Historische Ohrfeige: Eine Szene aus „Beate und Serge Klarsfeld – Die Nazijäger“. Foto: Carlsen
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Update Ausgezeichnete Zeitgeschichte Ohrfeige mit Folgen

Solide, aber nicht herausragend: Pascal Bresson und Sylvain Dorange zeichnen in ihrem Comic „Die Nazijäger“ die Biografien von Beate und Serge Klarsfeld nach.

Mit einer Klatsche fing alles an. Die Journalistin und Aktivistin Beate Klarsfeld schummelte sich 1968 in die Berliner Kongresshalle (das heutige Haus der Kulturen der Welt) auf den CDU-Parteitag, verpasste dem amtierenden Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine Ohrfeige wegen dessen Nazivergangenheit und schrie dazu mehrfach „Nazi!“.

Die Aktion ist eine der Kernszenen der kürzlich auf Deutsch veröffentlichten Graphic Novel „Beate und Serge Klarsfeld – Die Nazijäger“ von Pascal Bresson und Sylvain Dorange (Carlsen, 208 S., 28 €) - am vergangenen Wochenende wurde sie auf dem Comicfestival München mit dem Peng!-Preis als bester europäischer Comic ausgezeichnet.

Dieser 7. November 1968 sollte in die Geschichte eingehen. Bis dahin kannten nur wenige die junge Aktivistin, danach war sie „die Klarsfeld“ und ihr Name war in aller Munde.

Beate Klarsfeld hatte die Aktion gezielt geplant, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen: ihre Empörung darüber, dass ein ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler werden konnte - er wurde nicht vom Volk gewählt, sondern von der CDU/CSU-Fraktion und übernahm nach einer Regierungskrise das Amt Ludwig Erhards - und sich nun als Kanzlerkandidat den Bundestagswahlen stellte.

Beate Klarsfeld entging nur knapp einer Gefängnisstrafe und kandidierte daraufhin als Direktkandidatin im Wahlkreis Kiesingers, um weiterhin dessen Wahlkampf zu stören. Die CDU wurde 1969 zwar trotzdem stärkste Partei - durch die Koalition mit der FDP wurde jedoch Willy Brandt von der SPD Bundeskanzler der BRD.

Ein paar gegen die Nazis: Das Titelbild von „Beate und Serge Klarsfeld – Die Nazijäger“. Foto: Carlsen Vergrößern
Ein paar gegen die Nazis: Das Titelbild von „Beate und Serge Klarsfeld – Die Nazijäger“. © Carlsen

Zusammen mit ihrem Mann Serge - einem französisch-jüdischen Anwalt und Historiker, der den Holocaust als Kind nur knapp überlebt hatte - wird Beate Klarsfeld die kommenden Jahrzehnte damit verbringen, frühere hochrangige Nazi-Täter, die damals unbescholten in der BRD oder im Ausland lebten, zu entlarven und vor Gericht zu bringen.

Eine Autobiografie wie eine Abenteuergeschichte

„Die Nazijäger“ basiert auf dem Buch „Erinnerungen“ der Klarsfelds (2015 auf deutsch im Piper Verlag erschienen) und liest sich wie eine spannende Abenteuergeschichte. Leicht verschachtelt erzählt die Graphic Novel die ganze Geschichte der Klarsfelds.

1960 verliebte sich die junge Beate Künzel (geb. 1939), die als Au-Pair-Mädchen in Paris lebte, in den Geschichts- und Politikwissenschaftsstudenten Serge Klarsfeld (geb. 1935). Er erzählt ihr von dem Schicksal seiner rumänisch-jüdischen Familie, die zur Zeit der deutschen Besatzung in Paris lebte und nach Nizza ins „Freie Frankreich“ floh. 1943 führten die Nazis eine große Razzia durch. Serges Vaters gelingt es, seine Familie zu verstecken, wurde selbst aber nach Auschwitz deportiert und dort getötet.

Für Beate Künzel ist das Thema schockierend und sehr neu, da sie in ihrer Familie wie im Schulunterricht wenig über die Juden und den Holocaust erfahren hatte. Binnen weniger Jahre politisiert sie sich und wird – nach der Heirat mit Serge - zur Aktivistin, die sich unter anderem für Frauenemanzipation einsetzt, insbesondere aber den Umgang Frankreichs und Deutschlands mit Kriegsverbrechern anklagt.

Serge studierte Jura und wurde Anwalt, um das nötige Rüstzeug zu erwerben, die Verantwortlichen an den Morden europäischer Juden durch die Nationalsozialisten aufzuspüren und, wo möglich, vor Gericht zu bringen.

In den 70er Jahren machen Beate und Serge den in Köln unbehelligt lebenden ehemaligen SS-Obersturmbannführer und Gestapochef Kurt Lischka ausfindig, der für Massendeportationen Verantwortung trug, und versuchen, ihn nach Frankreich zu entführen, um ihn dort vor Gericht zu bringen. Das Unterfangen scheitert, Lischka wird aber durch die Beharrlichkeit der Klarsfelds 1980 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Einen umfangreichen Teil der Graphic Novel nimmt die Suche und Jagd nach Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, ein, der (nachdem er nach dem Krieg für amerikanische und deutsche Geheimdienste tätig war) in den 70er Jahren in Bolivien in Südamerika unter falschem Namen lebte.

Aufklärung unter Lebensgefahr

Trotz widrigster Umstände und unter Lebensgefahr gelingt es dem Paar schließlich, dass Barbie in Frankreich vor Gericht gestellt wird. Serge Klarsfeld konnte dem hochrangigen SS-Offizier zahlreiche schwere Kriegsverbrechen nachweisen, wie die Deportation jüdischer Kinder (der Kinder aus dem Waisenhaus von Izieu), unzählige Morde, brutale Massaker und Folterungen.

Beate und Serge Klarsfeld verbessern dabei auch Defizite in der justiziellen Aufarbeitung der Kriegsgräuel in Frankreich und Deutschland. Neben weiteren Anklagen gegen Kriegsverbrechern verfasste Serge Klarsfeld auch Standardwerke zur Judenverfolgung („Vichy-Auschwitz“, „Le Mémorial de la déportation des Juifs de France“). 2015 erhielt das Paar das Bundesverdienstkreuz und UNESCO-Sonderbotschafter für Bildung über den Holocaust und die Verhinderung von Völkermorden.

Der 1977 geborene Comiczeichner Sylvain Dorange hat diese Erinnerungen des heute legendären wie weiterhin umtriebigen Paares im gemeinsamen Kampf gegen Kriegsverbrechen versiert in nostalgisch-pastellener Kolorierung umgesetzt.

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Einzelne Farbtöne markieren dabei bestimmte Zeitabschnitte - von Episoden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs über die 60er Jahre bis in die Gegenwart - zwischen denen gut nachvollziehbar hin- und hergeschnitten wird.

Die realen Charaktere werden dabei in leicht karikierender Überspitzung sehr pointiert gezeichnet, wie der junge Serge mit „Eraserhead“-ähnlicher Haartolle. Einzig Beate Klarsfeld ähnelt als Figur mit ihrer zu spitzen Nase wenig der echten Klarsfeld, die im Anhang des Buches auf Fotografien in verschiedenen Lebensaltern zu sehen ist.

Nur gelegentlich sind die Sequenzen etwas zu dialoglastig geraten, wenn etwa am Ende des Buches manche Informationen in Monologen des heutigen Serge Klarsfeld nachgereicht werden.

Was sind Fakten, was persönliche Erinnerungen?

Die Graphic Novel liest sich sehr flüssig und nimmt den Leser für die Sache der Klarsfelds ein. Der französische Buchtitel lautet übersetzt „Beate und Serge Klarsfeld - ein Kampf gegen das Vergessen“, während der deutsche Untertitel „Die Nazijäger“ einen etwas reißerischen Ton anschlägt, der vielleicht Tarantino-„Unglourious Basterds“-Assoziationen wecken soll.

In manchen Comicszenen, und dafür ist Szenarist Pascal Bresson (Jahrgang 1969) verantwortlich, droht die Adaption allerdings tatsächlich ins Reißerische abzugleiten – etwa, wenn die Klarsfelds versuchen, Kurt Lischka zu entführen, und sie durch die plumpe (und missglückte) Anwendung von Gewalt schon fast an RAF-Terroristen erinnern. In einer weiteren Szene ist Klaus Barbie in Bolivien zu sehen, der sich offenbar auch dort, 30 Jahre nach dem Krieg, aufs Neue als Folterer betätigt.

Handelt es sich dabei um belegte Fakten oder um die spekulative Ausschmückung durch die Comic-Autoren? Auch Kurt Georg Kiesinger wird etwas schwarzweiß dargestellt, obwohl die Reduktion seiner Person auf einen Nazi aus heutiger Sicht zu kurz greift, Ambivalenzen zumindest erwähnt werden müssten.

Ein Anhang, der die wesentlichen Fakten sachlich darstellt, manche narrative Lücke ergänzt und offene Fragen erhellt, fehlt leider gänzlich, und so ist der Leser etwas hilflos der Comicinterpretation, die ja auf persönlichen Erinnerungen beruht, ausgeliefert. Eine etwas nüchternere Erzählweise hätte die Adaption sicher noch überzeugender und vielleicht auch zur geeigneten Schullektüre gemacht.

Der Münchener Comicpreis geht so an eine solide gemachte Graphic Novel, die vor allem wegen ihres bis heute relevanten Themas der historischen Vergangenheitsbewältigung für sich einnimmt, weniger für eine künstlerisch oder erzählerisch herausragende Leistung. Der beispiellose Kampf des engagierten Ehepaares Klarsfeld um Gerechtigkeit hat jedoch zu Recht Geschichte geschrieben und wird so vielleicht noch leichter zugänglich.

Weitere Auszeichnungen auf dem Comicfestival München

Eine weitere Auszeichnungen auf dem Comicfestival München, das pandemiebedingt in diesem Jahr auf die Präsentation mehrerer Ausstellungen und einer digitalen Zeremonie beschränkt war, ging an Uli Oesterle: Dessen 2020 veröffentlichte Comicerzählung „Vatermilch“ wurde als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet. Als bester nordamerikanischer Comic wurde „They Called Us Enemy“ von George Takei, Justin Eisinger, Steven Scott und Harmony Becker gekürt.

Gerhard Seyfried, aus München stammender Berliner, wurde mit einem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Foto: Ziska Riemann/Westend Vergrößern
Gerhard Seyfried, aus München stammender Berliner, wurde mit einem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. © Ziska Riemann/Westend

Den Peng!-Preis für die beste Sekundärliteratur bekam Alexander Braun für seine Monographie „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“. Und der Preis für das Lebenswerk ging an den in Berlin lebenden und aus München stammenden Comiczeichner Gerhard Seyfried.

Einige der diesjährigen Ausstellungen zum Comicfestival München sind auch noch über das eigentliche Festivalwochenende hinaus weiter zu sehen, mehr dazu hier.

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