Kritischer Blick auf Hawaii-Klischees: Eine Szene aus „Kein anderer“. Foto: Reprodukt
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Familiendrama „Kein anderer“ Die Urne unter der Küchenspüle

Erik Wenk

Das Familiendrama „Kein anderer“ von Reid Kikuo Johnson ist von 30 Kritikerinnen und Kritikern zum besten Comic des Quartals gewählt worden.

Bei Hawaii denken die meisten Menschen automatisch an Blumenketten, Vulkane und paradiesische Strände, an denen sich Surfer:innen in die Wellen stürzen. Dass die Urlaubsinsel auch abseits touristischer Klischees von ganz normalen Menschen mit alltäglichen Problemen bewohnt wird, zeigt der auf Maui geborene US-Amerikaner Reid Kikuo Johnson in seinem Comic „Kein anderer“ (Reprodukt, 112 S., 20 €).

Von gescheiterten Erwachsenen umgeben: Der kleine Brandon ist eine der Hauptfiguren der Erzählung. Foto: Reprodukt Vergrößern
Von gescheiterten Erwachsenen umgeben: Der kleine Brandon ist eine der Hauptfiguren der Erzählung. © Reprodukt

Das Buch ist jetzt von 30 deutschsprachigen Kritikerinnen und Kritikern zum besten Comic des Quartals gewählt worden. Die Auswahl präsentiert der Tagesspiegel zusammen mit der Zeitschrift „Buchreport“, der Website comic.de und dem Radiosender rbbKultur. Die weiteren Titel der Top-10-Liste stellen wir weiter unten vor.

„Kein anderer“ beginnt damit, dass Charlenes kranker Vater durch einen Unfall gestorben ist, in der Folge brechen ihre gewohnten Familien-Routinen zusammen. Jahrelang hat sie ihren Vater gepflegt und dabei keine Zeit für ihr eigenes Leben gehabt. Nun kündigt sie ihren Job als Krankenschwester und nimmt verbissen ein Medizinstudium auf, das bald ihre gesamte Zeit auffrisst.

Darüber vernachlässigt sie jedoch immer mehr ihren kleinen Sohn Brandon, den das Verschwinden seiner Katze „Batman“ wesentlich mehr bewegt, als der Tod seines Großvaters, dessen Urne er einfach in einen Schrank unter der Küchenspüle stellt.

Unausgesprochene Konflikte schwelen unter der Oberfläche

Als Charlenes Bruder Robbie zur Beerdigung nach langer Anwesenheit wieder auftaucht, brechen alte Konflikte auf: Nach und nach wird klar, dass der Verstorbene ein herrischer Patriarch war, der wegen Robbies Cannabis-Konsum den Kontakt mit seinem Sohn abgebrochen hat. Dieser verließ daraufhin das Elternhaus und schlug sich von da an als Amateurmusiker durch, während die Last, sich um den Vater zu kümmern, an Charlene hängen blieb. In vielen Szenen ist dabei das alte Boot des Vaters präsent, das wie ein stummer Zeuge der dysfunktionalen Familien-Geschichte im Garten steht.

Katzen spielen in der Geschichte eine besondere Rolle. Foto: Reprodukt Vergrößern
Katzen spielen in der Geschichte eine besondere Rolle. © Reprodukt

Sensibel und ohne Schuldzuweisungen erzählt „Kein anderer“ von der Unfähigkeit, zu trauern. Auch nach dem Tod des Vaters schweben zu viele unausgesprochene und unerledigte Konflikte über der Familie; eigentlich ist es gar keine Familie, die Johnson schildert, sondern eine Gruppe von Alleingelassenen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um auf ihr Umfeld einzugehen.

Obwohl Robbie unter seinem ignoranten Vater gelitten hat, agiert auch er unbeholfen und paternalistisch gegenüber Brandon, als er ihn zum Fußballspielen animieren will, obwohl dieser Fußball hasst.

„The New Yorker“ preist den Comic als einen der besten des Jahres 2021

Der Junge, der nur seine entlaufene Katze wiederfinden will, ist von gescheiterten Erwachsenen umgeben, die keinen Blick für seine Bedürfnisse haben – was Brandon erwidert, indem er sich von ihnen abschottet. Auch darüber hinaus tauchen im Comic immer wieder Figuren auf, die in familiären Verpflichtungen gefangen zu sein scheinen, denen sie emotional nicht entsprechen können.

Eine weitere Szene aus „Kein anderer“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Eine weitere Szene aus „Kein anderer“. © Reprodukt

„Kein anderer“ ist Johnsons erste Veröffentlichung auf Deutsch, zuvor hatte er sich bereits mit „The Shark King“ und seinem Debüt „Night Fisher“ einen Namen gemacht, letzteres wurde 2005 mit dem Harvey Award als „Bester Newcomer“ geehrt. Abseits davon gestaltete der 41-jährige Illustrator schon mehrfach Cover für das renommierte Magazin „The New Yorker“, das „Kein anderer“ zu Recht als einen der besten Comics des Jahres 2021 gepriesen hatte.

Die Zeichnungen erzählen mehr als Worte

Johnson ist ein brillanter visueller Erzähler, der es schafft, mit wortlosen Andeutungen ganze Biografien zu enthüllen. Die minimalistischen Schwarzweiß-Zeichnungen werden nur gelegentlich von einigen orangenen Farbtupfern durchbrochen, die unterdrückte Emotionen und Erinnerungen aus der Vergangenheit markieren. Die Stille und Kraft, die Johnsons klare Linien ausstrahlen, treffen den Ton der Geschichte stets perfekt und verleihen ihr zusätzliches Gewicht.

Das Titelbild von „Kein anderer“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Das Titelbild von „Kein anderer“. © Reprodukt

Optisch und atmosphärisch erinnert „Kein anderer“ bisweilen an Adrian Tomine, der ein ähnliches Talent besitzt, ebenso trockene wie präzise Alltagsbeobachtungen einzufangen. Johnson hat ein Meisterwerk des Subtilen geschaffen, das ihn als einen der vielversprechendsten Comic-Künstler der Gegenwart ausweist.

Trotz der ernsten Themen ist der Stil des Comics überaus leicht und voll von zartem Humor. Zwischendurch entzaubert Johnson auch noch ein paar Hawaii-Klischees, insbesondere durch Robbie, der über die provinziellen Enge seiner Heimat stöhnt, von fröhlichen Touristen genervt ist und sich über den Autoaufkleber „Live Aloha“ echauffiert: „Es ist eine Drohung: ‚Leb, wie es dir passt – aber nur, wenn’s mir passt!‘“ – womit der Grundkonflikt zwischen Verantwortung und Selbstentfaltung auf den Punkt gebracht wird. Ungeachtet des Handlungsortes ist „Kein anderer“ universal verständlich und könnte ebenso gut in einer amerikanischen oder deutschen Kleinstadt spielen – Tristesse und schlechte Väter machen nun mal nicht vor tropischen Trauminseln halt.

Die weiteren Favoriten der Kritiker*innen

Die Top-10-Titel der vierteljährlichen Comic-Bestenliste von 30 Kritikerinnen und Kritikern sind neben „Kein anderer“ folgende Titel:
Barry Windsor-Smith: „Monster“ (CrossCult)
Jennifer Daniel: „Das Gutachten“ (Carlsen)
Olga Lawrentjewa: „Surwilo“ (avant)
Aisha Franz: „Work-Life-Balance“ (Reprodukt)
Kai Meyer / Jurek Malottke: „Phantasmen“ (Splitter)
Mattson Tomlin / Andrea Sorrentino: „Batman: Die Maske im Spiegel“ (Panini/DC Black
Label)
Igort: „Berichte aus der Ukraine“ (Neuauflage, Reprodukt)
Alexander Braun: „Horror im Comic“ (avant)
Naoki Urasawa: „Asadora!“ (CarlsenManga!)

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