Paula Beer und Franz Rogowski spielen in "Undine" ein Liebespaar in einer aus der Zeit gefallenen Gegenwart. Foto: Hans Fromm/Schramm
© Hans Fromm/Schramm

Christian Petzold über „Undine“ „Ich schreibe im Zustand völliger Umnachtung“

Christian Petzold ist mit „Undine“ zum fünften Mal im Wettbewerb. Im Interview spricht er über klassische Mythen, Frauenbilder und die Geschichte Berlins.

Herr Petzold, Ihre letzten Filme hatten stets einen politischen Subtext. Warum haben Sie für „Undine“ ein Märchen als Vorlage gewählt?
Unpolitische Filme gibt es nicht. Auch wenn ich auf die Elementargeister der deutschen Romantik Bezug nehme, komme ich um die Politik nicht herum. Die Figuren leben in einer vom Kapitalismus entzauberten Welt, in der Gefühle zur Ware geworden sind – die dann bei Amazon als Retoure entsorgt werden. Vielleicht können die Geister ja einen Zauber zurückbringen.

Das klingt für Ihre Verhältnisse sehr pathetisch.
Bitte nicht als Retro-Idee missverstehen. Das deutsche Kino hat sich in eine Manufaktum-Welt zurückgezogen: Man zieht sich historische Kostüme über und sucht so einen Fluchtpunkt aus der Realität. So funktioniert das aber nicht. Wir müssen den Zauber an den Orten finden, die uns umgeben.

Mythische Frauenfiguren sind aus heutiger Sicht immer problematisch: Medea, Lysistrata, Phaidra - auch Undine. Vielleicht auch weil sie einer männlichen Überlieferung entsprungen sind. Wie weit taugen sie für eine Modernisierung?
Mir wurde das erstmals 2001 bei den Dreharbeiten zu „Toter Mann“ bewusst. Ich hab damals „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“ von Agnes Varda wieder gesehen. Und plötzlich sah ich etwas, das ich nie so klar erkannt hatte: Cleo ist ein Objekt für die Männer, mit der sie sich umgibt. Aber in diesen 90 Minuten wird aus einer männlichen Projektion ein Subjekt. Und dieser Übergang, wenn die Musen aus dem Wasser steigen und sagen „Ich spiele das Spiel nicht mehr mit“, der interessiert mich am Kino.

Der Berliner Regisseur Christian Petzold. Foto: Christian Schulz Vergrößern
Der Berliner Regisseur Christian Petzold. © Christian Schulz

Undine ist eine Wassernymphe, die ihre Seele nur in der Verbindung mit einem Mann erhält, dessen Untreue sie aber mit dem Tod bestraft. Was hat Sie an diesem Mythos gereizt?
Man kennt Wassergeister ja schon aus Kindermärchen. Wirklich darauf gestoßen bin ich aber erst in Ingeborg Bachmanns „Undine geht“, in dem das mythische Wesen sagt „Ich bin ein Subjekt und ihr Männer seid Unmenschen! Ich will nicht mehr von euren Begehren leben.“

Es gab in Ihren Filmen immer selbstbestimmte Frauen. Worauf achten Sie als Regisseur und Drehbuchautor, wenn Sie eine Geschichte aus weiblicher Sicht erzählen?
Wer guckt hier und wer erzählt? Nehmen Sie die ersten acht Minuten von „Undine“: Wir sehen ein Paar in einem Café und wir verstehen aus dem Dialog heraus, dass er gerade mit ihr Schluss macht. Wir schauen ihnen zu, das ist eine objektive Einstellung - Schuss, Gegenschuss. Die junge Frau sagt: Wenn du mit mir Schluss machst, muss ich dich töten. Beim Weggehen dreht sie sich ein letztes Mal um und beobachtet ihren Freund von Weitem. In diesem Moment sehen wir ihn aus ihrer subjektive Perspektive, und da wird klar, dass der Film von ihr – und durch sie – handelt. Er nimmt bis zum Schluss ihre Sicht ein. Die Frage des Blicks ist keine akademische, sondern auch eine moralische. Man muss sich dem immer aussetzen, weil man es sonst schnell wieder verlernt.

Sie haben eine „Gespenster-Trilogie“ gedreht, auch die Geflüchteten in „Transit“ sind wandelnde Geister. Woher kommt dieses Faible für Halbwesen?
Ich glaube ja, dass fast alle Kinofiguren Halbweltwesen sind. Menschen, die einen Ort suchen, an dem sie heimisch werden können. Gespenster des Kinos, die in Zwischenreichen festhängen, haben mich eigentlich am meisten beeinflusst. Das Kino zeigt Menschen, die Mensch werden wollen.

Und wie filmt man einen Wassergeist, der die Präsenz einer realen Frau besitzt?
Bei mir ist Undine schon ein Mensch. Die Gefahr besteht vielmehr darin, dass sie ins Wasser zurückkehren muss. Es verfolgt sie: Aquarien explodieren, Wasserhähne laufen, ihr neuer Freund Christoph, ein Industrietaucher, nimmt sie mit auf einen Tauchgang. Der Mythos holt sie zurück. Dazu braucht man intelligente Darsteller wie Paula Beer und Franz Rogowski, mit den beiden war es ein sehr schönes, transparentes Arbeiten. Da prallen männliche Projektionen schnell wieder ab. Ich mache ja kein klassisches Casting, sondern wir treffen uns zum Reden. Man merkt sehr schnell, ob es eine gemeinsame Sensibilität gibt.

Was bleibt im Kern von einer Liebesgeschichte, wenn man sie von äußeren Erfahrungen wie Terror, diktatorischen Regimen oder dem Exil befreit und sich auf eine Archetypik konzentriert?
Es geht darum, die Liebe den Verhältnissen abzuringen. Oder kann die Liebe sogar die Verhältnisse überdauern? Von Christoph wird Undine zum ersten Mal um ihrer selbst Willen geliebt, das ist auch das erste Mal in einem Film von mir der Fall. Meine Filme drehen sich immer um Zwangssysteme, aus denen sich die Figuren mithilfe der Liebe zu retten versuchen. Undine aber wird noch vom Fluch des Mythos zurückgehalten, das macht sie zu einer Freiheitskämpferin.

Undine ist promovierte Stadthistorikerin. Wenn man Ihre Filme auch als Geschichtskino versteht: Was erzählt „Undine“ dann über das Berlin der 2010er Jahre?
Ausgangspunkt waren für mich Modelle des Berliner Zentrums, auf die ich zufällig in der Senatsstelle für Stadtentwicklung gestoßen bin. Eines der Modelle war aus der Zeit kurz nach dem Mauerfall, es sollte den Menschen zeigen, was der Senat mit dem wiedervereinten Berlin plant. Ein anderes Modell stammt noch aus der DDR, mit dem wollte in den Achtzigern die DDR sich selbst feiern. Wenn man heute durch die Straßen geht und das Stadtbild mit den damaligen Visionen abgleicht, erkennt man die Gefahr, in der sich Berlin befindet.

Was passiert gerade mit Berlin?
Man muss sich nur vor Augen führen: Berlin ist ein trocken gelegtes Sumpfgebiet, das Werk von Friedrich dem Großen – damit sich Deserteure dort nicht verstecken können. Und wenn man einen Sumpf trockenlegt und die Stadt so zukleistert wie heute Berlin, dann suchen sich die Elementargeister einen neuen Ort. Das war der Grundgedanke hinter „Undine“.

In Berlin wird Geschichte nachgestellt oder sie verschwindet aus dem Stadtbild.

Ich habe am Drehbuch mit einem Stadtplaner gearbeitet. Undine sagt einmal über das Humboldt-Forum: Wir haben ein Museum in Gestalt eines Herrscherschlosses des 18. Jahrhunderts. In der modernen Architektur galt immer der Grundsatz „Form follows function“, hier ist aber das Gegenteil passiert. Das bedeutet im Umkehrschluss: In Berlin ist kein Fortschritt mehr möglich, wir bewegen uns in einer Retroschleife.

Ist die Unterwasserwelt, in der Christoph arbeitet, ein realerer Ort als Berlin?
Industrietaucher stehen genau an der Grenze zwischen Mythos und realer Welt. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Jules Verne und „2001“. Das Submarine ist eine Märchenwelt – die Geräusche, die Langsamkeit, das Gleiten, das grüne Licht. Ich bleibe bei zweiten Sorten von Bildern immer hängen: bei klaren Einstellungen wie bei Hitchcock oder bei Unterwasseraufnahmen, ob das bei James Bond ist oder bei „20 000 Meilen unter dem Meer“.

Würden Sie „Undine“ als Unterwasserfilm bezeichnen?
Ich bilde mir ein, dass wir die Schönheit der Unterwasserbewegungen im Spiel von Paula Beer und Franz Rogowski spüren können. Wir haben die Wasserszenen gleich am Anfang gedreht, das Element Wasser hat sich daher unbewusst durch die ganzen Dreharbeiten gezogen - bis in die Choreografie und die Körperlichkeit der beiden. Es gibt eine Szene in Undines Apartment, in der Christoph sie bittet, ihren Vortrag nur für ihn zu halten. Und während sie durch das Zimmer geht und redet, scheint sie um ihn herum zu schwimmen. Plötzlich befinden sich die beiden wieder unter Wasser.

Sie sagten mal, dass beim Schreiben die Unschärfen wichtig sind. Aber ihre Filme wirken so genau recherchiert und präzise. Setzt da der kreative Prozess ein?
Roberto Rossellini hat immer im Bett nachgedacht, zwischen Wach- und Traumzustand. Für mich als Protestanten ist der Nachmittagsschlaf eigentlich die Rettung: zwei Stunden zwischendurch und statt Schäfchen zu zählen, stelle ich mir meinen Film vor. Und das wird danach nie wieder recherchiert. Kann gut sein, dass das alles wieder falsch ist; ich hab in meine Filme schon so viele Fehler eingebaut. Meine Drehbücher schreibe ich im Zustand völliger Umnachtung.
23.2., 19 Uhr (Berlinale Palast), 24.2., 12.30 Uhr (Friedrichstadtpalast), 26.2., 21 Uhr (Friedrichstadtpalast) u. 21.30 Uhr (b-ware!), 1.3., 10 Uhr (Berlinale Palast)

Zur Startseite