Fantasy-Comicserie „Once & Future“ Mit Oma gegen Zombie König Artus

Die Comicserie „Once & Future“ vermischt historische Mythen mit moderner Urban Fantasy und Gesellschaftskritik. In Kürze erscheint der dritte Band auf Deutsch.

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Akademiker und Rugby-Spieler: Duncan McGuire ist die Hauptfigur von „Once & Future“. Foto: Cross Cult Vergrößern
Akademiker und Rugby-Spieler: Duncan McGuire ist die Hauptfigur von „Once & Future“. © Cross Cult

Bei einem Date mit der schönen Historikerin Rose erhält der Akademiker und Rugby-Spieler Duncan McGuire die Nachricht, dass seine Großmutter Bridgette mal wieder aus dem Seniorenheim ausgebüxt ist. Als er die betagte, aber rüstige Dame in der englischen Pampa findet, steht sie in einem Geheimversteck im Wald mit allen möglichen Waffen und Bomben, die aus ihrer Zeit als professionelle Monsterjägerin stammen.

Bevor Duncan, die Hauptfigur in Kieron Gillens und Dan Moras Comicserie „Once & Future“, sich groß wundern kann, werden sie vom bizarren Questentier Glatisant aus der Artus-Legende angegriffen. Mehr noch: Duncans knallharte Großmutter, die ihn aufzog und immer behauptete, Legenden seien nur Geschichten und nichts weiter, will mit Duncan nun sogar eine Gruppe Nationalisten davon abhalten, mittels alter Mythen und Artefakte den berüchtigten König Artus als Zombie wiederzuerwecken.

Denn der royale Hardliner soll die britischen Inseln in eine bessere Zukunft führen. Allerdings hat auch Duncan eine ganz bestimmte Rolle in dieser Jagd nach Monstern, Zauberschwertern und dem Gral zu spielen, die mit den Geheimnissen seiner Familie zusammenhängt.

Kieron Gillen und Dan Mora sind in der Comicszene keine Unbekannten. Der 1975 geborene Gillen machte sich als Journalist in den Bereichen Games und Musik einen Namen. Nach dem Jahrtausendwechsel verfasste der Engländer erste Comics, die unter anderem im britischen „PlayStation Magazine“ und in „Warhammer Monthly“ erschienen – Gillen ist ein leidenschaftlicher Rollenspieler und Tabletop-Wargamer.

Zum Comic-Star wurde er bei Marvel, wo er lange Runs an „Thor“, „X-Men“, „Iron Man“ und „Young Avengers“ hinlegte. Die zuletzt genannte Serie gestaltete der Brite mit Zeichner Jamie McKelvie, mit dem er auch die Creator-Owned-Serien „Phonogram“ und „The Wicked + The Divine“ realisierte. An der Front unabhängiger Stoffe ersann Gillen obendrein die „Dungeons & Dragons“-Hommage „Die“ und die Military-Alternativwelt-SF-Serie „Über“.

Auf den Spuren von Alan Moore und Jack Kirby

Zudem wurde Gillen, der 2019 für seine Leistungen einen Ehrendoktor der Staffordshire University erhielt, nach der Disney-internen Rückkehr des „Star Wars-Franchise zu Marvel eine treibende Kraft im Comic-Imperium nach George Lucas: Er füllte die Hauptserien „Darth Vader“ und „Star Wars“ mit überzeugenden neuen Geschichten innerhalb der klassischen Filmkontinuität und führte in „Doktor Aphra“ eine interessante neue Star Wars-Figur ein.

Derzeit definiert er Jack Kirbys „Eternals“, Marvels nächste Leinwandhelden, in einer eigenen Comic-Serie auf erfrischende Weise.

Familienbande: Eine Szene aus dem ersten Sammelband von „Once & Future“. Foto: Cross Cult Vergrößern
Familienbande: Eine Szene aus dem ersten Sammelband von „Once & Future“. © Cross Cult

Überdies wandelten Gillen und Zeichner Caspar Wijngaard in „Peter Cannon: Thunderbolt“ auf den Meta-Spuren von Alan Moores „Watchmen“ und denen der autobiografischen Werke von Eddie Campbell.

Dan Mora, 1986 auf Costa Rica geboren, ist ein Nachkomme des Malers und Bildhauers Francisco Zúñiga. Nach dem Kunststudium unterrichtete Mora erst selbst und veröffentlichte diverse Comics in seiner Heimat.

Seit 2014 arbeitet er für den US-Verlag Boom, wo er Autor Michael Alan Nelsons „Hexed“ fortsetzte, Grant Morrisons Weihnachtsmann-Fantasy „Klaus“ visualisierte, Panel-Storys mit den „Power Rangers“ zeichnete und mit Jordie Bellaire den „Buffy“-Comicreboot verwirklichte.

2016 erhielt Mora bei den Eisner Awards als bester Newcomer den Russ Manning Award, und wer alleine „Klaus“ bestaunt hat, weiß, dass das verdient war. Im März 2021 übernahm Mora als neuer Stammzeichner den Batman-Traditionstitel „Detective Comics“, der mit Mariko Tamaki zum ersten Mal von einer Frau geprägt wird.

Vervollständigt wird die kreative Tafelrunde durch US-Koloristin Tamra Bonvillain, deren Schaffen „Moon Girl and Devil Dinosaur“, „Captain Marvel“, „Waywayrd“ und „Doom Patrol“ umfasst.

„Indiana Jones“ trifft „Buffy“ und die „Fables“

Moras energiegeladene, präzise Zeichnungen und Bonvillains strahlende, bunte Farben in „Once & Future“ passen zusammen wie Schwert und Amboss. Moras Bilder strotzen nur so vor Dynamik, wobei sein Strich an Olivier Coipel („The Magic Order“) und Sean Murphy („Batman: Der weiße Ritter“) erinnert.

In der Anderswelt: Eine Szene aus dem zweiten Sammelband von „Once & Future“. Foto: Cross Cult Vergrößern
In der Anderswelt: Eine Szene aus dem zweiten Sammelband von „Once & Future“. © Cross Cult

Der Auftaktband von „Once & Future“ mit den ersten sechs US-Ausgaben – mit mehr als 31.000 vorbestellten Heften der Erstauflage war „Once & Future“ #1 in den Vereinigten Staaten 2019 einer der erfolgreichsten Heftserien-Starts einer unabhängigen Creator Owned-Serie bei Boom – enthält keine einzige schlechte Seite und ist voller toller Einstellungen und Szenen.

Und was kann Dan Mora denn dafür, dass das gute, alte Questentier eben seit jeher eine groteske Mischung aus Schlange, Leopard, Löwe und Hirsch ist?

Wenn man „Once & Future“ aufgrund seiner Motive, seiner Protagonisten und der erzählerischen Mechanik möglichst treffend einordnen möchte, dann ist das Ganze am ehesten „Buffy“ meets „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, mit ein bisschen „Captain Britain“, etwas „R.E.D.“ und einer ordentlichen Prise „Fables“ und „American Gods“ (und ja, man könnte eine gute Fernsehserie aus „Once & Future“ machen).

Und natürlich schadet es dem Verständnis und Genuss keineswegs, seinen T. H. White zu kennen und nicht allein die Disney-Verfilmung von „Der König auf Camelot“ (alias „The Once and Future King“) gesehen zu haben, und auch grob mit Beowulf etwas anfangen zu können.

[„Once & Future“ war im vergangenen Jahr einer der Favoriten der Leser*innen der Tagesspiegel-Comicseiten. Hier gibt es die komplette Liste der Empfehlungen.]

Gillens zeitgenössische Urban Fantasy, in der die alten Legenden vom aktuellen Glaube an sie, von sagenumwobenen Namen und von bewusst-legendengerechten Handlungen beeinflusst werden (und dermaßen befeuert ihrerseits Einfluss auf die Realität nehmen), ist eine gelungene Annäherung an die Artus-Mythologie, man möchte am liebsten von einer Wiederbelebung sprechen.

Kreuzzug gegen britische Monster und Mythen

Gillen steht auf Meta-Stoffe dieser Art, und im Fall von „Once & Future“ hat er die richtige Balance aus launiger Action und anspruchsvollem Konzept gefunden (das gelingt ihm nicht immer, siehe „Peter Cannon: Thunderbolt“).

Das Titelbild des zweiten Bandes von „Once & Future“. Foto: Cross Cult Vergrößern
Das Titelbild des zweiten Bandes von „Once & Future“. © Cross Cult

Der einzige Kritikpunkt am ersten Band ist, dass Duncan und Rose sich schon recht bereitwillig in Oma Bridgettes altes Spiel – ihre lebenslange, familiäre Queste und Aventiure, ihren Kreuzzug gegen die britischen Monster und Mythen – involvieren lassen und flott parieren.

Das nimmt man aber hin, da der Rest stimmt und die alte Legendenjägerin, die nicht bloß ihrem Enkel einheizt, großen Spaß macht. So, wie man auch den blutigen Actionreißer in Band zwei mit viel Vergnügen liest, in dem Gillen und Mora noch Merlin, Beowulf und Grendel zum britisch-angelsächsischen Mix hinzugeben, während Artus immer mehr die neuzeitliche Anderswelt-Variante von He-Man-Gegner Skeletor wird.

Die Serie, die diverse alte Insel-Sagen, die Brexit-Realität und Elemente der Comic-Gegenwart und der Fantastik-Moderne vereint, ist einer der besten neuen Creator-Owned-Titel seit Langem. Bei Cross Cult sind bislang zwei Sammelbände auf Deutsch erschienen (je 144/160 S, je 22 €), Band 3 ist für Mitte Oktober angekündigt. Und wer wollte nicht schon immer mal mit einer knallharten Oma auf Gralssuche und Monsterjagd gehen?

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