Naomi Fearn zeichnet seit 2017 den politischen Comic "Die R2G-WG", 2018 kam der tägliche Strip "Berliner Schnuppen" hinzu. Foto: Lars von Törne
© Lars von Törne

500. Folge der „Berliner Schnuppen“ Was Naomi Fearns täglichen Berlin-Comic inspiriert

Zwei Jahre bereits zeichnet Naomi Fearn täglich einen Polit-Comic für den Tagesspiegel-Newsletter „Checkpoint“. Hier gibt sie Einblicke in dessen Entstehung.

Seit zwei Jahren zeichnet Naomi Fearn täglich einen Polit-Comic für den Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint, am 1. September erscheint die 500. Folge der „Berliner Schnuppen“. Hier erzählt sie, wie sie ihre Ideen entwickelt, wie Politiker auf den Strip reagieren – und wieso ihre Figuren keine Nasen, dafür aber markante Frisuren haben

Naomi, an deinen Figuren sticht oft als erstes die markante Frisur ins Auge. Schaust du bei Menschen, die du neu kennenlernst, zuerst auf die Haare?
Nicht unbedingt. Aber ich versuche mir Leute anhand von herausstechenden Merkmalen zu merken. Und weil in meinem Comic die Charaktere sehr klein dargestellt sind, eignen sich Haare sehr gut als prägnantes Merkmal.

Die schönste Frisur hat bei dir Flughafenchef Lütke Daldrup.
Der hat auch wirklich so tolle Haare. Der sieht aus wie eine Figur aus einem Harry-Potter-Roman.

Wie sieht dein Arbeitstag aus, an dessen Ende ein Beitrag für die „Berliner Schnuppen“ im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint und wöchentlich auch auf den gedruckten „Mehr Berlin“-Seiten steht?
Das Tolle ist, ich habe jetzt das Künstlerleben, von dem alle immer träumen. Ich stehe morgens auf, gehe ins Café oder in den Park, lese die Zeitung und überlege mir ein paar Ideen. Ich habe inzwischen als Disziplin, dass ich mir zu jeder Nachricht, die ich lese, einen Comic ausdenke. Dann kann ich erwarten, dass am Ende zumindest zwei, drei brauchbare Ideen dabei sind. Die schicke ich dann an die Redaktion. Pro veröffentlichtem Comic mache ich drei bis sechs Vorschläge, aus denen dann einer ausgesucht wird.

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Die ersten Entwürfe zeichnet Naomi Fearn klassisch mit dem Bleistift auf Papier. Foto: Lars von Törne Vergrößern
Die ersten Entwürfe zeichnet Naomi Fearn klassisch mit dem Bleistift auf Papier. © Lars von Törne

Dann wird noch ein bisschen nachgebessert, weil vielleicht mal die Pointe nicht richtig sitzt oder ein Fakt nicht ganz stimmt. Danach wird das gezeichnet, koloriert und abgeschickt. An guten Tagen wird sofort eine meiner Ideen genommen, dann zeichne ich das und mein Tag ist rum. An schlechten Tagen schicke ich fünf Sachen, aber es ist nichts dabei, dann muss ich noch mal drei Ideen schicken. Das sind die schmerzhaften Tage.

Was gefällt dir an dem Job?
Jeden Tag von Neuem die Herausforderung zu haben, macht wahnsinnig Spaß. Und dass ich Sachen, die mir am Herzen liegen, einfließen kann. Wer hat schon so eine Plattform, auf der man Leute erreicht, die auch noch unterhaltsam ist?


Und was liegt dir am Herzen?
In Berlin eine Menge. Mir ist besonders die Natur in der Stadt wichtig, die Artenvielfalt, dass es mehr Grünflächen gibt, dass für die Radfahrer mehr gemacht wird. Dazu kommen, wenn ich an meine Freunde denke, Themen wie die Kitasituation, die Situation an den Schulen. Letztendlich die Art, wie die Stadt kommuniziert. Ich wünsche mir, dass alle einander mehr zuhören, mehr Verantwortung übernehmen und versuchen, Probleme zu lösen, statt immer nur darauf zu zeigen.

Was sind die besonderen Herausforderungen des Jobs?
Der tägliche Terror. Es war gerade in den vergangenen Monaten schwierig, weil durch Corona die Themen dann doch manchmal etwas gleich waren. Und wenn Du über einen bestimmten Sachverhalt fünf Witze gemacht hast, wie viele kannst Du dann noch machen? Und wie schaffe ich es, den Humor noch freundlich zu halten, auch wenn ich mal wütend oder frustriert bin? Mir geht es ja darum, dass mein Comic nicht nach unten tritt, nicht böse ist. Ich will nicht fies sein, aber manchmal kann ich mir das auch nicht verkneifen.

[Alle 500 bisher veröffentlichten Comics der Reihe "Berliner Schnuppen" gibt es im Checkpoint-Archiv des Tagesspiegels. Für Abonnenten ist der Zugang kostenlos.]

Und manchmal sind die Themen so ernst und groß, wie Rassismus und strukturelle Benachteiligung, dass es schwer ist, sie in diesem Format anzugehen, obwohl ich es will, und obwohl ich weiß, dass es Zeichner gibt, die das können. Das ist, finde ich, die hohe Kunst des Humors: schwere Themen zu nehmen und im Humor die Humanität und Empathie zu erhalten, mit der er sogar Gutes bewirken kann. Da sehe ich meine Herausforderung.


Der Arbeitsprozess an jedem neuen Comic beginnt mit einer Skizze... Foto: Naomi Fearn Vergrößern
Der Arbeitsprozess an jedem neuen Comic beginnt mit einer Skizze... © Naomi Fearn

Du gehst oft sehr konkret auf Details der Landespolitik ein, Bezirkliches oder auch mal innerparteiliche Kämpfe der Berliner Parteien. Welches sind deine wichtigsten Informations- und Inspirationsquellen?
Tatsächlich der Tagesspiegel selbst. Der tägliche Comic im Checkpoint bezieht sich meist auch auf die Nachrichten, die da zu lesen waren. Und wenn ich in der Stadt unterwegs bin und Menschen treffe, frage ich: Hast du etwas Bestimmtes in Berlin, das dir auf den Senkel geht, das du beleuchtet haben möchtest? Wenn ich mit Freunden mit Kindern spreche, schreibt sich das von selbst, die Schulsituation, die Kitabetreuung...

...als nächstes folgt die Reinzeichnung am Rechner... Foto: Vergrößern
...als nächstes folgt die Reinzeichnung am Rechner...

Es gibt in deinen Strips neben realen Bezügen immer wieder verrückte Ideen, von der Reise mit einer Zeitmaschine, um rechtzeitig einen Termin beim Bürgeramt zu bekommen bis hin zu Michael Müllers persönlichem Berater, einem Stoffteddy namens Herr Bärlauch. Was bringt deine Fantasie in Schwung?
Alles. Ich habe so viel Input den ganzen Tag über. Ich verbringe zu viel Zeit im Internet. Und ich befasse mich mit so vielen Themen wie möglich und versuche dann, die Querverbindungen zu schaffen, wo eigentlich keine sind.

...und im dritten Schritt werden die Kolorierung andere Feinheiten ergänzt. Foto: Naomi Fearn Vergrößern
...und im dritten Schritt werden die Kolorierung andere Feinheiten ergänzt. © Naomi Fearn


„Peanuts“-Zeichner Charles M. Schulz begann die Zeichnungen seiner Figuren immer mit der Außenlinie des Kopfes, dann folgte das Gesicht und die Ohren. Wie zeichnest du deine Figuren?
Auch so, wobei es verwegen wäre, mich mit Charles M. Schulz zu vergleichen. Ich fange an mit dem Kopf, dann kommt das Gesicht, dann die Ärmchen, also die ausdrucksstarken Sachen zuerst. Dann der Körper, dann der direkte Hintergrund, dann Architektur und andere Sachen. Wichtig ist immer: Wie stelle ich das möglich einfach dar?

Der aktuelle „Asterix“-Zeichner Didier Conrad beginnt immer mit der Nase. Deine Figuren haben allerdings gar keine Nasen. Wieso?
Die Figuren sind im Checkpoint und auf den Smartphones der Leser sehr klein. Das heißt: Je einfacher, desto besser. Also Nase raus! Und es erhöht die Niedlichkeit. Wenn man sich mit einigen Berliner Themen auseinandersetzen muss, die nicht ganz so niedlich sind, hilft es, das ein bisschen zugänglich zu machen.

Jeden Tag entwirft die Zeichnerin drei bis fünf Strips, von denen dann meist nur einer umgesetzt wird. Foto: Nami Fearn Vergrößern
Jeden Tag entwirft die Zeichnerin drei bis fünf Strips, von denen dann meist nur einer umgesetzt wird. © Nami Fearn


Die einzige Ausnahme nicht nur in Sachen Nase sind Kevin und seine Wildschweinbande. Wie kamst du denn auf die?
Die sind zufällig so prominent geworden. Mir liegt wie gesagt die Natur am Herzen. Es leben Tausende Wildschweine in der Stadt. Da ist es dann ganz schön, eine Figur zu haben, die die Leute wiedererkennen und die den verwegenen Naturberliner darstellt.

Dein Personal besteht auch aus Alltagsfiguren wie den zwei Männern auf der Bank vor dem Späti oder einem Hipster mit Dutt und Dreitagebart. Wieweit sind diese Personen von realen Menschen inspiriert?
Manche Berliner Archetypen habe ich einfach optisch gespeichert. Bei den beiden beiden Bänkchensitzern vorm Späti habe ich keine individuelle Person vor mir, aber weiß genau, wer das ist. Und dann bringe ich immer wieder Freunde unter – der Hipster ist zum Beispiel meinem ehemaligen Ehemann nachempfunden. Und meine ehemalige Nachbarin, die 81-jährige Frau Kuske, kommt auch gerne mal vor. Als ich sie das erste Mal im Treppenhaus getroffen habe, sagte sie: „Ich bin die Frau Kuske, ich wohne hier seit 1959, mein Mann seit 1956, der ist schon tot, aber das ist nicht so schlimm.“ Solche Leute da unterbringen zu können, finde ich sehr schön.

Eine wiederkehrende Figur ist die Reporterin, die Berliner*innen zu aktuellen Themen interviewt. Foto: Naomi Fearn Vergrößern
Eine wiederkehrende Figur ist die Reporterin, die Berliner*innen zu aktuellen Themen interviewt. © Naomi Fearn


Die wichtigsten wiederkehrenden Figuren sind Poppi, Klausi und Michi, also die gezeichneten Alter Egos des Regierenden Bürgermeisters, der Wirtschaftssenatorin und des Kultursenators, sowie weitere Berliner Politiker. Wie haben sich die Figuren und dein Verhältnis zu ihnen im Laufe der Jahre geändert?
Anfangs hatte ich noch keinen richtigen Bezug zu Berliner Politikern, abgesehen von dem, was man hier und da mal aufgeschnappt hat. Wenn man über die Zeit die Entscheidungen bebildert, die die treffen, kristallisiert sich etwas heraus. Und ich gebe den Leuten dann noch eine eigene Persönlichkeit. Klausi zum Beispiel ist bei mir im Comic sehr verspielt und fantasievoll, er ist ja auch der Kultursenator. Ich weiß nicht, ob das der Realität entspricht, aber es funktioniert für die Geschichten.

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Oder Ex-Bausenatorin Lompscher. In einer Folge bot es sich an, sie als kleine Königin zu zeichnen. Ab da war sie die kleine Königin. Es ist heiter, wenn man eine Figur definiert, wie sich dann die Entscheidungen in der Politik durch diese Figur filtern lassen. Alle Entscheidungen, die Katrin Lompscher danach getroffen hat, ließen sich mit ihr als Königin auch erzählen.

Eine weitere Skizze zu einem Comic, der nie umgesetzt wurde. Foto: Naomi Fearn Vergrößern
Eine weitere Skizze zu einem Comic, der nie umgesetzt wurde. © Naomi Fearn


Wieweit haben Politiker oder andere Akteure nach ihrem Auftritt in deinen Comics mal von sich hören lassen?
Von den Politikern bekomme ich ab und zu auf Twitter mit, wenn sie was gut fanden. Beschwert hat sich noch keiner, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Der surrealste Moment, den ich hatte, war bei einem Event des Tagesspiegels. Da standen Ramona Pop und Klaus Lederer auf der Bühne in einem Interview. Ich war im Publikum. Und sie unterhielten sich darüber wie es ist, in der imaginären WG zu wohnen, in die ich sie reinzeichne. Surreal und heiter.

Hier ein weiterer unveröffentlichter Entwurf aus Naomi Fearns Skizzenblock. Foto: Naomi Fearn Vergrößern
Hier ein weiterer unveröffentlichter Entwurf aus Naomi Fearns Skizzenblock. © Naomi Fearn

Auf deinem Instagram-Account kann man sehen, dass du oft viel detaillierter und realistischer zeichnest als im Comic. Wie hast du den speziellen Stil für deine Tagesspiegel-Comics entwickelt?
Der ist dem Praktischen geschuldet. Der Comic erscheint auch digital. Daher muss es eine kleine Datei sein. Es muss also sehr viel freie Fläche sein. Dadurch, und weil es schnell gehen muss, bot es sich an, das Ganze sehr einfach zu halten. Das Schöne ist, dass es durch das Einfache auch etwas gewinnt, weil der Leser mehr Interpretation in ein Bild reinlegen kann. Dann haben alle gewonnen.


Der tägliche US-Politcomic „Doonesbury“, der seit 50 Jahren in vielen US-Zeitungen erscheint, ist eines deiner Vorbilder. Was würdest du dessen Schöpfer Garry Trudeau fragen, wenn du ihn treffen könntest?
Erst mal würde ich mich für die Inspiration und das Vorbild bedanken Und ich würde ihn fragen, wie er über die Jahre die Schärfe dosiert hat. Er hat ja oft Sachen gemacht, die sehr kritisch waren – und die dann auch nicht von allen Zeitungen gedruckt wurden, in denen seine Comics veröffentlicht wurden. Ich bemühe mich ja immer, Sachen zu kritisieren und gleichzeitig freundlich zu sein. Ich muss mir daher auch von ein, zwei Freunden vorwerfen lassen, dass ich nicht scharf und kritisch genug sei.

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