Auf und ab der Gefühle: Eine Szene aus „Bring mich noch zur Ecke“. Foto: avant
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Beziehungsdrama „Bring mich noch zur Ecke“ Eine zähe Amour fou

Silke Merten

Die Schwedin Anneli Furmark verschenkt in ihrer Comicerzählung „Bring mich noch zur Ecke“ das Potenzial, das ihre Geschichte geboten hätte.

Wenn ein Comic von mehreren hundert Seiten sich schon ab der fünften Seite zäh liest, läuft etwas falsch. Dabei müsste die Nervosität von Hauptfigur Elise ansteckend sein. Sie wartet sehnsüchtig auf Nachricht von ihrer neuen Bekanntschaft Dagmar. Aber was wir sehen, ist ihre Gestalt, eine durchschnittliche Frau mittleren Alters, eine Katze und ein Smartphone, gezeichnet mit Aquarellstiften - und daneben Text. Viel Text. Bild um Bild ist umgeben von Elises Gedanken. Handlung: null.

Talking Heads. Eine weitere Seite aus „Bring mich noch zur Ecke“. Foto: avant Vergrößern
Talking Heads. Eine weitere Seite aus „Bring mich noch zur Ecke“. © avant

Dass es in „Bring mich noch zur Ecke“ (avant, Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben, 232 S., 25 €) um eine Amour fou geht, verraten die Bilder der schwedischen Zeichnerin Anneli Furmark nur allmählich.

Elise lernt Dagmar auf einer Party kennen. Beide verlieben sich auf den ersten Blick ineinander und beginnen eine Affäre, obwohl sie in Beziehungen leben: Elise mit Henrik, Dagmar mit einer Frau. Beide gestehen ihren PartnerInnen, dass es jemand anderen gibt. Wann immer möglich, treffen sie sich in Hotels.

Doch weiter will Dagmar nicht gehen - sie will bei ihrer Frau und den Kindern bleiben. Während Elise unfreiwillig zum Single wird: Ihr Mann verliebt sich ebenfalls neu und trennt sich von ihr.

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All das böte Stoff für eine spannende Bildgeschichte über einen Liebesreigen von heute. Denn egal, wieviel Freiheit in Beziehungen inzwischen möglich ist - das Gefühl, wegen eines geliebten Menschen alles in Frage zu stellen, dessen man sich sicher war, ist so packend wie eh und je.

Reden, nachdenken, Handynachrichten schreiben

Nur bleibt der Comic so zäh wie in der ersten Szene. Denn die Figuren sind vor allem mit Reden, Nachdenken oder dem Schreiben und Lesen von Handy-Nachrichten beschäftigt. Was es zwischen ihnen an Leidenschaft, Wut oder Euphorie gibt, verhandelt ihre Erfinderin über Text.

Das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: avant Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Bandes. © avant

Selten findet sie für das Auf und Ab der Gefühle so treffende Metaphern wie eine Achterbahn, die urplötzlich ihre Lichter anwirft und Fahrt aufnimmt. Die beste Sequenz der Graphic Novel. Leider die einzig wirklich gute.

„Bring mich noch zur Ecke“ erinnert zwar an die Aquarellgeschichten von Judith Vanistendael, erreicht aber nie deren Einfallsreichtum für Bildideen. Anneli Furmark hätte aus ihrem Stoff besser ein Hörspiel gemacht, statt eine Handvoll sprechende und denkende Köpfe zu zeichnen.

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