Zwischen Angst und Anziehungskraft: Eine Szene aus „Dreimal spucken“. Foto: avant
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Comicerzählung „Dreimal spucken“ Leben im Schatten

Davide Reviati erzählt in seinem autobiografisch geprägten Comic „Dreimal spucken“ von einer harten Jugend, Ausgrenzung und dem Völkermord an den Roma.

Das Mädchen macht ihnen Angst. Loretta nennt es sich und gehört zu einer Roma-Familie aus Slowenien, die eines Tages in einem italienischen Dorf auftaucht und von da an in einem verfallenen Bauernhaus am Ortsrand wohnt.

Für viele männliche Bewohner des Ortes wird Loretta mit ihrem eindringlichen Blick und ihrer leicht bedrohlich wirkenden körperlichen Präsenz zur Projektionsfläche ihrer sexuellen Fantasien, auch für die Jungen, denen man in der Comic-Erzählung „Dreimal spucken“ (avant, aus dem Italienischen von Myriam Alfano, 562 S., 34 €) beim Erwachsenwerden zuschauen kann.

Es ist eine harte, düstere Welt, in die die Hauptfigur Guido, sein Freund Moreno und ihre Kumpels in den 1970er und 80er Jahren hineinwachsen. Mit skizzenhaftem, Dinge und Personen oft nur andeutendem Strich und vielen schwarz schraffierten Flächen bringt der italienische Zeichner Davide Reviati sie zu Papier – und arbeitet dann in entscheidenden Momenten Gesichtsausdrücke und andere wichtige Details heraus. Er ist ein Meister seines Faches, der in Italien und Frankreich gefeiert wird, hierzulande aber erst noch zu entdecken ist.

Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick

Die Erzählung springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her: Die Haupthandlung setzt ein, als Guido und seine Clique eine Berufsschule für Elektrotechnik besuchen, die sie aber selten von innen sehen. Stattdessen lassen sie sich treiben, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, der ein Rausch, eine Party oder auch mal eine Prügelei sei kann. Dazu kommen immer wieder Rückblenden auf die gemeinsame Kindheit in der Provinz.

Die jungen Männer sind einerseits füreinander da, wie es bei Jugendfreunden eben so ist, zugleich aber gehen sie unsensibel, egoistisch und oft auch brutal miteinander um, wie auch mit den Menschen um sich herum. Zu denen gehört Lorettas Familie, die im Ort als Sündenbock herhalten muss, wenn mal wieder bei jemandem eingebrochen oder ein Tier getötet wurde.

Eine weitere Seite aus „Dreimal spucken“. Foto: avant Vergrößern
Eine weitere Seite aus „Dreimal spucken“. © avant

Das fragile Verhältnis zwischen der Roma-Familie, deren Mitglieder in einem hier auch typografisch abgesetzten fremden Akzent sprechen, und den Alteingesessenen ist von tiefem Misstrauen und gelegentlichen Gewaltausbrüchen geprägt, wozu beide Seiten mit immer wieder verstörendem Verhalten ihren Beitrag leisten.

Da die Erzählung jedoch meist aus Sicht von Guido und anderen Dorfbewohnern vermittelt wird, überwiegt ein abfälliger, von Vorurteilen geprägter Blick auf die neu Hinzugekommenen – was bei der Lektüre vor allem anfangs befremdlich ist, da hier ungefiltert viele Klischees über Roma vermittelt werden, die erst nach und nach einen historischen Kontext bekommen, der zumindest bei der Einordnung hilft.

Cowboys, Raubkatzen, Wölfe

Immer wieder wechseln realistische Szenen und in fließendem Strich gezeichnete, oft nur schemenhaft angedeutete Traumsequenzen einander ab, bei denen Cowboy-Darsteller wie John Wayne – die Kindheitshelden der Hauptfiguren – sowie bedrohliche Tiere eine Rolle spielen: Schwarze Vögel, die Krankheiten symbolisieren, Raubkatzen als Repräsentanten des Traums vom besseren Leben sowie immer wieder Wölfe, die die Menschen überfallen.

Was dabei Traum und was Wirklichkeit ist, bleibt oftmals unklar. Wie überhaupt vieles hier in einer teils poetisch gehaltenen Sprache und in teils an Lorenzo Mattotti und teils an Gipi erinnernden Bildern uneindeutig vermittelt und oft nur angedeutet wird. Auch weil der unzuverlässige Erzähler – der offensichtlich einige biografische Gemeinsamkeiten mit dem 1966 geborenen Autor des Buches hat - sich oft nicht sicher ist, was genau geschah.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: avant Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © avant

Vieles bleibt, auch zeichnerisch, im Dunkeln. So wie in jener Nacht, in der einer der Freunde eine besonders intensive Begegnung mit Loretta in einem Waldstück hat – eine von vielen Szenen, in denen Gewalt und Fürsorglichkeit auf verstörende Weise miteinander verknüpft sind.

Unterbrochen wird der Erzählfluss wiederholt von nur lose in die Haupthandlungen eingebundenen historischen Exkursen, in denen der Völkermord an den Roma durch die Nationalsozialisten und die italienischen Faschisten behandelt wird. Das ist lehrreich, denn es gehört immer noch nicht zum Allgemeinwissen, dass damals hunderttausende Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe ermordet worden und Überlebende noch Jahrzehnte später um ihre Anerkennung als NS-Opfer kämpfen mussten.

Im Kontext des Buches wirken diese Einschübe jedoch wie illustrierte Fußnoten, die auch wegen ihres sachlichen Tons und des vom Rest des Buches abgesetzten dokumentarischen Zeichenstils besser am Schluss als separates Kapitel aufgehoben gewesen wären.

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