Vom Glauben abgefallen: Eine Szene aus „AnarChrist – Von der Erlösung“. Foto: Zarathroxa
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Comic-Künstler Zarathroxa Satan in der Midlife-Crisis

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Niklas Fiedler alias Zarathroxa schafft seit zehn Jahren sehr aufwändige Comics, von postmodernen „Faust“-Bearbeitungen bis hin zu grafischen Bewusstseinsströmen. Ein Porträt.

Was macht eigentlich der Teufel, nachdem der Mensch Gott umgebracht hat – wie Nietzsche einst verkündete? Die Antwort findet man im Comic „Faust³“ – der Tragödie flashigster Teil: Gott ist tot und der Teufel damit arbeitslos. Zusammen mit dem ebenso ratlosen Faust diskutiert er nun über den Sinn des Lebens und macht einen Trip durch das verrottende Gehirn des verblichenen Schöpfers. Was folgt, ist eine überbordende Verquickung von „Faust“, „Also sprach Zarathustra“, „Schöne neue Welt“ und Platons Höhlengleichnis, und zwar in ultra-psychedelischen Bildern.

Klingt überambitioniert, funktioniert (dank einem guten Schuss Humor) jedoch grandios – und lässt nebenbei den monströsesten, furchteinflößendsten Mephisto von der Kette, seit es Goethe-Adaptionen gibt.
Kein klassischer Comic-Leser

Geschaffen wurde „Faust³“ vom Frankfurter Zeichner Zarathroxa alias Niklas Fiedler - möglicherweise der beste Comic-Künstler, von dem sie noch nie etwas gehört haben. Tatsächlich gehören die Werke des 29-Jährigen zum visuell Eindrucksvollsten, was es in der Welt der Comics zu entdecken gibt, dennoch ist Fiedler außerhalb von Frankfurt (a.M.) und Umgebung nahezu unbekannt. Bislang sind alle seiner Comics im Eigenverlag erschienen und können nur auf der Zarathroxa-Website bestellt werden.

König der Schmerzen. Eine Seite aus Zarathroxas erstem professionellen Comic, der vor zehn Jahren erschien. Foto: Zarathroxa
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„Ich habe schon einigen Verlagen was von meinen Sachen angeboten, aber den meisten war das zu experimentell“, sagt Fiedler. Die Zarathroxa-Bücher sind schwer einzuordnen, denn Fiedler hat keine klassische Comic-Biografie: „Eigentlich habe ich keine richtigen Vorbilder, ich habe nie wirklich Comics gelesen“, sagt er. Ein Defizit, dass sich als großer Vorteil entpuppt, denn Fiedler hat ohne die Last der großen Vorbilder einen ureigenen Stil entwickelt, dessen Einflüsse eher in der Malerei zu suchen sind (etwa in den Gemälden von Daniel Richter).

Im Farbenwasserfall

Tatsächlich fallen einem kaum Vergleiche zu dem Bilderspektakel ein, das Fiedler auf dem Papier entfesselt: Ein Rausch von Formen und Farben, eine Reise durch bizarre Welten voller phantastischer Figuren, die sich in atemberaubenden Verrenkungen über die Seiten biegen.

Performance-Künstler: Zarathroxa bei einer Lesung aus "Der letze Nazi". Foto: Zarathroxa / Youtube
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Fiedler ist ein Meister der Kolorierung – nach der Lektüre seiner Comics kommt einem die Realität geradezu grau und farblos vor. Eine besondere Eigenschaft seiner Sinne kommt ihm beim Zeichnen zugute: Fiedler hat Synästhesie, er kann Töne als Farben sehen.

Er hatte das Zeichnen für mehrere Jahre aufgegeben

Gezeichnet hat Fiedler schon als Kind, erste Comicgeschichten entstanden in der Schule zusammen mit seinem besten Freund. Als dieser nach der Grundschule ins Ausland zog, war das für Fiedler eine Zäsur: Er brach das Zeichnen für mehrere Jahre komplett ab. „Das war ein Fehler“, sagt er rückblickend. „Mir hat danach immer etwas gefehlt.“

Der monströseste (und bunteste) Mephisto, seit es Goethe-Adaptionen gibt: Eine Seite aus „Faust³“. Foto: Zarathroxa
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Erst im Abitur, als Fiedler zunehmend unter dem Leistungsdruck der Schule und depressiven Phasen zu leiden hatte, entdeckte er das Zeichnen als eine Form von Selbst-Therapie wieder: So entstand 2008 praktisch aus dem Nichts sein erster professioneller Comic „Der König der Schmerzen“. Eine Fabel über das eigene Leben, die von einer fliegenden Insel über den Wolken handelt, die von bunten Wesen bewohnt wird. Die Idylle trügt, denn wer seine Farbe nicht findet, wird hinab in die Wolkendecke gestoßen. „Das zu zeichnen mir geholfen, also bin ich dran geblieben“, sagt Fiedler.

Comics als Live-Performance

Er begann, Philosophie und Kunstpädagogik zu studieren und lernte dabei Nietzsche kennen und lieben, dessen Themen und Ideen ihn immer wieder beschäftigen. Während dieser Zeit entstand „Faust³“, der 2012 erschien und bislang der erfolgreichste Zarathroxa-Comic ist. Fiedler brachte ihn sogar auf die Bühne: Schon häufiger hat er „Faust³“ in ekstatischen Performance-Lesungen vorgetragen, bei denen er von Keyboard und Schlagzeug begleitet wurde, während die Zeichnungen als Projektionen zu sehen waren.

Bizarr und farbgewaltig: Eine Szene aus "Yanma". Foto: Zarathroxa
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Multimedial angelegt ist auch sein bislang umfangreichstes Werk „Übermorgen“ von 2014: Eine wortlose Schöpfungsgeschichte auf 290 Seiten, die nebeneinandergelegt ein 60 Meter langes Riesenbild ergeben, die von Fiedler auch als fortlaufende Animation mit Musik live präsentiert wurde.

Wenn Nazis vergessen, was „deutsch“ ist

Seit der Wiederentdeckung seines Zeichen-Talents ist Fiedler in einem wahren Arbeitsrausch: „Ich zeichne täglich vier bis fünf Stunden, für mich ist das wie eine abendliche Meditation“, sagt er. Innerhalb weniger Jahre hat Fiedler fünf extrem aufwändige Comic-Bände veröffentlicht, zuletzt 2016 „AnarChrist – Von der Erlösung“, in der Jesus seinen Glauben verliert, auf die Erde wiederkehrt und unfreiwillig zur Ikone der Linken aufsteigt.

Bilderrausch: Eine Seite aus "Übermorgen". Foto: Zarathroxa
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In Kürze soll das nächste Projekt fertig sein: „Der letzte Nazi“, eine schwarzhumorige Satire auf einen Rechtsextremen, der vergisst, was „deutsch“ ist – ein beißender Seitenhieb auf aktuelle, neurechte Tendenzen und platte Ideologien im Allgemeinen. Fiedler, der das Projekt wieder als szenische Lesung aufführen will, verarbeitet darin aber auch persönliche Erfahrungen mit seinem Großvater, der Mitglied der SS gewesen war.

So wie seine vorherigen Werke wird wohl auch „Der letzte Nazi“ nicht den Geschmack der Masse treffen. Doch für Alle, die grafische und philosophische Saltosprünge lieben, wird Zarathroxas Werk eine Entdeckung sein. Es ist gut, dass es noch verrückte Genies wie Fiedler gibt, die sich ohne Rücksicht auf Verluste zwischen alle Stühle setzen, um dort etwas Einzigartiges zu schaffen: Oder, in Fiedlers Worten: „Kunst, die Angst hat, ist schlechte Kunst.“ Also sprach Zarathroxa.

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Mehr von und über Zarathroxa auf seiner Website: www.zarathroxa.de

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