-Hybriden. Hauptfigur ist der Junge Gus, der ein Hirschgeweih trägt und eine Schwäche für Schokoriegel hat.

In den Trailern kommt Gus – gespielt von Christian Convery – auffallend niedlich daher, auch wirkt die Stimmung der Verfilmung den ersten Szenen nach zu urteilen trotz einiger bedrohlicher Momente eher kitschig als düster und existenzialistisch.

Während viele Fans der Heftserie nach Veröffentlichung der Trailer auf Social-Media-Kanälen ihre Vorfreude ausdrückten, waren auch Stimmen wie diese zu hören: „Am 4. Juni erwartet uns vielleicht die Comic-Verstümmelung des Jahres. Wenn Sweet Tooth eins nicht ist, dann süß. Der Trailer vermittelt aber genau das, ein süßes apokalyptisches Märchen.“

Eine erste Rezension im Tagesspiegel fiel allerdings positiv aus: „Spitzenfantasy mit Spannung, Herz und Sozialkritik“, urteilte Filmkritiker Jan Freitag in einem Artikel über sehenswerte Streaming-Neustarts des Monats.

„Sweet Tooth“ war für den heute 45-jährigen Lemire ein wichtiger Schritt auf dem Weg vom persönlichen Independent-Comic zu Genre-Erzählungen, die inzwischen einen wichtigen Teil seines Werkes ausmachen. So hat er es in einem Text beschrieben, den er für eine Ausstellung seiner Werke beim Internationalen Comic-Salon Erlangen 2018 verfasst hat. Die Ausstellung wurde damals vom Autor dieses Artikels kuratiert.

„Nach dem Erfolg von „Essex County“ wollte ich etwas schaffen, das nicht so autobiografisch war und das meine Liebe zu Genre-Stoffen zum Ausdruck brachte“, schrieb Lemire damals in dem Katalog zu seiner Ausstellung. Er bekam die Chance, für das Vertigo-Label zu arbeiten, und „Sweet Tooth“ war für ihn der Versuch, sein erstes großes Science-Fiction-Werk zu schaffen: „Eine von Herzen kommende, charakterorientierte Geschichte mit einer großen, weitläufigen Kulisse und einem großen Geheimnis im Kern.“

Jeff Lemire am Zeichentisch. Foto: Lars von Törne Vergrößern
Jeff Lemire am Zeichentisch. © Lars von Törne

Kurz vor dem Start der Netflix-Adaption hatte sich Lemire erneut in die Welt von Gus begeben: Er hat bei DC die Miniserie „Sweet Tooth – The Return“ veröffentlicht, die zentrale Motive der ursprünglichen Serie aufgreift und weiterentwickelt.

Der Tagesspiegel hat den in Toronto lebenden Autor in einem Kurzinterview zur Verfilmung, den Unterschieden zu seiner Comicvorlage und der zeichnerischen Rückkehr in die Welt von „Sweet Tooth“ befragt.

Das Netflix-Poster zur Verfilmung mit den Hauptdarstellern Christian Convery (Gus) und Nonso Anozie ( Tommy Jepperd). Foto: Netflix Vergrößern
Das Netflix-Poster zur Verfilmung mit den Hauptdarstellern Christian Convery (Gus) und Nonso Anozie ( Tommy Jepperd). © Netflix

Jeff Lemire, wie weit waren Sie an der Adaption von „Sweet Tooth“ als TV-Serie beteiligt?
Jeff Lemire: Ich war nur indirekt beteiligt. Ich war und bin mit meinen vielen eigenen Comic-Projekten sehr beschäftigt, zudem bearbeite ich einige andere meiner Bücher für weitere Filmadaptionen. Daher war ich in diesem Fall nicht direkt in Umsetzung als Netflix-Serie eingebunden. Der Showrunner der Verfilmung von „Sweet Tooth“, Jim Mickle, und alle im Team Downey waren wirklich spitze darin, mich auf dem Laufenden zu halten und mir das Gefühl zu geben, bei jedem Schritt involviert zu sein. Ich habe zum Beispiel das Set des Pilot-Shootings in Neuseeland besucht und mich sehr offen mit Jim unterhalten.

Wie war es, mit Robert Downey Jr. und seiner Frau Susan als Produzenten zu arbeiten?
Robert und Susan Downey sind großartig. Sie sind sehr an der Adaption beteiligt und glauben an die Figuren und die Geschichte, und ihre Leidenschaft dafür ist sehr deutlich zu spüren.

In welcher Hinsicht entspricht die Netflix-Adaption dem, was Sie mit „Sweet Tooth“ beabsichtigt haben, und wo unterscheidet sie sich?
Jede Adaption wird anders sein als das Original. Der Comic wird immer der Comic sein, und das war meine Vision für „Sweet Tooth“. Die TV-Umsetzung musste ein eigenständiges Ding sein, dass alleine für sich stehen kann. Die Figuren und Themen sind sicher immer noch da, aber die Welt hat sich sehr verändert, seitdem ich „Sweet Tooth“ vor einem Jahrzehnt zum ersten Mal kreiert habe.

Wie meinen Sie das?
Seitdem gab es im Fernsehen so viele postapokalyptische Geschichten, dass es vielleicht ein bisschen langweilig wäre, sich der Thematik so zu nähern, wie ich es mit dem Comic getan habe. Deshalb haben sie sich für eine etwas leichtere Herangehensweise an das Material entschieden. Das ist wahrscheinlich besser für eine Welt geeignet, die sich tatsächlich mitten in einer Pandemie befindet. Die Verfilmung hat sicherlich einige große Unterschiede, aber ich denke, das ist eine gute Sache.

Wie sehr konzentriert sich die Verfilmung auf Ihren ersten Handlungsbogen von „Sweet Tooth“ -und wieweit wurden auch Elemente der neuen Miniserie „Sweet Tooth - The Return“ mit aufgenommen, die Sie kürzlich beendet haben?
Von „Sweet Tooth: The Return“ ist in der TV-Serie überhaupt nichts enthalten. Den Comic habe ich geschrieben und gezeichnet, nachdem die Verfilmung bereits sehr weit in der Produktion fortgeschritten war.

Trotzdem hat man als Leser den Eindruck, dass es kein Zufall ist, dass es fast parallel zum Start der Verfilmung auch eine Comic-Fortsetzung gibt. Inwieweit haben Sie den Comic „Sweet Tooth - The Return“ im Vorgriff auf die Netflix-Adaption geschaffen?
Ich hatte „Sweet Tooth“ 2013 beendet und mich dann anderen Projekten gewidmet. Aber als ich 2018 das Film-Set besuchte und die Leidenschaft und Aufregung sah, die jeder der Beteiligten für die Welt und die Figuren von „Sweet Tooth“ hatte, entzündete sich meine eigene Liebe zu „Sweet Tooth“ wieder und in meinem Kopf begannen die Räder sich zu drehen. Ich wollte die Figuren danach einfach noch einmal besuchen. Ich würde sagen, dass die Verfilmung in mir den Wunsch ausgelöst hat, noch einmal in die Welt von „Sweet Tooth“ zurückzukehren.

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