Zwischen Horror und Fantasy: Eine Seite aus „Snow, Glass, Apples“. Foto: Splitter
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Finsteres Märchen Wie Neil Gaiman Schneewittchen zu neuem Leben erweckt

Neil Gaiman hat mit „Sandman“ den Comic revolutioniert. Colleen Doran hat seine Kurzgeschichte „Snow, Glass, Apples“ in einen preisgekrönten Comic verwandelt.

Neil Gaiman („Sandman“, „American Gods“) zählt zu den internationalen Superstars des Comics und der Fantastik, Colleen Doran („Orbiter“, „Wonder Woman“) zu den besonderen Künstlerinnen des grafischen Erzählens.

Gaimans Prosa-Kurzgeschichte „Snow, Glass, Apples“ und Dorans Comic-Adaption (Übersetzung: Gerlinde Althoff, Splitter-Verlag, 64 S., 19,80 €) trennt genau ein Vierteljahrhundert, doch die visuelle Aufbereitung als Bildergeschichte lässt die Story von Neuem erstrahlen und unterstreicht die Zeitlosigkeit und Macht von Märchen, um die es Gaiman ursprünglich ging.

Anfang der 1990er nutzte der Brite, der lange in den USA lebte, seine finstere „Schneewittchen“-Fassung nämlich, um ein akademisches Symposium zum Thema Mythen und Märchen aufzumischen.

Gaiman missfiel damals die Einstellung vieler Teilnehmer der Veranstaltung, die der Meinung waren, Märchen hätten bereits all ihre Geheimnisse preisgegeben und wären von zeitlosen, bedeutungsvollen und machtvollen Geschichten für Erwachsene zu abgedroschenen, machtlosen alten Geschichten für Kinder verkommen.

In einem Essay seiner lohnenswerten Sekundärtext-Sammlung „The View from the Cheap Seats. Selected Non-Fiction“ (dt.: Beobachtungen aus der letzten Reihe“, Eichborn 2017) schreibt Gaiman völlig richtig, dass „Snow, Glass, Apples“, seit 1994 in diversen Anthologien und Storysammlungen erschienen (auf Deutsch als „Schnee, Glas, Äpfel“ im Buch „Die Messerkönigin“, Heyne 2001), eine seiner stärksten Erzählungen ist – und sicherlich eine der verstörendsten.

Umso mehr, da er die Story ursprünglich an einem Morgen der bereits erwähnten Tagung den nichtsahnenden Märchenexperten vortrug, von denen einige anschließend ziemlich blass gewesen sein sollen.

Von Glasmaler Harry Clarke inspiriert: Eine Szene aus „Snow, Glass, Apples“. Foto: Splitter Vergrößern
Von Glasmaler Harry Clarke inspiriert: Eine Szene aus „Snow, Glass, Apples“. © Splitter

Kein Wunder: Gaiman macht Schneewittchen in seiner ruchlosen Umdeutung zwischen Horror und Fantasy zur Antagonistin, nutzt als Perspektive die der vermeintlich bösen Königin und scheut weder vor Sex, noch vor Vampirismus oder Nekrophilie zurück. Märchen können reichlich düsterer und deftiger Stoff sein, aber Gaimans unheilvolle Schneewittchen-Verzerrung toppt vieles in dieser Ecke dann doch noch mal.

Etwas, dem Colleen Doran, bei all ihrem kultivierten künstlerischen Feingeist, in der Comicadaption jederzeit Rechnung trägt.

Von Sandman bis Little Nemo

Das Portfolio der Amerikanerin ist voll mit beeindruckenden Projekten: Sie zeichnete die offizielle Comicautobiographie von Marvel-Vater Stan Lee, interpretierte gemeinsam mit Alan „Watchmen“ Moore den träumerischen Comichelden-Prototypen Little Nemo von Winsor McCay als E-Comic neu, inszenierte mit Kultautor Warren Ellis die Science-Fiction-Miniserie „Orbiter“, zeichnete Abenteuer von Wonder Woman, Shade the Changing Man oder der Legion of Super-Heroes, realisierte Manga und gestaltete eigene Comics wie die Space Opera „A Distant Soil“.

Eine weitere Seite aus „Snow, Glass, Apples“. Foto: Splitter Vergrößern
Eine weitere Seite aus „Snow, Glass, Apples“. © Splitter

Und natürlich illustrierte Doran Anfang der 1990er ein paar Kapitel von Neil Gaimans ewig einflussreicher und beliebter „Sandman“-Serie, welche die Grenzen des grafischen und des fantastischen Erzählens neu absteckte, derzeit als Audible-Hörspiel umgesetzt wird und demnächst als TV-Serie auf Netflix gestreamt werden soll. Die von Gaiman für „Sandman“ erschaffene Hexe Thessaly, die bis heute in den DC-Comics mit Dream, Lucifer und Co. vorkommt, basiert sogar auf Doran.

In den vergangenen Jahren machte die 1963 geborene Künstlerin, die schon als Teenager einen Disney-Talentwettbewerb gewann, noch minderjährig erste Comics publizierte und von Science-Fiction-Künstler Frank Kelly Freas ausgebildet wurde, aus Gaimans unbequemer Fantasy-Kurzgeschichte „Troll Bridge“ (2016) einen starken Comic und steuerte zudem Artwork zur fortlaufenden Comicadaption von „American Gods“ nach Gaimans Roman bei, die parallel zur mittlerweile abgesetzten Fernsehserie entstand.

2019 legte sie dann ihre Comicfassung von „Snow, Glass, Apples“ vor, die „Sandman“-Übersetzerin Gerlinde Althoff jetzt für Splitter ins Deutsche übertragen hat.

Zwischen Manga und Glasmalerei

Colleen Doran gelingt es über 25 Jahre nach dem Vortrag und der Erstveröffentlichung der Kurzgeschichte, in ihrer Comicversion sowohl die klassische, fantastische Märchen-Magie als auch den gruseligen Vibe der cleveren Neuinterpretation zu beschwören.

Hinzu kommt, dass Doran und Gaiman beide große Bewunderer des irischen Buchillustrators und Glasmalers Harry Clarke (1889–1931) sind, von dessen Arbeiten sich Doran für ihre gezeichnete beziehungsweise gemalte Auslegung ebenso inspirieren ließ wie von Jugendstilarbeiten oder Manga (sie selbst sagt, dass manches von dem, was in ihrem Stil oft nach Manga-Einflüssen aussieht, eigentlich Clarke ist).

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Splitter Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Splitter

Doran hat Gaimans dunkle Schneewittchen-Spiegelung in extrem aufwendigen und detailreichen Seiten und Doppelseiten umgesetzt, die einen sagenhaften Flow haben, mit wandbildhafter Einteilung und einer überbordenden Ornamentik.

Trotz der Düsternis im Inhalt und den Motiven besitzen die kräftigen Bilder allerdings eine große Sättigung und Leuchtkraft, was die Dunkelheit an den richtigen Stellen verstärkt. Kontrast ist sowieso ein allgegenwärtiges Stilmittel. Der Text zitiert Gaimans originale Story in begleitenden Kästen, was einem erzählten Märchen am nächsten kommt – Doran greift so gut wie gar nicht auf Sprechblasen zurück.

So kleidet sie diese unvergessliche Schneewittchen-Variation in passend denkwürdige Bilder. Dorans Adaption des unheimlichen und drastischen Märchen-Remix kann selbst Comicskeptiker erobern und unterstreicht Gaimans These von damals, dass Märchen eben nach wie vor kein Kinderkram sind.

Nach dem Apfel kommt der Gral

Dafür wurde Colleen Doran bei den Eisner Awards – den amerikanischen Comic-Oscars – 2020 ebenso ausgezeichnet wie 2019 bei den Bram Stoker Awards der Horrors Writers Association, die nicht umsonst nach dem Erfinder von Dracula benannt sind.

Der Erfolg von „Snow, Glass, Apples“ brachte bereits die nächste Doran-Adaption einer Gaiman-Fabel auf den Weg. Im Moment widmet sie sich seiner Story „Chivalry“ (dt.: „Ohne Furcht und Tadel“) von 1992, in der eine rüstige Witwe in einem englischen Second-Hand-Laden den Heiligen Gral findet, weshalb kurz darauf der Ritter Galahad in ihrem Vorgarten auftaucht.

Nach „Troll Bridge“ und „Snow, Glass, Apples“ kann man Dorans Interpretation der Gaiman’schen Gralssuche, die jedoch heiteres Kontrastprogramm bieten wird, kaum erwarten.

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