Machtspiele: Eine Bilderfolge aus „Die Besten Feinde“. Foto: Avant
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Comic „Die Besten Feinde“ Eine unendliche Geschichte?

Thomas Greven
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David B. und Jean-Pierre Filiu suchen in „Die Besten Feinde“ nach den Ursachen der Feindschaft zwischen der islamischen Welt und den USA. Kürzlich ist der Abschlussband erschienen

Der dritte und letzte Teil von „Die Besten Feinde“ , dem grafischen Horrorkabinett der Beziehungen zwischen den USA und dem Nahen und Mittleren Osten (und Nordafrika, denn auch der Maghreb spielt von Beginn an eine gewichtige Rolle) ist nicht weniger gelungen als die beiden ersten Bände. Die pointierte Sprache des Historikers und ehemaligen Diplomaten Jean-Pierre Filiu und des Comic-Künstlers David B. („Die heilige Krankheit“) werden von Letzterem mit kraftvollen, expressiven und symbol- und anspielungsreichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen kongenial ergänzt.

Und doch wirkt die Lektüre des beim Berliner Avant-Verlag erschienen Buches anders nach, die Stirn bleibt länger gerunzelt, weil beim Lesen und Nachdenken über das Gelesene viele Fragezeichen aufgetaucht und geblieben sind. Der Grund dafür ist wohl schlicht, dass der Comic sich mit Ereignissen befasst, die ganz oder teilweise in die Lebenszeit des Lesers fallen; Ereignisse also, zu denen sich viele Leser bereits selbst ein Bild gemacht oder eine Meinung gebildet haben.

Wie halten wir es mit der Wahrheit?

Und weil es auf knapp hundert Seiten eines Comics, der zum Glück nicht so textlastig ist, wie man bei diesem Stoff vermuten könnte, notwendigerweise zu Verkürzungen kommen muss, und zu klaren Stellungnahmen sowieso, reiben sich die Positionen der Autoren zwangsläufig mit denen des Lesers.

Womit wir unversehens bei der großen philosophischen und politischen Debatte unserer Zeit angekommen wären: Wie halten wir es mit der Wahrheit? Gibt es sie und, wenn ja, können wir sie erkennen? Oder hat eben jeder seine eigene Wahrheit, je nach Perspektive und Wertebasis? Kommt sie in vielen Formen daher, ist ein meinungsstarker Comic also bei der Suche nach ihr genau so viel wert wie eine historische Studie?

Fragen und fehlende Antworten, die unsere Gemeinwesen heute bis an die Schmerzgrenze belasten und die moderne Gesellschaften vor Zerreißproben stellen, wenn sie von politischen Bewegungen und Parteien instrumentalisiert werden.

Der in diesem Zusammenhang unvermeidliche Donald Trump macht es vor: Alles ist „fake news“, also unwahr, was mir nicht in den Kram passt. Und wahr ist, was viele Menschen sagen, vorausgesetzt, es entspricht meiner Meinung und meinen Interessen. Die sozialen Medien verstärken den Effekt und die Tribalisierung der Bevölkerung nimmt zu.

Die Gier nach Öl und Waffen

Zurück zu den „Besten Feinden“. Der einzigartige Stil von David B. ist schon oft und zu Recht gelobt worden. Er eignet sich für eine Auseinandersetzung mit der meist düsteren Geschichte der Beziehungen der USA mit der muslimischen Welt. In seinem grafischen Universum ist diese Geschichte vor allem waffenstrotzend und von der Gier nach Öl geprägt. Die gespenstischen und alptraumhaften Bilder, die er für das Leid findet, welches durch Verantwortungslosigkeit und Rücksichtslosigkeit der Herrschenden über die Menschen gebracht wird, sind beeindruckend.

Arabischer Frühling: Ein Panel aus dem besprochenen Buch. Foto: Avant
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Wer ein Haar in der Suppe finden möchte, kann auf den teilweise mangelnden Wiedererkennungswert einiger wichtiger Personen verweisen. Sicher sind Bin Laden und Saddam Hussein einfacher erkennbar zu zeichnen als die beiden Bushs oder Bill Clinton und es ist auch kein unüberwindbares Lesehindernis, aber dennoch ist es ein wenig ärgerlich.

Bill Clinton mit Pinocchio-Nase

Das viel größere Ärgernis ist die mangelnde Komplexität der inhaltlichen Darstellung der USA, ihrer Politik und Gesellschaft, deren Kenntnis ja erst eine fundierte Kritik der amerikanischen Politik erlaubt. Nur einige Beispiele: Bill Clinton, hier schön mit Pinocchio-Nase, hatte durchaus auch andere Gründe für die Luftangriffe auf den Irak als nur die Ablenkung von „Monicagate“, seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Vor 9/11 hat nicht einfach Präsident Bush stur nicht auf die Warnungen der Geheimdienste hören wollen, sondern diese waren untereinander zerstritten und wenig koordiniert.

Dilemma der internationalen Politik: Eine Sequenz aus dem besprochenen Band. Foto: Avant
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Küchenpsychologisch und reißbrettartig ist auch die Darstellung der christlichen „Wiedergeburt“ von George W. Bush und seiner angeblichen Obsession mit dem Irak als Abgrenzung zum Vater (der den Irak 1991 nicht besetzt hatte). Die Beweggründe der damals wichtigen Republikanischen Strömungen der „christlichen Zionisten“ (Endzeit-orientierte Evangelikale) und „Neo-Konservativen“ sind in der Tendenz richtig dargestellt, aber teilweise schief: Letztere erwarteten eine Wiederholung der Erfahrungen in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, als die Niederlage als Befreiung wahrgenommen wurde. Amerikanische Nahost-Experten hatten dagegen vor dem Zerfall des Irak gewarnt. In den USA sprach sich also durchaus nicht nur Barack Obama gegen die Invasion des Irak aus, und international auch nicht nur Frankreich (Joschka Fischer: „I am not convinced“).

Tragödien der internationalen Politik

Andere Auslassungen betreffen die Rolle Großbritanniens in der „Koalition der Willingen“ und Russlands Kritik an der Überschreitung des UN-Mandats in Libyen. Letztere hilft, Putins Position in Syrien jenseits der Bündnistreue zu erklären. Insgesamt aber, das muss bei aller Kritik im Detail betont werden, überzeugt nicht nur die überwältigende Ästhetik des Bandes, sondern auch seine inhaltliche Stoßrichtung, denn die Kritik an den USA, an den arabischen Eliten und an der gegenseitigen Dämonisierung ist zweifellos berechtigt.

Die Auslassungen und Verkürzungen sind nicht nur dem begrenzten Platz der Comic-Form geschuldet, sondern auch Ausdruck der Ratlosigkeit gegenüber dem Dilemma einer internationalen Politik zwischen Interessen, Wertebindung und Stabilitätserwägungen. Zu leiden haben im Zweifelsfall dann immer die schwächeren Akteure, wie David B.s Zeichnung einer kleinen, eingeschüchtert schauenden Figur zum Ausdruck bringt: Minderheiten wie die immer wieder verratenen Kurden und oppositionelle Demokratiebewegungen, die zu schwach sind, um sich ohne massive Unterstützung von außen durchzusetzen, welche aber genau aus diesem Grund ausbleibt.

Das Cover des besprochenen Bandes. Foto: Avant
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Die Tragödie der amerikanischen Außenpolitik bringen die Autoren auf den Punkt: „Das Land hat nicht immer aus guten Gründen […] eingegriffen, zieht sich aber nun im schlechtesten Moment zurück.“ Intervention und Nicht-Intervention sind eben gleichermaßen tückisch. Wie die Amerikaner sagen: „You’re damned if you do, you’re damned if you don’t.“

Die Autoren übertreiben allerdings, wenn sie Obama das Ende der US-Rolle im Nahen Osten beschließen lassen. Diese Geschichte geht weiter – zuletzt mit Donald Trumps Anerkennung von Jerusalem als israelischer Hauptstadt und seiner Aufkündigung des Iran-Nuklearabkommens – vielleicht ja auch der Comic?

David B./ Jean-Pierre Filiu: Die Besten Feinde - Die Geschichte der Beziehungen der Vereinigten Staaten mit dem Nahen Osten. Dritter Teil 1984/2013. Avant, 96 Seiten, 19,95 Euro.

Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin.

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