Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken. Foto: Tsp
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Comic-Bestenliste Die besten Comics 2020 – Christian Endres' Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Autor Christian Endres.

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine erste Auswahl der Ergebnisse - unter allen Einsendenden werden wertvolle Buchpakete verlost.

Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Julia Frese, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Christian Endres. Foto: privat Vergrößern
Christian Endres. © privat

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt.

Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 17. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autor Christian Endres

Platz 5: Merwan - Mechanica Caelestium

Schuss und Gegenschuss. Eine Szene aus „Mechanica Caelestium“. Foto: Schreiber & Leser Vergrößern
Schuss und Gegenschuss. Eine Szene aus „Mechanica Caelestium“. © Schreiber & Leser


In diesem Einzelband vermischt Autor und Zeichner Merwan Chabane nicht nur Stilelemente mehrerer Generationen französischer Comicmacher oder japanischer Mangaka. Nein, er bringt außerdem Politik, Intrigen und Völkerball in der Postapokalypse zusammen. Und was für ein Völkerball das ist: Zwei Mannschaften vertreten ihre jeweilige Heimatnation, die immer wilder werdenden Spielfelder sind mit Hindernissen und Waffen gespickt, und das Ergebnis der Match-Serie entscheidet für eine Außenseiterin mit Fuchsschwanz und den Rest ihrer kleinen Inselheimat über Freiheit oder Annexion durch das Imperium. Dass das alles auf den pastelligen Seiten des wunderschön realisierten Albums harmoniert und funktioniert, ist die große Magie von Merwans „Mechanica Caelestium“, das damit zu einem der überraschenden Volltreffer des Jahres wurde.

Platz 4: Sarah Andersen: Fangs – Voll verbissen

Eine Szene aus „Fangs“. Foto: Splitter Vergrößern
Eine Szene aus „Fangs“. © Splitter

Die Amerikanerin Sarah Andersen machte sich mit ihrem semiautobiografischen Webcomic „Sarah’s Scribbles“ einen Namen. Auch „Fangs“ erschien ursprünglich serialisiert im Internet, bevor der Sammelband kam. Und es kann schon sein, dass der nicht zuletzt deshalb in dieser Auswahl der Comics des Jahres landete, weil 2020 nicht gerade von Leichtigkeit beseelt war und „Fangs“ massig davon zu bieten hat. Außerdem sind Andersens episodische Schwarz-Weiß-Strips über die romantische Beziehung zwischen Vampirin Elsie und Werwolf Jimmy intelligent, charmant, witzig, süß sowie stilistisch gut und modern umgesetzt. Ganz nebenbei zeigt „Fangs“, wie viel Spaß man noch immer mit den beiden gerne belächelten Archetypen aus dem Zwielicht haben kann.

Platz 3: James Sturm: Ausnahmezustand

Politik und Alltag: Eine Seite aus „Ausnahmezustand“. Foto: Reprodukt Vergrößern
Politik und Alltag: Eine Seite aus „Ausnahmezustand“. © Reprodukt

Dieser Comic von US-Künstler James Sturm beschäftigt sich mit dem Jahr 2016, aus dem Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten hervorging. Damit wurde „Ausnahmezustand“ der ideale Comic für 2020 und zur jüngsten Präsidentschaftswahl in Amerika. Doch Sturm geht es in seiner Graphic Novel nicht allein um die Spaltung seines Heimatlandes, schon gar nicht plakativ im Vordergrund. Der gehört in dieser so menschlichen und realistischen Geschichte, die Sturm mit anthropomorphisierten Hundefiguren bestreitet, dem Handwerker Mark, dessen Familie und Leben erodieren. Aber natürlich hängen die großen und kleinen Dinge oft zusammen. Ein subtiler, empathisch beeindruckender, exzellent inszenierter Comic über die Risse in einer Gesellschaft, die überallhin kommen und sich durch alles ziehen.

Platz 2: Lukas Jüliger: Unfollow

Öko-Influencer. „Unfollow“ handelt von einem jungen Mann namens Earthboi. Foto: Reprodukt Vergrößern
Öko-Influencer. „Unfollow“ handelt von einem jungen Mann namens Earthboi. © Reprodukt

In seinem Comicroman „Unfollow“ setzt Lukas Jüliger, der im Hamburg und Paris Illustration studierte und heute in Berlin lebt, genau das fort, was er in seinem Debüt „Vakuum“ und der Poe-Modernisierung „Berenice“ begann: Bleistift, Tusche und Computerkolorierung verschmelzen zu einer interessanten, trügerisch sanften Optik, die durch eine vibrierende, topaktuelle Geschichte getragen wird. „Unfollow“ dreht sich um den Jungen namens Earthboi, in dem sich das Bewusstsein der angeschlagenen Erde manifestiert. Als Öko-Influencer wird der coole Earthboi zur viralen Sensation und könnte mit seinen Ideen und Idealen vielleicht sogar den Planeten retten. Allerdings bleiben Ideen nicht immer das, was ihre Schöpfer im Sinn hatten. „Unfollow“ ist eine moderne Fabel im Einklang mit dem Zeitgeist unserer Welt, Netzwerke, Medien und Bewegungen, Seite für Seite überzeugend erzählt und außergewöhnlich bebildert. Dafür ein enthusiastisches Like.

Platz 1: Tom Gauld: Abteilung für irre Theorien

Komplexe Angelegenheit: Ein Strip aus „Abteilung für irre Theorien“. Für Komplettansicht auf Plus-Symbol klicken. Foto: Edition Moderne Vergrößern
Komplexe Angelegenheit: Ein Strip aus „Abteilung für irre Theorien“. Für Komplettansicht auf Plus-Symbol klicken. © Edition Moderne


Bei dem Schotten Tom Gauld handelt es sich um den besten Humoristen der gegenwärtigen neunten Kunst. Dabei ist Gauld ein begnadeter Reduzierer, dessen so trügerisch simpel aussehende Comicstrips und Cartoons umso mehr Witz, Hintersinn, Ironie und Signatur haben. Seine smarten Gags im Band „Abteilung für irre Theorien“ stammen aus dem Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ und befassen sich mit Forschern, Experimenten, Robotern und Science-Fiction – es gibt sogar eine Infografik mit witzigen Warnschildern, zudem geben sich Darwin und Frankenstein die Ehre. Ich feiere Tom Gaulds Comics nicht bloß für ihren sensationellen und trockenen Humor, ihre klugen Referenzen, ihre perfekten Pointen und ihre meisterhafte Vereinfachung, sondern auch dafür, dass man sie vielen Menschen in die Hand drücken kann und weiß, wie viel Freude sie in der Abteilung für irre Theorien haben werden. Selbst in und nach diesem Jahr.

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