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© Illustration: Guerra/Panini

Comicverfilmung „Y: The Last Man“ Der Letzte seiner Art

Ab Mittwoch ist die Comicverfilmung „Y: The Last Man“ hierzulande zu sehen. Ein guter Anlass, sich Stärken und Schwächen des Originals noch einmal anzugucken.

Was wäre, wenn plötzlich alle Männer tot umfielen? Welche Staaten und Verbände von Frauen würden das Vakuum füllen, das die Kerle hinterlassen? Was würden Frauen besser machen, wo wären sie keinen Deut anders?

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Eine Szene aus dem letzten Band von „Y – The Last Man“. © Illustration: Guerra/Panini

Das waren vor knapp 20 Jahren einige Ausgangsfragen der Comicserie „Y: The Last Man“ des US-Autors Brian K. Vaughan („Saga“, „Paper Girls“, „Ex Machina“, ) und der kanadischen Zeichnerin Pia Guerra. Jetzt wurde die mit mehreren Comicpreisen ausgezeichnete Science-Fiction-Story nach einigen gescheiterten Anläufen erfolgreich verfilmt, ab Mittwoch sind die ersten Folgen hierzulande bei Disney + zu sehen.

Von 2002 bis 2008 haben Vaughan und Guerra in 60 beim DC-Label Vertigo veröffentlichten Heftfolgen die Geschichte eines etwas unbeholfenen Hobby-Magiers namens Yorick Brown und seines Kapuzineraffen Ampersand erzählt. Die beiden sind offenbar die einzigen zwei männlichen Lebewesen, denen ein Virus nichts anhaben konnte, dem alle anderen Besitzer von X- und Y-Chromosomen zum Opfer gefallen sind.

Auf Deutsch ist die Reihe im Panini-Verlag veröffentlicht worden. Dort sind die Sammelbände allerdings inzwischen zum Teil vergriffen, eine Neuauflage ist nach Angaben des Verlages ab Dezember geplant.

Nach und nach kommt zu Yorick und Ampersand ein Panorama an Figuren hinzu, die es auf den jungen Mann und seinen Affen abgesehen haben. So entwickelt sich die Suche nach dem Grund für Yoricks Überleben und die Hoffnung, die Menschheit retten zu können, zu einer spannenden Odyssee rund um den halb verwaisten Planeten.

Teil der Wanderausstellung „Vorbilder*innen“

Und das, obwohl der Plot teils arg konstruiert wirkt, die Charaktere klischeehaft ausfallen, manch abrupte Szenenwechsel schwer nachvollziehbar sind und „Y“ zudem voller altmodischer Rollenbilder ist.

Ein Ausschnitt aus der Originalseite des Comics, die Teil der Wanderausstellung „Vorbilder*innen“ ist. Illustration: Pia Guerra, Foto: lvt Vergrößern
Ein Ausschnitt aus der Originalseite des Comics, die Teil der Wanderausstellung „Vorbilder*innen“ ist. © Illustration: Pia Guerra, Foto: lvt

Denn trotz des vermeintlich emanzipierten, vielleicht gar feministischen Ansatzes - die Welt wird von Frauen regiert! - ist es doch durch und durch eine Story, die erkennbar von einem Mann für ein wahrscheinlich hauptsächlich männliches Publikum geschrieben wurde.

Gleichwohl findet sich der Comic in der vom Internationalen Comicsalon Erlangen organisierten Wanderausstellung „Vorbilder*innen“ zu feministischen Comics wieder, die derzeit im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen in dieser Ausstellung zu sehenden Comics – zum Beispiel Aminder Dhaliwals „Women World“, das nahezu dieselbe Prämisse wie „Y: The Last Man“ hat –  bleiben Vaughans Frauenfiguren allerdings oberflächlich, die Gedanken seiner männlichen Hauptfigur werden dem Leser hingegen bis ins letzte Detail mitgeteilt, und seien sie noch so banal („Machen Geheimratsecken mich weniger attraktiv bei den Frauen?“).

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Wie eingefroren. Guerras Bilder sind oft statisch und wirken doch dynamisch. © Illustration: Guerra/Panini

Yoricks durchweg wie 0815-Models aus dem Katalog gezeichnete Weggefährtinnen und seine Gegenspielerinnen sind trotz ihrer demonstrativ zur Schau gestellten Stärken vor allem Projektionsflächen seiner Fantasien und damit der der Leser.

Statisch wie eine Gebrauchsanleitung für Rettungswesten

Zum Glück verfügt Autor Vaughan über viel Humor und hat offenbar genug Distanz zu sich selbst und seinen Geschlechtsgenossen, um das immer wieder mit leichter Ironie zu brechen, wenn er seinen mit einem ambivalenten Charakter ausgestattete Helden Yorick hin und wieder als etwas zu überzeugt von der eigenen Männlichkeit präsentiert – und ihn damit auf die Nase fliegen lässt.

Dazu passen auf eigentümliche Weise Pia Guerras Zeichnungen, deren klarer Strich und statische Ausstrahlung einen interessanten Kontrast zu der oft rasanten Handlung erzeugen. Guerra schafft es auch im letzten Band noch, sogar eine wilde Sexszene so leblos zu zeichnen, als handele es sich um eine Gebrauchsanleitung für Rettungswesten.

Das liegt allerdings auch an der digitalen und oft eintönig wirkenden Kolorierung der Seiten. Wer sich Guerras getuschte Originalzeichnungen in der „Vorbilder*innen“-Ausstellung anschaut, sieht dort, wie lebendig und organisch ihr Strich eigentlich ist – nur dass das leider in den für die Druckfassung auch noch deutlich verkleinerten Seiten kaum zu sehen ist.

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Anfang vom Ende. Das Cover des ersten Bandes der Reihe. © Panini

Die Schlichtheit von Guerras Bildern und die oft nur angedeuteten Gedanken und Handlungen der Hauptfiguren lassen dem Leser viel Raum für die eigene Fantasie. Auch, weil die wie Puppen in einem Marionettentheater agierenden Figuren nicht aus sich heraus wirklich lebendig wirken - das müssen die Leserinnen und Leser im eigenen Kopf hinbekommen.

Wenn man bereit ist, all diese Beschränkungen in Kauf zu nehmen, ist „Y: The Last Man“ ein sehr unterhaltsamer Comic, dessen Verfilmung man mit Spannung entgegensieht.

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