Nie wieder: Eine Aufnahme vom „Millionaires Club“ in Leipzig 2019. Foto: Lars von Törne
© Lars von Törne

Update Absagen, Unsicherheiten, Rückzug ins Internet Wie Corona den Comic-Kalender durcheinanderbringt

Die Absage der Leipziger Buchmesse mit der Manga-Comic-Con war nur der Auftakt. Auch andere Comicveranstaltungen fallen 2021 aus oder finden nur digital statt.

Die am Freitag abgesagte Leipziger Buchmesse mit der Manga-Comic-Con ist nicht die einzige für die Comicszene wichtige Veranstaltung, die dieses Jahr ausfällt. Angesichts der kaum vorhersagbaren Entwicklung der Coronavirus-Pandemie werden auch andere Publikumsveranstaltungen nicht in dem Umfang und in der Form stattfinden wie geplant – und manche schließen für immer ihre Türen. Es gibt aber auch vereinzelte Neuanfänge. Ein Überblick.

Aus für „Millionaires Club“

Eine in der Independent-Comicszene weit über Deutschland hinaus geschätzte Veranstaltung war fast zehn Jahre lang das Leipziger Festival „Millionaires Club“. Es wurde parallel zur Leipziger Buchmesse an einem alternativen Standort der Messestadt abgehalten, und von einem Team um Szene-Größen wie Anna Haifisch, Max Baitinger und bis zu ihrem Tod im vergangenen Jahr Jutta Harms organisiert.

Hier konnte das Publikum Independent-Künstler*innen aus aller Welt kennenlernen und ihre Werke entdecken, die in Deutschland auf anderen Wegen oft kaum zu finden waren. Daher sind Festivals wie dieses für die Szene von großer Bedeutung.

Nun teilt Anna Haifisch auf Anfrage mit, dass der „Millionaires Club“ für immer schließt. Die Entscheidung hatte sich allerdings schon vor dem diesjährigen Ausfall der Leipziger Buchmesse abgezeichnet.

„Es kam einiges zusammen“, sagt die Künstlerin, die mit ihrer Comicserie „The Artist“ und als Illustratorin international erfolgreich ist. „Wir waren nach neun Jahren ein bisschen müde, dann ist Jutta gestorben und dann kam Corona noch obendrauf.“ All das zusammen habe dem Team des Festivals „ein bisschen den Drive genommen“. Vielleicht habe alles seine Zeit, ergänzt sie. „Die neun Jahre waren zumindest eine ziemlich gute Zeit!“

Neuanfang mit dem Squash-Kollektiv

Einen Teil der Lücke, die der „Millionaires Club“ hinterlässt, könnte eine neue Veranstaltung füllen, die in Leipzig geplant ist – wenn denn Corona dem Vorhaben keinen Strich durch die Rechnung macht. Das Leipziger Kunst-Kollektiv „Squash“ plant für Ende Mai, in der Messestadt die „Snail Eye - Cosmic Comic Convention“. Vom 27. bis 30. Mai soll dieses Festival in Kooperation mit verschiedenen Orten in der Kolonnadenstraße westlich des Leipziger Zentrums veranstaltet werden.

„Dort haben wir die Möglichkeit, entsprechend der Corona-Situation zu diesem Zeitpunkt, das Festival zu einem großen Teil nach draußen zu verlagern und gegebenenfalls die Schaufenster der Läden und gastronomischen Einrichtungen als Ausstellungsfläche zu nutzen“, sagt das Kollektiv dem Tagesspiegel auf Anfrage. Die Gruppe wurde 2018 von Lina Ehrentraut, Malwine Stauss, Franz Impler und Eva Gräbeldinger gegründet, ihre Arbeiten bewegen sich in den Bereichen Comic, Illustration, Animation und Malerei.

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„Bei den Gästen, die wir für Lesungen und Talks einladen wollen, haben wir deshalb in diesem Jahr vor allem lokale Künstler*innen im Programm und könnten gegebenenfalls dieses lokale Programm mit Online-Präsentationen ergänzen“, teilt die Gruppe mit. „Es soll Lesungen, Ausstellungen, Animationsfilmscreenings sowie eine Auswahl an Zines, Büchern und Prints geben.“

Das Organisationsteam kündigt an, „flexibel auf die Pandemie-Situation im Mai zu reagieren und sicherzustellen, dass unser Festival den Verordnungen und unseren Ansprüchen für eine verantwortungsvolle Veranstaltung gerecht wird.“

Comicfestival München plant Not-Ausgabe

Unsicher ist bislang auch, in welcher Form im Juni das Comicfestival München stattfinden kann. Normalerweise wird es alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Internationalen Comic-Salon Erlangen veranstaltet und ist dann einer der wichtigsten Treffpunkte für die Szene hierzulande, der normalerweise Dutzende Verlage, hunderte Comicschaffende und tausende Fans anzieht.

Dicht an dicht: So nah wie hier 2015 in München wird man sich 2021 bei Comicfestivals wohl nicht kommen. Foto: Lars von Törne Vergrößern
Dicht an dicht: So nah wie hier 2015 in München wird man sich 2021 bei Comicfestivals wohl nicht kommen. © Lars von Törne

Nachdem nun der Comic-Salon vergangenes Jahr coronabedingt komplett ausfallen musste und es im Spätsommer lediglich eine digitales Ersatzprogramm gab, geht man beim Comicfestival München für 2021 auf Nummer sicher. „Wir halten in München – wenn anders nicht möglich - auch ein nur aus Ausstellungen bestehendes Festival ohne Verlagsmesse für möglich“, sagt Organisator Heiner Lünstedt dem Tagesspiegel. Ob in diesem Jahr wie geplant vom 3. bis 6. Juni in der bereits angemieteten Alten Kongresshalle eine Verlagsmesse möglich sein wird, könne noch nicht entschieden werden.

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„Doch wir bereiten einige vielversprechende Ausstellungen vor“, kündigt Lünstedt an. „Da vor 60 Jahren mit dem Erscheinen von „Fantastic Four # 1“ ein neues Superhelden-Zeitalter begann, werden im Amerikahaus die Marvel-Charaktere Einzug halten, im Instituto Cervantes Werke von José Homs (Stieg Larssons „Millennium“, „Shi“) gezeigt und die vom Comic-Salon Erlangen kuratierte Wanderausstellung „Vorbilder:innen - Feminismus in Comic und Illustration“ soll in München zum Festival gestartet werden.“

Schön wär's gewesen: Das Plakat zum Comicfestival München 2021 hat Thomas von Kummant gestaltet. Foto: Vergrößern
Schön wär's gewesen: Das Plakat zum Comicfestival München 2021 hat Thomas von Kummant gestaltet.

Den Festivalpreis „PENG!“ für sein Lebenswerk werde in diesem Jahr der in Berlin lebende Comicautor Gerhard Seyfried erhalten. „Ein großes Thema ist auch die in diesem Jahr aufgelöste Atelier-Gemeinschaft „Die Artillerie“, kündigt Lünstedt an. Zu deren Mitgliedern gehörte neben Uli Oesterle („Vatermilch“) auch das „Gung-Ho“-Team Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant. Letzterer werde auch das Plakat zum Festival gestalten, ein Entwurf ist als Illustration neben diesem Text zu sehen.

„DoKomi“ im Mai nicht zu schaffen

Auch das Organisationsteam der eigentlich für Mai 2021 angekündigten Anime- und Japan-Expo „DoKomi“ in Düsseldorf muss wegen der Coronavirus-Pandemie umplanen. „Der Mai ist nach gegenwärtiger Lage für die DoKomi 2021 nicht realisierbar“, teilen die Veranstalter des nach ihren Angaben größten deutschen Festivals dieser Art auf Twitter mit.

„Wir arbeiten weiterhin an der Realisierung der DoKomi 2021 innerhalb eines sicheren Zeitraums“, heißt es dort weiter. Zu diesem könne man voraussichtlich im Februar mehr sagen.

Optimismus beim Kindercomicfestival „yippie!“

Beim Kindercomicfestival „yippie!“ ist man hingegen optimistisch, die inzwischen vierte Ausgabe der Veranstaltung im April 2021 mit Live-Publikumsbeteiligung durchführen zu können. „Wir sind zuversichtlich, dass wir das Festival mit signifikanten analogen Teilen von 22.-25. April stattfinden lassen können“, teil Veranstalter Jakob Hoffmann auf Twitter mit.

Das Festival sollte eigentlich im vergangenen Herbst in Frankfurt am Main stattfinden, war dann auf Januar 2021 verschoben worden - und nun hofft man auf bessere Bedingungen im April.

Fumetto goes digital

Das internationale Comicfestival „Fumetto“, das normalerweise im Frühling im schweizerischen Luzern stattfindet, wird in diesem Jahr nur digital veranstaltet. Nachdem die Veranstaltung, bei der der Autor dieses Textes als Moderator mitwirkt, im vergangenen Jahr wegen der Pandemie komplett abgesagt wurde, soll es dieses Mal wenigstens einige Veranstaltungen und Präsentationen online geben.

Aus praktischen Gründen liegt der Fokus des Festivals, das sonst Künstler*innen aus aller Welt nach Luzern einlädt, vom 20. bis 28. März 2021 auf Teilnehmenden aus der Schweiz. Dass Motto lautet „Total Swissness“.

In diesem Jahr nur digital: Das Comicfestival Fumetto, hier eine Ausstellungseröffnung 2015. Foto: Lars von Törne Vergrößern
In diesem Jahr nur digital: Das Comicfestival Fumetto, hier eine Ausstellungseröffnung 2015. © Lars von Törne

„Coronabedingt verzichten wir größtenteils auf analoge Ausstellungen und ziehen in den digitalen Raum um“, kündigen die Veranstalterinnen an. „Damit schaffen wir neue Formen des Comic-Erlebens und der Interaktion.“ So gebe es digitale Podien, Workshops und Präsentationen von Wettbewerbsarbeiten. Auch kann das Publikum via Internet dabei sein, wenn Künstler*innen in ihren Ateliers besucht werden und private Einblicke in die Comic-Schaffensprozesse geben.

[Wie kann in Corona-Zeiten ein Comicfestival organisiert werden, das eigentlich von Interaktion lebt? In Hamburg wurde im Herbst 2020 einfach die Struktur des Mediums genutzt, wie Oliver Ristau in seinem Tagesspiegel-Bericht schreibt.]

Zudem gebe es wie in früheren Jahren reale Ausstellungen überall in Luzern, die vor Ort angeschaut werden können. „In den Schaufenstern Luzerns können die Werke verschiedener nationaler und internationaler Künstler*innen bestaunt werden“, heißt es in der Ankündigung. In den kommenden Tagen will das Fumetto-Team ein detailliertes Programm auf seiner Website veröffentlichen.

Viele offene Fragen

Noch weitgehend offen dürfte derzeit die Planung für comicrelevante Veranstaltungen sein, die in der zweiten Jahreshälfte 2021 stattfinden sollen. Das sind neben der Frankfurter Buchmesse und einige dazugehörige Comic-Events im Oktober, unter anderem das Manga- und Anime-Festival „Animagic“ in Mannheim (30.7. bis 1.8.21), die Manga- und Anime-Convention „Connichi“ in Kassel (3.9. bis 5.9.21) sowie mehrere eher auf TV- und Filmstars ausgerichtete ComicCons wie die German ComicCon Dortmund (die wegen der Pandemie von 2020 auf den 3.12. bis 5.12.21 verschoben wurde), die German ComicCon München (3.7. bis 4.7.21) und die ComicCon Stuttgart (27.11. bis 28.11.21, – die eigentlich für Ende Januar 2021 geplante ComicCon Freiburg wurde komplett abgesagt.

Das Berliner Independent-Festival „Comic Invasion“ soll voraussichtlich im September stattfinden. Ob und in welchem Rahmen derartige Veranstaltungen im Spätsommer und Herbst möglich sind, wird die Entwicklung der kommenden Monate zeigen.

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