Augusto Paim im September 2021 in Berlin beim Literaturfestival ilb. Foto: Lars von Törne
© Lars von Törne

Deutsche Comicszene Wir können ja Freunde bleiben

Augusto Paim

Acht Jahre lang war der Journalist und Comicforscher Augusto Paim in der deutschen Comicszene aktiv. Ein persönlicher Rückblick aus Brasilien.

Ende September 2013 kam ich in Deutschland mit nicht mehr als einem großen Koffer an. Man braucht ja nicht so viel, wenn man etwas Neues im Ausland beginnen will. Ende 2021, beim Umzug zurück nach Brasilien, schickte ich hingegen 15 Kisten voller Bücher per Post und vier Koffer flogen mit mir.

Eine Metapher für alles, was ich seitdem in Deutschland erlebt habe und am Schluss nach Brasilien mitnahm? Wohl kaum. Vor meiner damaligen Ankunft in Leipzig war ich seit mehreren Jahren in Verbindung mit der deutschen Comicszene. 2008-2009 war ich bereits ausgebildeter Journalist und betrieb einen Blog über Comics, als ich in Niedersachsen und danach Brandenburg als Au-Pair arbeitete. Durch den Blog kam ich in Kontakt mit Mawils Buch „Wir können ja Freunde bleiben“ und konnte Mawil bei diesem ersten Aufenthalt in Deutschland persönlich in seinem Atelier kennen lernen. Das war der Beginn einer grundlegenden Freundschaft. Mawil hat mich dann unter anderem in den Stammtisch der Comicbibliothek Renate eingeführt und mir Ulli Lust und Kai Pfeiffer vorgestellt.

Zurück in Porto Alegre, Brasilien, fing ich 2009 an, das dortige Goethe-Institut bei Comic-Projekten zu unterstützen. Wir organisierten zusammen das 1. und das 2. Internationale Treffen zu Comicjournalismus, auch Buchvorstellungen und sonstige Veranstaltungen, wodurch ich Jens Harder, Isabel Kreitz, Atak und Reinhard Kleist in meiner Heimatstadt begrüßen durfte. Und dann riefen wir das von mir kuratierte Austausch-Projekt „Osmose“ ins Leben, bei dem Mawil, Birgit Weyhe und Aisha Franz jeweils in Porto Alegre, São Paulo und Salvador einen Künstleraufenthalt verbrachten. Gleichzeitig begann ich damit, deutschsprachige Graphic Novels ins brasilianische Portugiesisch zu übersetzen.

Meine Rückkehr nach Deutschland folgte 2013 einem klaren Ziel: Eine Promotion an der Bauhaus-Universität Weimar zu absolvieren. Das Thema: Comicjournalismus. Kürzlich ist das Ergebnis als Buch erschienen: „Die Comicreportage - journalistische Erzählung in Comicform“.

Ein Comic-Manifest

Bei meiner zweiten Ankunft in Deutschland im Jahre 2013 war es schwierig mit Menschen der Comicszene zu reden, ohne gleich eine Meinung zum Comic-Manifest zu bekommen. Das damals anlässlich des Internationalen Literaturfestivals Berlin frisch bekanntgemachte Manifest forderte, „dass der Comic dieselbe Anerkennung erfährt wie die Literatur und bildende Kunst“ und fand gleich sehr viel Resonanz. Dem folgte die Gründung des Deutschen Comicvereins mit dem Ziel, die Forderungen des Manifests zu konkretisieren.

Wegweisend. Das Comic-Manifest wurde im September 2013 in Berlin vorgestellt. Foto: lvt Vergrößern
Wegweisend. Das Comic-Manifest wurde im September 2013 in Berlin vorgestellt. © lvt

Nach acht Jahren ist heute der Beitrag des Comicvereins unbestritten. Aufgrund andauernder politischer Lobbyarbeit im Berliner Senat ist der Comic inzwischen in der Kulturförderung einige Stufen höher gestiegen. Das Land Berlin hat das Comic-Stipendium ins Leben gerufen: Jedes Jahr werden ein zwölfmonatiges Arbeitsstipendium à 24.000 Euro und drei Stipendien à 8000 Euro ausgeschrieben, dazu ein 15.000 Euro dotierte sechsmonatige Aufenthaltsstipendium an der Cité Internationale des Arts in Paris. Hamburg zog nach und kündigte einen mit 6000 Euro dotierten Comicförderpreis an.

Seit 2015 gibt es außerdem den sehr begehrten Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung, der an unveröffentlichte Werke vergeben wird. Der Hauptpreis beträgt 20.000 Euro, aber auch die Finalisten können sich über 2000 Euro freuen. 2021 schrieb der Berliner Senat zudem jeweils 8000 € dotierten Recherchestipendien im Bereich Comic aus. Im gleichen Zug öffnen sich immer mehr Literaturbetriebe für Comicprojekte, indem sie Bewerbungen für Comic-Schaffende mitberücksichtigen. Das sind deutliche Ergebnisse der Bemühungen des Comicvereins, sei es direkt oder indirekt.

Die Wichtigkeit solcher Förderungen für die Weiterentwicklung der Comicszene steht außer Frage. Ich sehe um mich herum, wie viele Künstlerinnen und Künstler mit der Hoffnung auf einen dieser Preise fleißig an ihren Werken arbeiten. Klar, Kreativität wird auch durch Existenzangst angetrieben. Es fehlen zwar noch viele weitere Fördermöglichkeiten, vor allem wenn man sieht, wie viel mehr Unterstützung andere Bereiche wie Literatur, Theater und Bildende Kunst bekommen. Aber vor acht Jahren war die Situation noch prekärer.

Der Beitrag des Comicvereins beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Stipendien. Alte Institutionen der Berliner Comicszene, wie die Comicbibliothek Renate und das Festival ComicInvasion, profitierten von seiner Tätigkeit. Dazu viele Workshops und Weiterbildungsangebote. Damit ist dem Comicverein ein richtiger Erfolg gelungen, da ja eines seiner Ziele „die Stärkung der Comic-Kultur in Deutschland durch den Aufbau eines Instituts und die generelle Stärkung der Förderstrukturen des Mediums“ ist.

Sein größter Traum bleibt aber noch zu verwirklichen: die Gründung eines Comic-Hauses in Berlin. Angesichts all dessen, was der Comicverein seit der Veröffentlichung des Comicmanifests geschafft hat, habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass ich mir bei einem nächsten Besuch in Berlin eine gute Zeit in einem Comic-Haus gönnen werden kann.

Die Renate

Ich habe Erinnerungen von einem Stammtisch Anfang 2009, auf dem ich mit Mawil und Sebastian Oehler, der damals beim Reprodukt-Verlag arbeitete, an einem winterlichen Abend Karte spielten. Die Comicbibliothek Renate war leer und ruhig, die Kälte und die Dunkelheit draußen schreckten die Menschen ab. Noch in diesem Winter konnte ich aber einen Stammtisch erleben, der von Menschen und Musik bevölkert war. Der Stammtisch ist eine kleine Freude, die seit den 1990er Jahren am ersten Montag des Monats in Berlin-Mitte stattfindet und mit der ich damals zum ersten Mal in Kontakt kam.

So sah es bei den Stammtischen in der Comicbibliothek Renate bis zum Beginn der Pandemie aus. Foto: Luise Franke / Renate Vergrößern
So sah es bei den Stammtischen in der Comicbibliothek Renate bis zum Beginn der Pandemie aus. © Luise Franke / Renate

Ich kann die Faszination für den Stammtisch der Renate nicht richtig erklären. Seit meinem Umzug von Leipzig nach Berlin im Jahr 2014 war ich fast bei jedem Treffen dabei. Etwas wirklich Unausweichliches musste passieren, dass ich nicht kommen konnte – so ging es auch Mawil, der sich dort jedes Mal blicken ließ. Auf dem Stammtisch lernte ich viele Künstlerinnen und Künstler kennen. Mit einigen habe ich später unterschiedliche Projekte entwickelt. Ein kleiner monatlicher Spaß für mich, der langsam ernst wurde.

Ab 2018 bekam der Stammtisch neue Impulse durch eine Förderung: Der Berliner Senat begann aufgrund eines Antrags der ComicInvasion, Honorare für Mentorinnen und Mentoren zu bezahlen. Zugegeben, die Funktion des Mentorings wurde von Mawils Auftritten inspiriert, denn er war jedes Mal in der Lage, die Gruppe der oft sehr zurückhaltenden Leute, die sich noch nicht kannten, zum Sprechen und Austauschen miteinander zu bringen. Mawil hat auch Feedbacks zu ihren Projekten gegeben, ganz informell und spontan. Mit der Förderung wurde es offiziell: Bei jedem Treffen gab es eine andere Person mit Relevanz in der Comicszene, die diese Aufgaben von Mawil übernahm.

Im Dezember 2018 fing ich an, ehrenamtlich in der Renate zu arbeiten. Ein Jahr später übernahm ich die Betreuung des Stammtischs. Nach zwei Treffen – mit den Mentorinnen Tina Brenneisen und Bea Davies – kam das Unerwartete: Wegen der Pandemie mussten wir den Laden zumachen. Der Stammtisch stand still, bis Marc Seestaedt – der unter anderem einer der Gründer der ComicInvasion ist - mich dazu ermutigte, dem Stammtisch in digitaler Form eine Chance zu geben.

Im Juni 2020 ging es wieder los, und seitdem laden wir jeden Monat Mentorinnen und Mentoren aus unterschiedlichen Ecken im deutschsprachigen Raum ein, sodass der Stammtisch jetzt nicht mehr eine reine Berliner Sache ist. Überraschend war für mich, dass er digital sogar besser funktioniert als im Laden: Bei den klar strukturierten Zoom-Sitzungen stellen die Teilnehmenden ihre Projekte vor, und alle können fokussierter beides: zuhören und Feedback geben. Für die Entwicklung der Projekte selbst ist dies ein großer Gewinn.

Das Schaufenster der Comicbibliothek Renate in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte. Foto: Renate Vergrößern
Das Schaufenster der Comicbibliothek Renate in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte. © Renate

Trotzdem organisierte ich im Sommer 2021 noch zwei Treffen ohne Mentoring vor dem Laden, die ebenso sehr gut verliefen, obwohl die Austausche über Projekte eher in kleineren Runden stattfinden, und in den Gesprächen nicht nur um Comics ging. Es handelt sich ja um zwei unterschiedliche Stammtisch-Formate, die sich ergänzen. Umso mehr freue ich mich, dass wir die Entscheidung trafen, den Stammtisch weiterhin in digitaler Form zu organisieren und dies auch fortgesetzt werden soll, wenn der Stammtisch vor Ort in der Tucholskystraße wieder möglich wird. Die digitalen Treffen betreue ich von Brasilien aus weiter.

Was für eine Freude, im Laufe von mehreren Treffen Zeuge davon zu sein, wie beginnende Comic-Künstlerinnen und -Künstler langsam ihre Talente entfalten. Für mich als Koordinator ist auch sehr interessant zu merken, wie sich die Menschen auf dem Stammtisch kennenlernen und sich dann weiter vernetzen. Enge Freundschaften und Kooperationen entstehen dabei. Es gibt viele Beispiele zu erwähnen, aber eines hebt sich besonders vor: das Kollektiv Art-Horse-Comics. Seine Mitglieder sind regelmäßige Teilnehmende des Stammtischs und erweiterten die Gruppe durch diese Teilnahme. Sie sind vor allem im letzten Jahr stark gewachsen: 2021 fand der erste Art Horse Bazar statt, eine Veranstaltung mit Zines und Indie-Comics. (Eine virtuelle Ausstellung macht die Arbeit der Mitglieder am besten sichtbar.)

Abgesehen von der Wichtigkeit der Renate in der Comicszene war ihre Existenz 2021 – das Jahr ihres dreißigsten Jubiläums – stark bedroht. Zunächst wurde der Laden wegen der Lockdowns geschlossen. Danach verschwand der größte Teil der Einkommensquelle, aufgrund der fehlenden Touristen in Berlin-Mitte und der knappen Öffnungszeiten, weil die Gesundheit der ehrenamtlichen Mitarbeitenden vor potenziellen Verkaufseinnahmen kam. Stammtischbesucher Sebastian Strombach und Paul Winck läuteten die Aktion „Save the Renate an. Ihr Engagement brachte reichliche Spenden und auch mediale Resonanz. Für uns, vom Renate-Team, war es faszinierend zu sehen, wie die Comic-Community die kleine Bibliothek als grundlegenden Bestandteil der Comicszene in Deutschland wahrnimmt.

Die Bedrohung durch Pleite ist vorbei. Aber eine neue steht vor der Tür: Im Jahr 2026 endet der Mietvertrag im stark gentrifizierten Berlin-Mitte, und die Comicbibliothek wird dann umziehen müssen. Wohin? Mit den steigenden Mieten in Berlin weiß man es noch nicht. Weg von den Hotspots zu sein, würde der Renate aber nicht gut tun, weil Tourismus Geld in den Laden bringt. Das ist die Herausforderung für die kommenden Jahre: ein ehrwürdiges Zuhause für die Renate zu finden.

Veranstaltungen und Verlage

Als ich vor Jahren Comicprojekte mit dem Goethe-Institut in Brasilien entwickelte, hatte ich immer davon geträumt, einmal den Internationalen Comic-Salon in Erlangen zu besuchen. Diese Möglichkeit bekam ich erst 2014. Und was für eine Ausgabe! Auf einem Platz in der Innenstadt wurde Joe Saccos Leporello „Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme“ ausgestellt, von sieben auf sechzig Meter vergrößert. Ich war bei der Gala-Verleihung des Max-und-Moritz-Preis dabei, als Mawils „Kinderland“ als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet wurde.

Die Max-und-Moritz-Preisverleihung auf dem Comic-Salon 2014. Foto: Lars von Törne Vergrößern
Die Max-und-Moritz-Preisverleihung auf dem Comic-Salon 2014. © Lars von Törne

Damals war Mawil mein Nachbar in Prenzlauer Berg, einer der Guten, der sehr geduldig meine Fahrräder mehrmals in seiner kleinen Küche reparierte und mir das Bedienen des Kohlenofens beibrachte, damit der arme Brasilianer nicht in einer Altbauwohnung am Mauerpark erstickt. Am Vorabend der Preisverleihung brachte er mich in seinem Hotelzimmer unter, weil ich keine Unterkunft in Erlangen gefunden hatte. Dabei fragte er mich, ob ich lieber auf einer Matratze schlafen wollte, aber ohne die einzige verfügbare Decke, oder sonst mit der Decke aber auf dem Boden. Ich entschied mich für Ersteres. Der auf dem Boden schlafende Comiczeichner gewann am nächsten Tag unverhofft seine hochverdiente Auszeichnung.

In den nächsten Jahren konnte ich weitere Comicfestivals besuchen, etwa in Hamburg und den Millionaires Club in Leipzig. Nach Luzern reiste ich mehrmals zum internationalen Comicfestival Fumetto. Nach München habe ich es leider noch nicht geschafft. Dafür konnte ich Zeuge der Entwicklung der ComicInvasion sein, die 2011 zur Welt kam.  2014 war ich zum ersten Mal dort, als es aus einer kleinen, aber hübschen Veranstaltung in der Galerie Urban Spree bestand. Schönes Wetter im April, mit Draußenkonzert des Orchestre Miniature in the Park. In den darauffolgenden Jahren wuchs die ComicInvasion und etablierte sich in der Berliner Comicszene, 2018 zog sie sogar ins Museum für Kommunikation. Dadurch verlor sie etwas von ihrem Indie-Charakter, jedoch mit der berechtigten Absicht, sich für ein breiteres Publikum zu öffnen.

Berlin gewann im Laufe dieser acht Jahre neue Standorte für Comics, wie die erfolgreiche Filiale des Fachgeschäfts „Modern Graphics“ in der Kastanienallee, die auch Lesungen veranstaltet. In Neukölln bedeutete die Gründung des Ladens „Schikkimikki“ – eine Mischung aus Zine-Bibliothek, Workshop-Space und Ausstellungsort – eine Verstärkung der Zine-Szene, die auch wegen des Hungry Eyes Zinefests am Ostkreuz gewaltig am Wachsen ist. In Leipzig gewann die Snail Eye – Cosmic Comic Convention 2021 an Bedeutung in einem Jahr ohne den Millionaires Club.

Ich durfte auch meinen Beitrag leisten, indem ich am Literarischen Colloquium Berlin (LCB) – wo ich zwei Jahre als Volontär tätig war – das 24-Stunden-Comic-Konzept einführte. Lustig, wie manche Sachen zustande kommen. Ich selber war kein Kenner des Formats, wurde aber von Mawil darauf aufmerksam gemacht, als er es in Porto Alegre mit lokalen Künstlern in kleiner Runde organisierte. Das war 2012. Sieben Jahren später sah ich in die Villa am Wannsee die perfekte Struktur, um eine solche Veranstaltung zu organisieren, und zwar mit zahlreichen Teilnehmenden.

Der 24-Stunden-Comic am Wannsee fand im Oktober 2019 statt, mitorganisiert von Peter Auge Lorenz, Alex Chauvel und Annette Köhn; die zweite Ausgabe wurde zunächst wegen der Pandemie verschoben, konnte aber vergangenen Oktober endlich stattfinden. Und es war genauso großartig wie die erste Ausgabe: Insgesamt 40 begeisterte Künstlerinnen und Künstler stellten sich der Herausforderung, innerhalb von 24 Stunden einen individuellen 24-seitigen Comic zu schaffen. Die Comics der ersten Ausgabe sind auf der Website des LCB zu bewundern, und mit dem Jaja Verlag gaben wir das „Mate-Buch heraus, das eine Auswahl und zusätzliches Material zusammenpackt. Das „Zu eng-Buch mit den Comics der zweiten Ausgabe soll folgen, vielleicht auch eine dritte Ausgabe.

Apropos Jaja Verlag. Vergangenes Jahr feierte er sein zehntes Jubiläum. Ein Verlag, der seine Tür für neue Künstlerinnen und Künstler öffnet, dessen Verlegerin Annette Köhn bei Publikationsanfragen viel seltener „nein“ sagt als „jaja“. Zum Glück! Diese Haltung ist schließlich grundlegend für die Comicszene, die dadurch die Entstehung neuer Gesichter, talentierte Künstlerinnen und Künstler zulässt. Weiteren Verlagen sind für die Veröffentlichung von Großen der Comicszene verantwortlich, etwa Edition Moderne, Reprodukt, Avant und Splitter, die vergangenes Jahr jeweils 40, 30, 20 und 15 Jahre ihrer Gründung gefeiert haben.

Die Landschaft von deutschsprachigen Comicverlagen ist sehr bunt. Es lohnt sich der Versuch, noch weitere Namen zu erwähnen, auch wenn ich damit einige sicherlich übersehen werde. Der Carlsen-Verlag in Hamburg und der Egmont-Ehapa in Berlin sind groß im Geschäft. In Wien veröffentlicht bahoe books Comics mit aktivistischer, politischer Haltung. In Kassel gründete Rita Fürstenau den Verlag Rotopol mit, der Comics in Form von Büchern, Faltheften, Papierspielen, Postkarten sowie handbedruckten Skizzenheften und Textilien druckt.

Der Verlag Parallelallee, der Tina Brenneisen vor Jahren gründete, bekommt jetzt neue Impulse und widmet sich mit einer neuen Programmschiene unter anderem lateinamerikanischen feministischen Comics, etwa von der kolumbianisch-ecuadorianischen Comic-Autorin Powerpaola. Diese Neuorientierung geschieht vor allem wegen des Einstiegs von Lea Hübner als zweite Verlegerin. Lea ist eine gute Freundin von mir, die ich 2104 in Hildesheim bei einer Tagung zu Übersetzung und Adaption von Comics kennenlernte. Damals war sie Literaturübersetzerin und Dolmetscherin und wollte anfangen, Comics zu übersetzen; eine Expertise zu lateinamerikanischen Comics hatte sie schon.

Nach dieser Begegnung bildeten wir eine Art Tandem, bei dem wir über die Herausforderungen der Übersetzungen, an denen wir jeweilig arbeiteten, austauschten und uns gegenseitig berieten: Ich vom Deutschen ins brasilianische Portugiesische, sie umgekehrt. Aus diesem Austausch sind meinerseits Übersetzungen von Ulli Lusts und Reinhard Kleists Bücher entstanden, ihrerseits von Marcello Quintanilha und Marcelo D’Salete. So wurde der Austausch Deutschland-Brasilien in Sachen Comics, den ich mit dem Osmose-Projekt schon befördert hatte, durch unsere Übersetzungen erweitert und verstärkt. Und darauf bin ich sehr stolz!

Comicforschung und Comicjournalismus

Bei meinem zweiten Aufenthalt in Deutschland war ich hauptsächlich als Comicforscher tätig, denn ich hatte eine Promotionsstipendium aus Brasilien erhalten und mir vorgenommen, eine Dissertation zu Comicjournalismus zu schreiben. Daher war ich bis vor etwa zwei Jahren, als ich die Promotion endlich abschloss, sehr beschäftigt mit der deutschen Comicforschung. In Berlin zum Beispiel besuchte ich regelmäßig die Treffen des Berliner Comic-Kolloquiums an der Humboldt-Universität, die es seit 2012 gibt. (Hamburg hat auch eins, das Comic-Kolloquium Nord).

Augusto Paim beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2021 im Gespräch mit Comiczeichner Steven Appleby. Foto: Lars von Törne Vergrößern
Augusto Paim beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2021 im Gespräch mit Comiczeichner Steven Appleby. © Lars von Törne

Die größten Impulse in der Comicforschung – neben einzelnen Initiativen – in Deutschland werden von der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) und der Arbeitsgruppe der Gesellschaft für Medienwissenschaft (kurz AG Comicforschung) gegeben. Tagungen, Konferenzen und Workshops wurden zahlreich in den letzten acht Jahren veranstaltet. Mir liegt besonders in Erinnerung die ComFor-Jahrestagung im November 2019, die sich dem Thema der Comicübersetzung aus comickomparatistischen Perspektiven widmete und im Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach an der Saale veranstaltet wurde: Es gäbe kein besserer Standort dafür, denn Erika Fuchs beeinflusste durch ihre Arbeit an der deutschen Version der Donald-Duck-Geschichten die deutsche Sprache stark. Das Inflektiv-Form wird sogar als „Erikativ“ benannt, um ihrem Beitrag gerecht zu werden.

In diesen acht Jahren wuchsen diese Institutionen der Comicforschung und strukturierten sich besser. Im November erreichte die AG Comicforschung die bedeutende Zahl von 200 Mitgliedern und sie wächst kontinuierlich weiter. 2019 initiierte sie zusammen mit der ComFor den jährlich zu verleihenden Martin Schüwer-Publikationspreis zur Förderung wissenschaftlichen „Nachwuchses“ in der Comicforschung. Der Roland-Faelske-Preis für Comic und Animationsfilm wiederum wird seit 2010 alle zwei Jahre von der Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) der Universität Hamburg zusammen mit der Roland-Faelske-Stiftung vergeben. Zudem internationalisiert sich die deutsche Comicforschung mit zunehmenden Veranstaltungen und Publikationen in englischer Sprache.

Anders als 2013 passen die Bücher zu deutschsprachiger Comicforschung nicht mehr in einem Regal in meinem Schrank. Es wurde seitdem viel mehr veröffentlicht und die Zahl an Publikationen pro Jahr wuchs. Da leistet der Ch. A. Bachmann Verlag einen großen Beitrag mit seinen rund 120 Büchern seit seiner Gründung vor anderthalb Jahrzehnten. Dort wurde übrigens auch meine Dissertation veröffentlicht.

Apropos Dissertation: Die verfasste ich an der Bauhaus-Universität Weimar. Zeitgenossen von mir, was die Forschung um Comicjournalismus bzw. dokumentarische Comics angeht, sind Laura Schlichting und Johannes C. P. Schmid. 2018 veranstalteten sie zusammen die Tagung „Graphic Realities: Comics as Documentary, History, and Journalism“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen, deren schönes Plakat mit einem Bild der US-Comicreporterin Sarah Glidden in einem meiner vier Koffer steckt. Schlichtings und Schmids Dissertationen sind mittlerweile auch als Buch erschienen. Empfehlenswert!

Comicjournalismus war der Grund, warum ich einer Promotion in Deutschland verfolgt habe. Das in Düsseldorf ansässige Melton Prior Institut für Reportagezeichnung spielte eine große Rolle für diese Entscheidung, denn es organisierte relevante Publikationen, Ausstellungen, Workshops und wissenschaftliche Beiträge rund um das grafische Dokumentieren. 2014 habe ich das Institut besucht. Leider scheint es seine Tätigkeiten auf Eis gelegt zu haben, obwohl das angesammelte Material auf der Website immer noch einen (langen) Besuch wert ist.

In diesen acht Jahren gab es im deutschsprachigen Raum mehrere Ereignisse für diejenige, die sich für Comicjournalismus interessieren. In Leipzig widmete sich Olga Vostretsova dem Thema, erstmals 2014 durch die Ausstellung „Drawing Protest. Und dann 2016 mit Juliane Wenzl mit der Ausstellung „Mittendrin. Grafische Reportagen aus dem Alltag, an der ich vortragen durfte. 2016 war übrigens auch in der Schweiz ein besonderes Jahr für den Comicjournalismus: Erstens wegen der Ausstellung zu Joe Saccos Comicjournalismus im Cartoonmuseum Basel, zu der die lesenswerte Fachpublikation „Zeichner als Reporter herausgegeben wurde;  gleichzeitig gab es zum Fumetto-Festival eine Ausstellung zu den Underground-Werken von Joe Sacco, als er am Anfang seiner Karriere autobiografische Geschichten, Plattencover und Konzertplakaten entwarf; auf dem Festival selbst wurden Guy Delisle, Olivier Kugler und Joe Sacco auf einer Podiumsdiskussion zusammengebracht, moderiert von Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne.

Augusto Paim (2. von links) und andere Teilnehmende eines Workshops des Deutschen Comicvereins zu Comicreportagen 2019. Foto: Lars von Törne Vergrößern
Augusto Paim (2. von links) und andere Teilnehmende eines Workshops des Deutschen Comicvereins zu Comicreportagen 2019. © Lars von Törne

Ab dem folgenden Jahr gewann die Comicjournalismus-Szene in Deutschland gewaltige Verstärkung, als der Comicverein sich diesem Format zuwandte. Im März 2017 organisierte er mit Förderung der Bundeszentrale für politische Bildung den Workshop „Alphabet des Ankommens, der experimentartig zwölf Journalistinnen und Journalisten mit zwölf Zeichnerinnen und Zeichner eine Woche lang zusammengebracht, um journalistische Comics zu entwickeln. Der Workshop wurde in kleineren, bescheideneren Formaten wiederholt, und der Comicverein engagierte sich mit unterschiedlichen Partnerinstitutionen, um weitere Workshops zu organisieren. Ich durfte bei einigen dieser Initiativen als Reporter mitwirken, und so hat sich meine praktische Arbeit mit Comicjournalismus, die ich schon in Brasilien angefangen hatte – sogar mit englischsprachigen Comicreportagen für die Website Cartoon Movement – auch auf den deutschsprachigen Raum erweitert. Einmal mit Marlin van Soest, einmal mit Bea Davies und ein andermal mit Alexandra Rügler entwickelte ich die Comicreportagen „Der freie Platz, „Vor Gittern und „Versteckt in Mitte.

Ein Höhepunkt für den Comicjournalismus in Deutschland war sicher die Wahl des Formats als Hauptthema des Comicsalons Erlangen 2018. Mehrere Debatten zu journalistischen Comics wurden dort geführt, und die umfangreiche Ausstellung „Zeich(n)en der Zeit. Comic-Reporter unterwegs war ein riesiger Beitrag. Zu bedauern bei solchen Gelegenheiten ist leider nur, dass die von den Pionieren geleisteten Beiträge ins Vergessen geraten. Denn diese wurde damals als die erste große Ausstellung zu Comicjournalismus Deutschlands angekündigt, wobei das Melton Prior Institut bereits im Jahr 2004 die Ausstellung „Tauchfahrten – Zeichnung als Reportage / Diving trips – Drawing as reportage“ im Kunstverein Hannover und 2005 in der Kunsthalle Düsseldorf veranstaltet hatte. Der 232 Seiten umfassende Katalog kann sogar immer noch herunterladen werden. Schade, dass in Erlangen diese Initiative nicht ins Gedächtnis gerufen wurde, denn diese Bemühungen wurden eigentlich von anderen Akteurinnen und Akteuren fortgesetzt – aufgrund dieses Versäumnisses denkt man eher an einen Bruch als eine Kontinuität, und das müsste nicht so sein.

Kurz vor der Pandemie rief das Pilecki-Institut zu einem weiteren Workshop zu dokumentarischen Comics aus, unter Leitung von Kai Pfeiffer und Ulli Lust. Das Ergebnis von „Living Archive - Labor für dokumentarische Comics“ soll bald als Buch beim avant-Verlag erscheinen.

30 Jahre und kein Ende

Es war reiner Zufall, aber die letzte Comicveranstaltung, die ich vor meinem Abschied aus Deutschland besuchte, war im November 2021 die Werkschau „30 Jahre Mawil-Comics“ in der Galerie Neurotitan. Ich freute mich besonders darüber, in der Ausstellung Erinnerungen seines einmonatigen Aufenthalts in Brasilien zu sehen.

Mawil ist ein passionierter Radfahrer - hier mit zwei Exemplaren der Figur Supa-Hasi, die in seinen Comics immer wieder auftaucht. Foto: Karoline Bofinger / Promo Vergrößern
Mawil ist ein passionierter Radfahrer - hier mit zwei Exemplaren der Figur Supa-Hasi, die in seinen Comics immer wieder auftaucht. © Karoline Bofinger / Promo

Als ich Mawil 2009 kennenlernte, war er wegen seiner dünnen, kleinen Alben wie die von Super Hasi bekannt. 2014 kam seine erste dicke Graphic Novel zur Welt, der vielfach ausgezeichnete Band „Kinderland“. 2019 veröffentlichte er „Lucky Luke sattelt um“, seine Lucky-Luke-Hommage – und ich freute mich sehr, als ich im vergangenen Juni die französische Übersetzung prominent in Schaufenstern von Buchhandlungen in Paris und Lyon sah. Mawil hatte 2009 schon sehr viele Fans, jetzt aber noch mehr. In seinem Leben änderte sich vieles. Nun zeichnet er mit Tablet, hat ein Smartphone, zwei Kinder laufen um seinen Arbeitstisch herum, auf dem er inzwischen mehrere Kinderbücher gezeichnet hat. Trotz seiner Beliebtheit bleibt Mawil der Typ, der gern am 24-Stunden-Comic teilnimmt – wie im Oktober am Wannsee – und Fahrräder anderer Menschen repariert. Ein Vorbild für mich.

Bei seiner Ausstellungseröffnung im vergangenen November ist mir aufgefallen: Unter hundert Besucherinnen und Besuchern ließ sich nur eine dunkelhäutige Person blicken. Bei diesem zweiten Aufenthalt ist mir zunehmender klar geworden, dass in Sachen Diversität und Antidiskriminierung in Deutschland noch viel zu tun ist. In Literaturhäusern, auf Lesungen, auf dem Stammtisch – selten sitzt man mit Menschen zusammen, die nicht europäischer Herkunft sind. Besonders in den letzten Jahren ist mir klarer geworden, wie das Migrantensein für mich selber ein Nachteil fürs berufliche Leben in Deutschland war. Es gäbe viel darüber zu sagen, aber ich weise einfach auf das Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum, das diese Problematik ausführlich behandelt.

Zum Glück wird auch viel getan. Die AG Comicforschung richtet ihr Augenmerk auf Diversität, nicht nur als Thema von Veranstaltungen, sondern auch als – sehr begrüßenswerte – interne Debatten über die Struktur der akademischen Institutionen. Auch der „Ginco“-Preis, der sich für Diversität in die Comicszene einsetzt, ist ein Gewinn. Es sind aber nur erste Schritte, denen sowohl strukturierte, kollektive Maßnahmen als auch individuelle Initiativen folgen sollten.

In meinen letzten Tagen in Berlin traf ich mich mehrmals mit Mawil. Er zeigte mir Fotoalben, in denen ich Bilder aus meinen ersten Jahren in Berlin wiedererkennen konnte. Bevor ich von Prenzlauer Berg nach Neukölln gezogen bin, waren wir viel mehr in Kontakt – bei Abendessen, Fahrradtouren, Lesungen. Ereignisse, die ich nicht mehr in Erinnerung hatte, wurden mir durch diese Bilder wieder gegenwärtig.

Am Vortag vor meiner Abreise aß ich mit ihm und dem Zeichner Alex Chauvel in nostalgischer Stimmung in der Kiezkantine in der Oderbergerstraße. Da hatten wir 2015 fast jeden Mittwoch eine Art Stammtisch etabliert: Bei jedem Treffen stellt mir Mawil andere Menschen vor. So wurde ich in seinen Freundeskreis eingeführt und konnte meinen eigenen erweitern.

Als wir uns am 10. November an einer Ecke der Gleimstraße verabschiedeten, jeder auf seinem Fahrrad, sagte ich Mawil, dass ich ihm sehr dankbar war. Ohne seine Freundschaft wären die ersten Jahre viel schwieriger für mich gewesen. Er reparierte mehrere meiner Fahrräder, lud mich zu Nachbarschaftsfesten und Konzerten ein, half beim Schleppen und Abholen, kam manchmal einfach vorbei. Als Antwort für meine Dankesworte sagte Mawil: „Nichts zu danken. Ich mag, dass jeder Mensch, der in Berlin ankommt, sich zu Hause fühlt.“

Ich habe mich tatsächlich so gefühlt. Und würde mir wünschen, dass immer mehr Menschen, die nach Deutschland migrieren, sich so fühlen.

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