Ungleiche Heldinnen: Eine Szene aus „Vergiss mich nicht“. Foto: Splitter
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Demenz im Comic Roadtrip mit Omi

Jeff Thoss

Alix Garin blickt in ihrem Comic „Vergiss mich nicht“ auf die Beziehung einer Studentin zu ihrer dementen Großmutter – mit viel Feingefühl, aber wenig Originalität.

Regelmäßig besucht Clémence ihre demente Großmutter Marie-Louise im Altersheim, und jedes Mal regt sie sich über die dortigen Umstände auf, in denen die Großmutter regelrecht dahinvegetiert. Da ihre Mutter als Ärztin 70-Stunden-Wochen schiebt, beschließt Clémence spontan, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und ihre Oma für eine Autoreise aus dem Heim zu entführen.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Splitter Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © Splitter

So beginnt die Comicerzählung „Vergiss mich nicht“ (Übersetzung Harald Sachse, Splitter, 224 S., 29,80€) der belgischen Comicautorin Alix Garin. Ziel der Reise von Clémence und Marie-Louise ist ihr Kindheitshaus an der französischen Atlantikküste; zwischenzeitlich glaubt Marie-Louise nämlich, selbst noch ein Kind zu sein und von ihren Eltern vermisst zu werden.

Das Thema Demenz ist auch im Comic nicht neu, wie Veröffentlichungen wie Paco Rocas „Kopf in den Wolken“ (2013) oder Lika Nüsslis „Vergiss dich nicht“ (2018) zeigen. Der Belgierin Alix Garin geht es aber letztlich nicht so sehr um eine Kritik an Institutionen oder eine Auseinandersetzung mit der Krankheit selbst. Im Mittelpunkt ihres Debüts steht die Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin, die sie in ein typisches Roadmovie einbettet.

Zwischen den Abenteuern einer ungewissen Reise denkt Clémence an Szenen aus ihrer Kindheit zurück und kommt Marie-Luise in ihren luziden Momenten näher. Die Heldin lernt, Abschied zu nehmen, und der Comic wird im Lauf der Handlung zunehmend auch zu ihrer Coming-of-Age-Geschichte. So weckt eine Zufallsbekanntschaft in einem Motel auch Erinnerungen in Clémence an eine schwierige Schulzeit, in der sie ihre Homosexualität entdeckte.

Die Zeichnerin präsentiert ihre Geschichte überaus einfühlsam, mit einem feinen Gespür für die Psychologie ihres ungleichen Heldinnenpaars. Dazu passen die zarten Linien und die durchgängige Pastellkolorierung des Buchs. Neben intimen und wehmütigen Passagen gibt es aber auch immer wieder komische Zwischenspiele, etwa wenn Clémence und Marie-Louise beim Würfelspiel in einer Provinzkneipe ordentlich schummeln, um an Spritgeld zu kommen.

Dank seines Abwechslungsreichtums ist „Vergiss mich nicht“ ein kurzweiliger Comic, der allerdings in den Konventionen steckenbleibt und auch nicht ganz frei von Kitsch ist. Wenn gegen Ende ein Haus auf einer Felsklippe wegbricht und in die Tiefe stürzt, wirkt das zu dick aufgetragen in einem Buch, das sich um Lebensnähe bemüht, aber oft in gattungsspezifische Standardsituationen flüchtet.

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