Goldiges Jubiläum: Zum zehnten Mal kürt der Tagesspiegel jetzt die besten Comics des Jahres. Foto: Tsp
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Comic-Bestenliste Die besten Comics 2021 – Christian Endres‘ Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das fragen wir unsere Leser:innen und eine Fachjury. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Autor Christian Endres.

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine erste Auswahl der Ergebnisse. Unter allen Einsendenden werden wertvolle Buchpakete verlost.

Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr erneut aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Christian Endres, Lara Keilbart, Rilana Kubassa, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Christian Endres. Foto: privat Vergrößern
Christian Endres. © privat

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt.

Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 23. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autor Christian Endres

Platz 5: „Lucky Luke Hommage 4: Wanted“ (Egmont)

Das Titelbild von „Lucky Luke: Wanted“. Foto: Egmont Vergrößern
Das Titelbild von „Lucky Luke: Wanted“. © Egmont


Matthieu Bonhomme hat es schon wieder getan. Nach „Der Mann, der Lucky Luke erschoss“ legte der Franzose mit „Lucky Luke: Wanted“ dieses Jahr ein weiteres eigenständig zu lesendes Hommage-Album über den Cowboy vor, der Anfang Dezember seinen 75. Geburtstag gefeiert hat. Ausgerechnet der lässige, stets dem Guten verpflichtete Titelheld wird in dieser Huldigung per Steckbrief gesucht und gejagt. Trotzdem helfen Luke und sein getreues Pferd Jolly Jumper drei Schwestern dabei, ihre Rinderherde durch die Wüste zu treiben. Der 1973 geborene Bonhomme bezeichnet die Westernikone als Kindheitsfreund und spielt augenzwinkernd mit Legende und Mythos. Ein überragend visualisierter Panel-Western, eine hervorragende Hommage und das Beste, was Lucky Luke seit Langem passiert ist.

Platz 4: „Spirou & Fantasio Spezial 32: Pacific Palace“ (Carlsen)

Subtiles Kammerspiel: Eine Szene aus „Pacific Palace“. Foto: Carlsen Vergrößern
Subtiles Kammerspiel: Eine Szene aus „Pacific Palace“. © Carlsen

Auch „Lucky Luke: Zarter Schmelz“ von Ralf König oder der Auftaktband zu „Marsupilami: Die Bestie“ von Zidrou und Frank Pé reihten sich 2021 als Hommagen an frankobelgische Comicklassiker bei den dringend beachtenswerten Titeln ein. Dasselbe gilt für „Spirou und Fantasio Spezial: Pacific Palace“ des 1965 geborenen Christian Durieux aus Brüssel. Der Band ist eine überraschende, wirkungsvolle Interpretation des 1938 erschaffenen Magazin-Maskottchens. Das Album, in wunderschön pastelligen Bildern realisiert, besticht durch die zarte Optik und den subtilen Plot. Die Geschichte eines Luxushotels, eines politisch brisanten Gastes und elementarer Mächte erinnert zuweilen an das alte französische Kino. Ein ruhiges und doch stimmungsvolles Highlight, selbst wenn man dem abenteuerlustigen Pagen sonst kein Trinkgeld gibt.

Platz 3: „Donjon Antipoden +10.000: Rubeus Khan“ (Reprodukt)

Cholerischer Enterich: Eine Szene aus „Rubeus Khan“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Cholerischer Enterich: Eine Szene aus „Rubeus Khan“. © Reprodukt

1998 starteten die Comicgrößen Joann Sfar und Lewis Trondheim aus Frankreich ihre satirische Fantasy-Reihe „Donjon“. 2015 kam nach rund 40 witzigen Alben der vermeintlich finale Comic der Genre-Parodie heraus. Doch 2020 kehrten Sfar, Trondheim und der Donjon zurück. Das Album „Donjon Antipoden +10.000: Rubeus Khan“ setzt in der fernen Science-Fiction-Zukunft des Fantasy-Kosmos ein und kann auch von Neueinsteigern wie ein Einzelband gelesen werden. Zeichner Vince Roucher illustriert die futuristische Entenhausen/Donald Duck-Persiflage, die Neo-Noir-Flair mit teils blutiger Action kombiniert, stark und dynamisch. Der perfekte Einstieg in das Donjon-Universum, ein Comicvergnügen und der Beweis dafür, dass die Welt einfach neue Donjon-Storys braucht.

Platz 2: „Snow, Glass, Apples“ (Splitter)

Zwischen Horror und Fantasy: Eine Seite aus „Snow, Glass, Apples“. Foto: Splitter Vergrößern
Zwischen Horror und Fantasy: Eine Seite aus „Snow, Glass, Apples“. © Splitter

Fantastik-Superstar Neil Gaiman kennt man für seine Comicserie „Sandman“, die demnächst bei Netflix aufschlägt, Romane wie „American Gods“ und viele brillante Prosa-Kurzgeschichten. Eine davon hat die amerikanische Künstlerin Colleen Doran, die damals auch Artwork zu „Sandman“ beisteuerte, im Album „Snow, Glass, Apples“ als Comic adaptiert. Die schockierend gruselige und drastische Schneewittchen-Spiegelung betont Sex, Vampirismus und Nekrophilie in dem klassischen Märchen. Doran fängt den Horror von Gaimans ebenso cleverer wie finsterer Neuinterpretation aus den frühen 1990ern sehr gut ein. Ihre hübschen, geradezu fließenden Seiten bedienen sich bei Glasmalerei, Manga und Jugendstil; Ornamentik und Kontraste erzeugen einen besonderen Look. Für diese außergewöhnliche Umsetzung von Grimm und Gaiman erhielt die 1964 geborene Doran völlig zurecht den Eisner Award und den Bram Stoker Award.

Platz 1: „Auf einem Sonnenstrahl“ (Reprodukt)

Weltraumarchitektur: Eine Seite aus „Auf einem Sonnenstrahl“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Weltraumarchitektur: Eine Seite aus „Auf einem Sonnenstrahl“. © Reprodukt

Tillie Walden, Jahrgang 1996, ist das größte Talent, das die Neunte Kunst in den letzten Jahren gesehen hat. Ihre originelle Space Opera „Auf einem Sonnenstrahl“, zu einem Großteil in Japan entstanden und ab 2016 ursprünglich als Webcomic serialisiert, stellt die Meisterleistung einer damals 20-jährigen Künstlerin dar. Auf 540 Seiten sowie zwei Zeitebenen erzählt die Texanerin, die sich nie als Science-Fiction-Fan sah, feinfühlig-packend von junger queerer Liebe auf einem Internat im All, faszinierenden Fischraumschiffen, Grenzland-Problemen und einer Crew, die als Familie auftritt. Waldens Charakterisierungen sind vielschichtig und smart, ihre sanften, charmanten Bilder zwischen Manga und Mazzucchelli voller Sense of Wonder. Deshalb verströmt ihr mit mehr Fantasie als Hard-SF-Logik betriebener Weltraum eine ganz eigene Magie, wie sie in den besten Ghibli-Animationsfilmen kaum größer sein könnte.

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