Gottes Werk und Marias Beitrag: Eine Szene aus „Bloody Mary“. Foto: Carlsen
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Comicbiografie „Bloody Mary“ Tyrannin mit Herz

Kristina Gehrmann erzählt in „Bloody Mary“ die Lebensgeschichte von Maria Tudor - und zeigt irritierend viel Sympathie für eine religiöse Fanatikerin.

Hinrichtungen, Intrigen, blutige Kämpfe um die Thronfolge: In der Comicbiografie „Bloody Mary“ (Carlsen, 328 S., 28 €) erzählt die Hamburger Zeichnerin Kristina Gehrmann die Lebensgeschichte der Monarchin Maria I. (1516 - 1558) in leuchtend aquarellierten Bildfolgen, deren freundliche Anmutung mit der düsteren Handlung kontrastiert.

Von ihrem Vater Heinrich VIII. verstoßen, wird Maria Tudor dann 1553 doch noch zur ersten Königin Englands gekrönt. Fortan versucht sie mit aller Gewalt, den zuvor vom Vater mit ebenso viel Gewalt verdrängten Katholizismus wieder als Staatsreligion zu etablieren.

Den größten Teil ihres Buches widmet die 1989 geborene Gehrmann allerdings den jüngeren Jahren der späteren Königin und zeichnet nach, wie sie an der Willkür ihres so jähzornigen wie frauenfeindlichen Vaters fast zerbricht. Der erniedrigt und verstößt Marias Mutter Katharina von Aragon, weil sie ihm keinen männlichen Thronfolger beschert, später lässt er eine seiner vielen Geliebten wegen des gleichen Vorwurfs hinrichten.

Nach einem erfolgreichen Aufstand gegen den von ihrem Vater installierten Machtapparat gelangt Mary dann allerdings doch noch an die Spitze der Monarchie - und nimmt erbittert Rache. Gehrmann vermittelt das tragische Schicksal ihrer Ich-Erzählerin in lebendigen Dialogen und mit Liebe zum zeichnerischen Detail, vor allem bei den Kostümen.

Für eine religiöse Fanatikerin, die nach ihrer Inthronisierung Andersgläubige zu Hunderten auf dem Scheiterhaufen und auf andere Weise ermorden ließ, wird die Hauptfigur allerdings irritierend sympathisch dargestellt.

Im Feuer geläutert: Eine Szene aus „Bloody Mary“. Foto: Carlsen Vergrößern
Im Feuer geläutert: Eine Szene aus „Bloody Mary“. © Carlsen

In zahlreichen Szenen vermittelt Gehrmann detailliert, welche Sorgen die Monarchin umtrieben - das Leiden und Sterben der Menschen, die auf ihr Geheiß bei lebendigem Leibe verbrannt wurden, wird hingegen nur in wenigen Bildern gezeigt und dient eher als Hintergrundillustration des königlichen Gefühlszustandes.

Nichtreligiösen Lesern erschließt sich zudem trotz der vielfältigen Einblicke in ihr Seelenleben kaum, was Maria I. zu einem derartigen Vorgehen antrieb, das sie selbst damit begründete, in Gottes Namen zu handeln.

Statische Bilder, dynamische Geschichten

Gehrmanns aufgeräumte, vor allem in der Figurenzeichnung vom Manga geprägte Bilder wirken angesichts der grausamen Ereignisse, die Marias Leben prägten, zudem überraschend, nun ja, blutleer.

Das Titelbild des besprochenen Buches. Foto: Carlsen Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Buches. © Carlsen

Dieser Kontrast aus eher statisch angelegten Bildern und dynamischen Ereignissen kennzeichnete bereits Gehrmanns Vorgänger-Werke: Die Comic-Erzählung „Im Eisland“ über die katastrophal verlaufene Forschungsreise des Polarforschers Sir John Franklin von 1845 bis 1848 ebenso wie die Adaption von Upton Sinclairs „Der Dschungel“, die auch international erfolgreich ist.

In dieser Adaption übersetzte Gehrmann das harte Schicksal einer armen Einwandererfamilie in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bilder, die von Kritikern als zu schablonenhaft und harmlos für das gewählte Thema kritisiert wurden. In der Hinsicht ist sich die Zeichnerin bei „Bloody Mary“ treu geblieben.

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