Im Zwischenreich. Szene mit Maria Terekhin und Adam Kutny. Foto: Gianmarco Bresadola
© Gianmarco Bresadola

Claude Viviers Oper „Kopernikus“ Du sollst leben, mein Kind

Faszinierend bildmächtig: Claude Viviers außergewöhnliches Werk „Kopernikus“ im alten Orchesterprobensaal der Staatsoper.

Alles im Raum läuft auf dieses rätselhafte Objekt zu und geht wieder von ihm aus. Einen riesigen Tubus hat Bühnenbildnerin Sascha van Riel mitten in den alten Orchesterprobensaal der Berliner Staatsoper gesetzt. Er ist durchsichtig und verspiegelt zugleich, lässt die verschiedensten Brechungen und Verzerrungen zu. Mitten in diesem überdimensionalen Glassarg, der auch ein Raumschiff sein könnte, liegt ein Kind, aufgebahrt. Riel, die auch das Lichtdesign besorgt hat, lässt das Objekt mal hell, mal dunkel schimmern, rot, grün oder silbrig kalt leuchten. Das Publikum sieht sich selbst neben den von Johanna Trudzinski abenteuerlich kostümierten Darstellern. Die Zuschauer werden dabei ebenso zum Gegenstand von Projektionen und Fantasien wie diese. Ohnehin gibt es hier keine Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne.

Mit diesem Konzept kann Regisseur Wouter Van Looy das handlungsarme Geschehen von Claude Viviers „Kopernikus“ bildmächtig gestalten. „Opéra-rituel de mort“ – ein Opernritual des Todes“ – hat der kanadische Komponist sein außergewöhnliches Werk von 1979 genannt. Und ritualisiert sind auch die Handlungen der Fantasiegestalten, denen das Kind Agni, dargestellt von Maria Terekhin und gesungen von der durch eine Totenmaske am Hinterkopf janusgesichtig erscheinenden Altistin Corinna Scheurle, nach seinem Tod begegnet.

Klangschönste Intensität

Ein verrückter König mit abgerundeter Zackenkrone, ein blinder Hellseher, der schwarz verschleierte Zauberer Merlin, die goldgesichtige Königin der Nacht, Mozart, Kopernikus mit seiner Mutter sowie Tristan und Isolde erwecken Agni mit heftigen Beschwörungsgesten und -gesängen quasi wieder zum Leben im „Zwischenreich“, nehmen ihr die Angst vor dem Gang durch die Tür, der Entmaterialisierung des Körpers und Verschmelzung mit dem Kosmos bedeutet.

Sieben Sängerinnen und Sänger des Opernstudios geben dem klangschönste Intensität, in homofon gefassten, dreiklangsgeschwängerten Melodien, die dennoch nicht im Geringsten tonal sind. Die balinesische Klangwelt scheint durch diese Gesänge, die teils in einer Fantasiesprache verfasst sind, mit vielseitigen Vibrato- und obertonerzeugenden Vokaltechniken ebenso exotisch wie kindlich-verspielt wirken. Doch nichts ist banal an dieser glühenden, ausdrucksmächtigen, fremd-vertraut wirkenden Musik, durch deren rhythmische Vertracktheiten Errico Fresis’ sieben Musiker der Staatskapelle mit unerschütterlicher Ruhe führt (wieder am 23., 25., 28. und 30. 1. sowie am 2. 2.).

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