Medhat Aldaabal, Mouafak Aldoabl und Haidar Darvish ringen im Tanz mit der Geschichte in ihren Körpern. Foto: Bernhard Musil
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„Come as you are # teil 2“ im Dock 11 Wie es sich anfühlt, zwischen den Kulturen zu tanzen

Ein Abend zwischen Zweifel und Zuversicht: Die Tanzperformance „Come as you are # teil 2“ im Dock 11.

Medhat Aldaabal hockt im Schneidersitz auf der Bühne des Dock 11, seine Füße stecken in einer roten und einer grauen Socke. Ein humorvoller Verweis darauf, dass er sich zwischen zwei Kulturen bewegt. In seinem Monolog reflektiert der syrische Tänzer, der vor fünf Jahren als Geflüchteter nach Berlin kam, über den schwierigen Prozess des Ankommens. Immer wieder kreisen die Worte um das Gefühl der Zerrissenheit. Wenn er tanze, sei er physisch in Berlin anwesend; seine Seele aber wandere nach Syrien. Aber er sei auch hungrig nach neuen Erfahrungen. Und er hält an seinem Traum fest: sich als unabhängiger Choreograf zu etablieren.

[Dock 11: Vorstellungen am 4.7. und 5. bis 8. August, jeweils 19 Uhr]

Im Sommer 2017 stand Medhat Aldaabal schon einmal auf der Bühne des Dock11 – in dem Stück „Come as you are # Berlin“, das der israelische Choreograph Nir de Volff zusammen mit drei aus Syrien geflüchteten Tänzern realisiert hat. Die Fluchtbewegungen aus dem Nahen Osten beschäftigen ihn schon länger. Sein Stück nannte er damals scherzhaft einen „Integrationskurs“. Er fragte, welche Tanzstile die drei aus Syrien mitgebracht haben, welche Geschichten sich in ihre Körper eingeschrieben haben. Eine Zusammenarbeit von israelischen und syrischen Künstlern – in Berlin ist dies möglich. Und deswegen hat Nir de Volff das Projekt nun fortgesetzt. In „Come as you are # teil 2“ fragt er, wo die Protagonisten heute stehen. Was ist aus ihren Träumen und Hoffnungen geworden?

Nicht bloß syrische Flüchtlinge

Man könnte das Stück eine Langzeitbeobachtung nennen, für Nir de Volff ist es ein Zwischenschritt. Nur zwei der Performer von 2017 sind noch dabei: Medhat Aldaabal und sein Cousin Mouafak Aldoabl. Als Gast ist Haidar Darvish dazugekommen. Um Selbsterkundung und Selbstvergewisserung geht es in den Texten und auch in den tänzerischen Soli, die meist frei improvisiert sind. Das war künstlerisches Neuland für die syrischen Tänzer – wie auch das Sprechen auf der Bühne. Eruptiv wirken die Bewegungen von Medhat Aldaabal. Spürbar ist der Druck, all die angestauten Gefühle rauszulassen. Der Körper von Mouafak Aldoabl ist weicher, biegsamer, sein Tanz ungestüm und expressiv. Er ist noch völlig außer Atem, als er zum Mikro greift und davon erzählt, dass sein Körper sich lange Zeit in einem Überlebensmodus befand.
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Das Tanzen der beiden hat sich verändert. Sie haben in Berlin neue Praktiken erlernt, lassen aber auch Schritte aus syrischer Folkore einfließen. Völlig ausgeformt hat sich ihr Stil noch nicht; ein Gradmesser für „Integration“ oder Ausdruck von Zugehörigkeit zur neuen Heimat ist er aber nur bedingt. Nir de Volff scheint dies bewusst zu sein; er setzt deswegen stärker auf den Text. So hat er die Performer etwa zu ihrer Verbindung zu ihren Familien befragt.

Haidar Darvish, der Jüngste der drei, hat eine Mission. Er will eine queere arabische Community in Berlin aufbauen. Und er will dem Publikum Freude schenken. Deshalb präsentiert er in einem lila Rock eine Bauchtanz-Nummer – das ist zugleich lustig und sehr gekonnt. Alle drei widerlegen an diesem Abend die Stereotypen von mediterraner Männlichkeit, ins Arabische wechseln sie, wenn sie sich über syrische Rezepte austauschen.

Die drei nehmen zwar ganz unterschiedliche Positionen ein, doch in einem sind sie sich einig: Sie wollen nicht allein als syrische Flüchtlinge wahrgenommen werden, sondern als Künstler und Individuen. Und Integration bedeute nicht, die eigenen Wurzeln zu verleugnen. Medhat ist noch gespalten, Mouafak und Haidar aber sehen ihre Zukunft in Berlin. Ein Abend zwischen Zweifel und Zuversicht. Am Ende tanzen sie zusammen zum Dalida-Song „Helwa Ya Balady“, was übersetzt bedeutet: Mein Land ist schön.

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