Weit hergeholt: In den Ausstellungen sind neben Comics auch Arbeiten wie dies Mixed-Media-Installation von Ganzeer zu sehen. Foto: Carmen Jaspersen/dpa
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Gruppen-Ausstellung „Die neunte Kunst“ Trio mit neun Künsten

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In Oldenburg haben zwei Museen und ein Haus für Medienkunst zusammengefunden, um Besuchern den Comic nahezubringen – der unter drei Bezeichnungen daherkommt.

Freitagabend in Oldenburg. Die im Horst-Janssen-Museum stattfindende Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung „Die neunte Kunst“ ist sehr gut besucht, und während ich auf Grund akuten Sitzplatzmangels vor einer mich stark an die Stilistik von Bill Sienkiewicz erinnernden Grafik des dem Museum seinen Namen verdankenden Künstlers Janssen stehend über dessen kolportierte Angewohnheit, im alkoholisierten Zustand gern Fix-und-Foxi-Hefte gelesen zu haben, nachsinne, nimmt das Einweihungsprocedere seinen Lauf.

Der konzeptuelle Überbau und die Unterteilung in drei Kapitel wird wortreich erläutert, dabei ist auffällig oft von der Graphic Novel die Rede – trägt doch auch die im Horst-Janssen-Museum stattfindende Ausstellung den Titel „Aktuelle deutsche Graphic Novels“; dazu kommen „Die Geschichte des Comics“ im Stadtmuseum und „Unwanted Stories“ im Edith-Russ-Haus.

Für das Tuschefass von Hansrudi Wäscher war noch Platz: Eines der Objekte im Oldenburger Stadtmuseum. Foto: Oliver Ristau
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Zusammenfassend ist festzustellen, dass hier versucht wird, eine Chronologie erfahrbar zu machen: Das Stadtmuseum widmet sich der Vergangenheit, das Horst-Janssen-Museum der Gegenwart und das Edith-Russ-Haus einem Ausblick in die Zukunft, wobei der Comic Vergangenheit und Ausgangspunkt ist, die Graphic Novel die Gegenwart symbolisiert und die neunte Kunst dann nahtlos in die zehnte, das Computerspiel, überführt werden soll.

Alles für die Katz

In seiner Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung stellt der ehemalige „Comixene“-Herausgeber und Carlsen-Redakteur Andreas C. Knigge einen historischen Abriss der Entwicklung des Mediums Comic hin zum Subgenre der Graphic Novel dar, die dem altbekannten Kanon frönt, der mit Will Eisners „A Contract with God“ beginnen und natürlich Art Spiegelmans „Maus“ beinhalten muss, wobei ein formaler Prototyp wie „It Rhymes with Lust“ außen vor gelassen, aber die Kurzgeschichte „Master Race“ auf Grund ihres anspruchsvollen Inhalts großzügig vereinnahmt wird.

Vakuum: Eine Seite von Lukas Jüliger, die im Horst-Janssen-Museum zu sehen ist. Foto: Promo
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Diese Sichtweise findet sich in ähnlicher Form in der Präsentation des Stadtmuseums wieder, die sich auf die üblichen Verdächtigen wie Rodolphe Töpffer, Walt Disney und eben Spiegelman und Eisner stützt.

Dass es für kleine Häuser immer schwieriger wird, die erforderlichen Summen für das Entleihen oder Anschaffen von Exponaten aufzubringen, ist eine Sache. Aber Museen als Orte der Bildung und des Lernens sollten bemüht sein, bestehende Sichtweisen zu hinterfragen und neue Ansätze zu verfolgen. Diese Option wurde hier schlichtweg vertan. So ist der Manga, der gerade deutsche Zeichnerinnen wie Olivia Vieweg oder Katja Klengel in ihrer Entwicklung zu Beitragenden im zeitgenössischen deutschen Comic beeinflusste, unterrepräsentiert.

Wie es Künstlerinnen überhaupt sind; keine europäische Pionierin wie Marie Duval, keine Ausnahmeerscheinung wie die Afroamerikanerin Jackie Ormes, deren langjährige Ausblendung aus dem geschichtlichen Kanon Erkenntnisse auf die von weißen Männern dominierten Strukturen sowohl im Comic-Gewerbe als auch der -Forschung zulässt.

Mehr Licht: Nicht Goethe, sondern Street-Art-Künsttler Ganzeer im Edith-Russ-Haus. Foto: Oliver Ristau
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Dafür wäre in der auf Deutschland, Belgien und die USA fokussierten Schau anstelle des Zeigens von Disney- oder Fleischer-Zeichentrickfilmen sicher noch Platz gewesen. Was zudem mehr Sinn gemacht hätte – Animationsfilme sind nun mal keine Comics; eine irrige Annahme, der man im Edith-Russ-Haus leider zuweilen ebenso erlag.

Auch der Verweis auf die kritische künstlerische Bearbeitung eines kanonischen Titels wie „Maus“ durch Ilan Manouachs „Katz“ wäre gerade in einer die Grenzen der Kunstform erforschenden Stätte wie dem Edith-Russ-Haus gut aufgehoben gewesen, welches sich laut Eigenauskunft im Ausstellungsflyer zu „Unwanted Stories“ unter anderem die Erkundung der Dekonstruktion der „populären grafischen Erzählung“ zum Ziel gesetzt hatte.

The Artist: Eine der Arbeiten Anna Haifischs, die im Horst-Janssen-Museum zu sehen ist. Foto:
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 Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht

 Aber bevor ich mich eingehender der Zukunft des Comics im Edith-Russ-Haus widme, befasse ich mich mit der Gegenwart, um zu überprüfen, ob aus der Vergangenheit Lehren gezogen wurden.

Die aktuellen deutschen Graphic Novels versprechen mit Barbara Yelin, Anna Haifisch, Birgit Weyhe, Anke Feuchtenberger, Isabel Kreitz und Ulli Lust genau das, denn das Verhältnis der Geschlechter ist hier fast ausgewogen. Vielleicht auch eine Folge der Tatsache, dass die für die Ausstellung verantwortlichen im Horst-Janssen-Museum weiblichen Geschlechts sind.

Nicht die New Mutants sondern Horst Janssen - es ist doch nicht alles Comic. Foto: Oliver Ristau
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Die Herren der kreativen Schöpfung bestehen aus Max Baitinger, Lukas Jüliger, Felix Pestemer, Simon Schwartz, Olivier Kugler sowie Hans Hilllmann, und eigentlich gehören Thomas von Steinaecker und Peer Meter als Co-Autoren von Yelin beziehungsweise Kreitz in diese Aufzählung mit aufgenommen.

Das Geschlecht sagt aber nichts über eventuell vorhandene Qualität aus, denn gerade bei der deutschen Graphic Novel kaschieren Reportagen, Autobiografien oder Literaturadaptionen allzu oft mangelndes erzählerisches Können oder Ideenlosigkeit, und stellen, gerade im Falle des Subgenres innerhalb des Subgenres, der Künstlerbiografie, eine verlässliche Einnahmequelle dar, selbst wenn sich die zeichnerische Qualität mitunter an der Grenze zum Star-Portrait an der Zeltwand eines Fahrgeschäftes auf dem Rummelplatz bewegt.

Comic-Pionier. IM Stadtmuseum Oldenburg sind unter anderem Arbeiten von Rodolphe Toepffer zu sehen. Foto: Promo
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Alle Werke profitieren hier jedoch vom Unvermögen, einen Comic in Gänze, also dessen Gesamtinhalt, museal abbilden zu können, dazu muss er eben gelesen werden. Deshalb ein Verfahren, welches das akribische Vorführen von Entstehungsprozessen vom ersten Entwurf bis zur fertigen Seite beinhaltet, ergänzt um Fragebögen an die ausgestellten Künstler und Künstlerinnen, die zusätzlich noch Ergänzung durch den jeweiligen Comic erfahren. Die Lektüre des Werkes in seiner Gesamtheit ist also von Nöten, um die Verschränkung von Wort- und Bildkunst tatsächlich beurteilen zu können.

Eine hervorragende Eignung, im Museum aufgehängt zu werden, besäße übrigens Anna Haifischs „Drifter“, in dem Text und Bild konsequent voneinander getrennt sind, und das durch seine Kürze und Qualität gleichzeitig dem Unsinn vom oft behaupteten und damit Wertigkeit suggerierenden größeren Werkumfang der Graphic Novel Paroli bietet; die Kuratorinnen haben sich dann aber doch für Haifischs episodenhaften „The Artist“ entschieden.

 

Es ist angerichtet - die Eröffnung der Schau der drei Welten. Foto: Oliver Schaefer
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Adventure Time! - Abenteuerzeit mit Vic und David

 Nach erhellenden Momenten bezüglich der Produktionsprozesse im zeitgenössischen deutschen Comicschaffen tauche ich nun in eine doppelt dunkle, weil inhaltlich oft morbide Welt im Edith-Russ-Haus ein. Das gedämpfte Licht ist zudem notwendig, weil hier viel auf Monitoren vor sich hin flackert.

Aber nicht nur: Vom aus Ägypten stammenden Street-Art-Künstler Ganzeer gibt es extrem hell ausgeleuchtete einiger von ihm bemalter Wände, die der Science-Fiction zuzurechnende Motive zeigen, und einige zusammengetackerte Seiten mit Auszügen aus einer gerade sich in Arbeit befindlichen Graphic Novel, dazu wackeln daraus animierte Sequenzen vor sich hin. Das Ganze nennt sich Mixed Media, braucht den Comic als Ausgangsmaterial offensichtlich, und wird auch wegen der grafischen Dynamik erst einmal durchgewunken.

Das Plakat zur konzertierten Aktion in Oldenburg. Foto: Promo
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Ähnliches gilt für Victoria Lomasko, deren gezeichnete Bildfolgen aus dem heutigen Russland durch ihre Hängung einen ähnlichen comicartigen Effekt bewirken wie weiland Marcel van Eedens an Comicseiten-Arrangements erinnerndes Konzept der Bildaufhängung für „The Zurich Trial“ in der Hamburger Kunsthalle, und ganz so weit weg von Prinz Eisenherz ist das zumindest formalistisch betrachtet nun alles nicht. Was gegebenenfalls noch einmal im Stadtmuseum überprüft werden kann.

Die anderen drei gezeigten Künstler, nämlich Wojciech Bąkowski aus Polen, David O'Reilly aus Irland und der Israeli Amir Yatziv befassen sich mit Animation, die eine Verwandtschaft zum Comic und dessen Funktionsweise nur schwerlich oder gar nicht erkennbar werden lässt; trotzdem alles recht sehenswert; insbesondere das Video „The External World“ O'Reillys, der hier eventuell seine Erfahrungen als einmaliger Regisseur der Serie „Adventure Time“ verarbeitet hat, ist wegen der abgehalfterten und kaputten Trickfilmfiguren einen Blick wert.

So ergibt sich das Bild einer Ausstellung, die nur in Teilen dem übergeordneten Thema der neunten Kunst gehorcht, manches erscheint doch zu abwegig und weit hergeholt, um noch im Ausgangskontext bestehen zu können.

Max Baitinger und Lukas Jüliger können ihr Glück kaum fassen - endlich richtige Romanciers und dann noch ne Disse direkt gegenüber vom Horst-Janssen-Haus. Foto: Oliver Ristau
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 Was vom Comic übrig blieb

 Trotz einiger Mängel, man hat sich durchaus Gedanken über den üblichen Comic-Kanon hinaus gemacht. So holt man die an anderen Orten viel geschmähten Cosplayer ins Boot, denen am Gratis-Comic-Tag bei kostümiertem Erscheinen freier Eintritt winkt.

Der sonst bei derartigen Veranstaltungen unterrepräsentierte Webcomic wird in einem Workshop thematisiert, es gibt Fortbildungen für Lehrkräfte, Angebote für Schüler, man kooperiert mit der Carl-von-Ossietzky-Universität und stellt Arbeiten der Studierenden aus, es gibt sogar ein niedrigschwelliges Einstiegsangebot, was freien Eintritt in allen drei Ausstellungen am 11. März 2018 bedeutet, und ein weiterer Workshop lässt Anna Haifisch auf Jugendliche los, Teilnahme aber erst ab 16 Jahren.

Birgit Weyhe und Reinhard Kleist sind bei Lesungen zu erleben, letzterer bei musikalischer Begleitung. Isabel Kreitz hält einen hörenswerten Vortrag, es gibt einen Manga-Zeichenkurs und selbst an die allerjüngsten Comic-Aficionados im Krabbelalter wurde gedacht.

«Ein deutsches Tier im deutschen Wald» - Auszüge aus der Arbeit von Anke Feuchtenberger. Foto: Carmen Jaspersen/dpa
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Sollten Sie sich also tatsächlich mit dem Gedanken tragen, den Nordwesten der Republik aufzusuchen, bringen Sie etwas Zeit mit.

Denn es gibt da ja zusätzlich noch einen einmaligen Schatz in Oldenburg zu entdecken: Die „Wonderfully Vulgar“-Sammlung alter englischer Comics, die in der Carl-von-Ossietzky-Universität untergebracht ist – um diese ansehen zu dürfen, ist allerdings eine Voranmeldung erforderlich, weil die Objekte durch den Nagezahn der Zeit etwas fragil geworden sind und daher nur kontrollierter Zugang gestattet wird.

 Die Ausstellungen im Edith-Russ-Haus und Oldenburger Stadtmuseum sind bis zum 2. April 2018 geöffnet, das Horst-Janssen-Museum beendet seine Werkschau deutscher Künstler am 6. Mai 2018.

Mehr zum Thema

 Weitere Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen sowie weiterführende Links finden Sie hier.

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