Kevin Spacey bei einem Auftritt in Rom. Foto: Getty Images
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Comeback nach Missbrauchsvorwürfen Kevin Spacey gibt einen bizarren Auftritt in Rom

Nach #MeToo zog sich Kevin Spacey weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Jetzt ist er wieder da - und hat sich dafür eine historische Bühne gesucht.

Man darf getrost annehmen, dass Kevin Spacey weiß, wie er sich selbst und sein Anliegen in Szene setzt. Dass er um die Wirkmacht von Inszenierungen weiß. Nach dem jüngsten Auftritt des gefallenen Hollywood-Schauspielers rätselt man allerdings ernsthaft: Was soll das?

Es ist gerade zwei Wochen her, da wurde einer der Prozesse gegen Spacey eingestellt. Mehrere junge Männer hatten dem 60-Jährigen vorgeworfen, er habe sie sexuell belästigt. Das Verfahren wurde eingestellt, weil der Kläger Teile seiner Aussagen zurücknahm. Andere Klagen gegen Spacey in den USA und in Großbritannien laufen weiter. Seit die Vorwürfe im Zuge der #MeToo-Debatte bekannt wurden, entzog Spacey sich mehr oder weniger freiwillig der Öffentlichkeit. Und ausgerechnet jetzt kehrt er – wie es scheint – zurück.

Als Arena für sein Comeback wählte Spacey am vergangenen Wochenende das Römische Nationalmuseum. Dort las der Schauspieler ein Gedicht des italienischen Lyrikers Gabriele Tinti, der nichts zu tun hat mit dem verstorbenen Erotikfilm-Schauspieler. Der Lyriker Tinti ist jedenfalls ganz hin und weg von Kevin Spacey, bei Twitter schrieb er „Rome loves you“ und „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ – untermalt mit einem Foto von zwei lächelnden Frauen, die ein Selfie mit dem US-Schauspieler aufnehmen.

Spacey trug Tintis Gedicht „Il Pugile“ („Der Boxer“) in einer englischen Übersetzung vor. „Je stärker du verwundet bist, desto besser bist du“, heißt es dort, und auch: „Ich habe das Land erschüttert, die Arenen vibrieren lassen, meine Gegner zerrissen.“

Angesichts solcher Sätze stellt sich die Frage, ob Spacey sich hier noch als Darsteller oder als Dargestellten versteht. Als wolle er verstanden werden als einer, der geschlagen wurde, niedergerungen, aber der – mit jenem skurrilen Auftritt – zurückkehrt in den Ring. Immerhin ist der Kämpfer-Topos ein Hollywoodklassiker, ob in „Southpaw“, „Million Dollar Baby“ oder im auch als Filmreihe nicht kaputtzukriegenden „Rocky“.

Der Auftritt in Rom war nun der zweite, seit im Oktober 2017 erstmals Vorwürfe gegen Spacey öffentlich wurden. Vor einem Jahr, an Weihnachten 2018, veröffentlichte der Oscar-Preisträger ein Video in den Sozialen Netzwerken, in dem er eine krude Ansprache hielt, ganz im Stil seiner Rolle des Frank Underwood aus „House of Cards“. Aus der Serie wurde er nach Bekanntwerden der Vorwürfe verbannt und seine Rolle aus dem Drehbuch gestrichen. In dem Video damals sagte Spacey er habe seine Zuschauer „herausgefordert und zum Nachdenken angeregt“ und ergänzte: „Ich weiß, was Sie wollen: Sie wollen mich zurück!“

Rein technisch betrachtet war das ein kleines Meisterwerk der Desorientierung, denn am Ende wusste niemand mehr, spricht dort nun der Bösewicht Frank Underwood oder der Bösewicht Kevin Spacey? Und falls Letzteres: Ist die Rolle ironisch gebrochen?

Ähnlich ratlos steht das Publikum diesmal auch wieder da. Zumal Spacey seinen Vortrag in Rom um eine Bildkomponente ergänzte. In braunem Anzug posierte er neben der Statue „Faustkämpfer von Quirinal“ für ein Foto. Das Gesicht der Statue ist von Kämpfen ramponiert, ironischerweise ist die Statue gleichwohl eine der besterhaltenen Statuen aus dem antiken Griechenland. Auf dem Foto streckt Spacey seine Hand nach dem Kämpfer aus wie zur Geste der Verbrüderung. In Spaceys Gesicht fällt ein Schatten, der den Bereich zwischen Nase und Oberlippe verdunkelt.

Einige Twitter-Nutzer wiesen bald auf die Ähnlichkeit zu Adolf Adolf Hitler hin, und auch wenn ein inhaltlicher Vergleich selbstredend Quatsch ist, ist doch überraschend bis zweifelhaft, dass Kevin Spacey, dem Profi der Inszenierung, diese Anspielung nicht aufgefallen sein soll. Vielleicht fühlt er sich bloß wohl in der Rolle als Außenseiter und Provokateur.

Bei aller Liebe zum Detail dürfte Spacey dabei kaum an Timur Vermes gedacht haben, obwohl dessen Hitler-Parodie einen durchaus passenden Namen trägt: „Er ist wieder da“.

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