Ein schöner Weltuntergang: Eine Seite aus "Erinnerung an die ewige Gegenwart". Foto: Schreiber & Leser
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Comic "Erinnerung an die ewige Gegenwart" Das letzte Kind der Welt

Silke Merten
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Schwelgerische Bilder, dürftige Geschichte: In "Erinnerung an die ewige Gegenwart" erzählen Schuiten und Peeters erneut von einer geheimnisvollen Stadt.

Eigentlich werden Städte von Menschen gemacht. Aber in den Comics von François Schuiten und Benoît Peeters ist es umgekehrt. Seit den 80er Jahren schaffen sie in ihrer Serie "Die geheimnisvollen Städte" in jedem Band einen einzigartigen urbanen Mikrokosmos.

Er spielt die eigentliche Hauptrolle. Seine Topographie formt die Weltsicht und das Schicksal der Bewohner und ist eigenen Naturgesetzen unterworfen: sie kann sich über Nacht ändern wie in "Die Mauern von Samaris", einen in die Unendlichkeit wachsenden Würfel hervorbringen, der das soziale Gefüge sprengt wie in "Fieber in Urbicand" oder als Turm-Stadt zum Schauplatz für die Reise ins Innere eines Kunstwerks werden.

Jedes Einzelbild von François Schuiten ist dabei so detailverliebt gezeichnet und schraffiert wie ein Kupferstich, die Figuren ähneln in ihrer Starrheit selbst an Monumente aus Stein. Bisweilen wird alles in Farbe getaucht und erinnert dann an die fantastischen "Little Nemo"-Welten von Winsor McCay. Immer gilt: Die geheimnisvollen Städte behalten ihr Geheimnis für sich.

Über die Vergangenheit zu sprechen, ist tabu

Auch im neuen Band "Erinnerung an die ewige Gegenwart" bleibt es ungelöst, obwohl der zehnjährige Aimé alles daran setzt dahinterzukommen, warum die Stadt Taxandria so gut wie tot ist. Aus den Häusern wachsen Stalagmiten, riesige Zahnräder durchbrechen Mauern und Straßenpflaster, Straßenbahnen werden von Menschen gezogen, weil es keinen Strom mehr gibt.

Und viel schlimmer: in Taxandria leben nur noch wenige Männer, Frauen sind nirgends zu sehen, das einzige Kind ist Aimé. Doch über die Vergangenheit zu sprechen, ist tabu, in Taxandria herrscht das Gesetz der ewigen Gegenwart. Als Aimé eines Tages ein Buch über die Geschichte Taxandrias findet, beginnt er Fragen zu stellen: Warum gibt es nur noch Ruinen? Wo sind die Frauen? Seine Mutter?

Natürlich geht er bald übers Fragen hinaus. Nur findet er bei seiner Suche nicht die passenden Antworten. Ihm bleibt nur, bis an die Grenzen der Stadt und ins Ungewisse zu gehen - in und über den Ozean.

Allein unter Erwachsenen: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch. Foto: Schreiber & Leser
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Das klingt für eine Geschichte über den Weltuntergang und die Folgen ziemlich dünn. Und das ist es auch. Zu viel bleibt offen. Zum Beispiel, warum ein Kind nach Blumen und Vögeln fragt, die es in seiner Welt nie gesehen hat.

Ein Anhang offenbart, dass "Erinnerung an die ewige Gegenwart" eigentlich ein Film werden sollte. Er scheiterte an der Tricktechnik - sie vermochte die erzählerischen Einfälle nicht zu realisieren. Der Comic hat es als Medium da leichter: zeigen kann er alles.

François Schuiten schwelgt diesmal in Pastellfarben und zeichnet mit weichen Buntstiften. Sein detailverliebter Strich lässt Häuser halb im Boden versinken und gegen die Gesetze der Statik schräg stehen. Vor allem die Tableaus der Stadtlandschaft machen wieder einmal klar, warum er mit dem Großen Preis von Angoulême für sein Gesamtwerk ausgezeichnet wurde: bei ihm erzählt schon jedes Panel eine Geschichte.

Die von Aimé mag dürftig sein. Aber seine Welt ist hier selbst kurz vor ihrem Untergang noch reich an Rätseln und Schönheit. An ihr sieht man sich nicht satt.

François Schuiten, Benoît Peeters: Erinnerung an die ewige Gegenwart, Schreiber & Leser, 80 Seiten, 22,80 Euro

Das Cover des besprochenen Buches. Foto: Schreiber & Leser
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