Stimme des Jahrhunderts. Der Autor Carl Laszlo. Foto: andreas-baier.format.com
© andreas-baier.format.com

Carl Laszlos Erinnerungen an Auschwitz Ein Sieg über die Täter

Carl Laszlo überlebte die NS-Konzentrationslager und wurde Kunsthändler in Basel und New York. Seine Erinnerungen erscheinen nun neu editiert.

Wenn die Erinnerungen eines Überlebenden des Mordlagers Auschwitz-Birkenau den Titel „Ferien am Waldsee“ tragen, dann klingt das nach Sarkasmus. Oder es könnte dem unerschütterlichen Humor entspringen, mit dem Roberto Begnini einst seine filmische Tragikomödie, die in einem KZ spielte, „Das Leben ist schön“ benannt hatte.

Der gebürtige ungarische Jude Carl Laszlo (1923 – 2013), der im Sommer 1944 als Zwanzigjähriger nach Auschwitz deportiert wurde und im Holocaust über fünfzig Mitglieder seiner Familie verlor, war nur wenige Jahre älter als sein zur gleichen Zeit nach Auschwitz gelangter Landsmann Imre Kertész. Und beide haben versucht, das letztlich unvorstellbare Grauen des Lagers wie mit steinernem Blick zu schildern. Ohne sentimentale Einfühlung oder vordergründigen moralischen Gestus.

George Tabori, ebenfalls aus Ungarn stammend, dessen Vater in der Gaskammer von Birkenau endete, hat geschrieben: „Auschwitz ist jenseits des Mitleids.“ In Laszlos „Ferien am Waldsee“ sagt ein Häftling als Alter Ego des Autors einmal, Mitleid sei das Gegenteil von „Güte“. Es mache auch den (noch) Überlebenden schwach und hilflos für sich und andere.

Mehr als eine Opfergeschichte

Laslo erklärt, er wolle seine KZ-Erfahrung nicht nur als die des Opfers beschreiben. Als Überlebender infolge wechselnder Zufälle und eines ungeheuren Lebenswillens, bis hin zur Lebensgier, beharrt er mit einem fast provokativen Triumphalismus, ein „Sieger“ über die Täter zu sein.

Was andererseits, das gehört zu Laszlos denn doch moralischem Gespür und literarischem Vermögen, die reflektierende Scham gegenüber den Toten nicht ausschließt. Er sieht auch zu den anderen Lebenden fortan „eine Grenze, die unüberschreitbar wurde“.

Selbst nach dem Ende der Lager könnte in diesem neuen „Schattenreich“ der Selbstmord eine „logische Konsequenz und letzte Befreiung“ sein. Da ist er nahe bei Primo Levi, der mit der Erfahrung des Holocausts noch Jahrzehnte später den Suizid gewählt hat.

Der Überlebende Carl Laszlo studierte wohl zur Selbsttherapie in Zürich zunächst Psychoanalyse bei Leopold Szondi, zuvor Häftling in Bergen-Belsen und Vater des Literaturwissenschaftlers Peter Szondi.

„Ferien am Waldsee“ fand zunächst wenig Beachtung

Dann ging Laszlo nach New York und wieder zurück in die Schweiz, wurde dort eine bestaunte Szene-Figur: als Publizist, Kunsthändler und Kunstsammler, als Mitbegründer der Art Basel und Gastgeber legendärer kulinarischer, erotischer, drogenhaltiger Feste. Als Freund der amerikanischen Dichter Allen Ginsberg und William S. Burroughs, von Timothy Leary und Patricia Highsmith, als Vertrauter von Hans Arp, Andy Warhol oder Christo, als Unterstützer ebenso des Dalai Lamas wie Heiner Müllers.

Umso merkwürdiger: Seine zuerst 1955 auf Deutsch im Basler Eigenverlag publizierten, dann 1981 und nochmal 1998, wiederum vom Autor finanziert, in Potsdam erschienen „Ferien am Waldsee“ haben trotz Laszlos einschlägiger Prominenz kaum öffentlichen Widerhall gefunden.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen, auch rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de.]

Gut sieben Jahre nach Laszlos Tod hat nun der Wiener Verlag „Das vergessene Buch“ diese „Erinnerungen eines Überlebenden“ (Untertitel) neu ediert. Allein dafür ist das kleine Unternehmen, das zuletzt schon mit der Wiederentdeckung der 1948 verstorbenen jüdischen Wiener Romanautorin Maria Lazar („Leben verboten!“, „Die Eingeborenen von Maria Blut“) Aufmerksamkeit erregt hat, einmal mehr zu rühmen.

„Romeo und Julia“ als Lektüre im KZ

Glaubt man Augen- und Ohrenzeugen wie Laszlos langjährigem jüngeren Freund Alexander von Schönburg, der zu den „Ferien im Waldsee“ das manchmal etwas flamboyante Nachwort geschrieben hat, dann müssen sich die Fantasien dieses ungarisch-schweizerischen Vielfachtalent auch in den tausenden Werken seiner die eigene Villa in Basel füllenden Sammlung gespiegelt haben. Ein Panoptikum von antiken Buddhas bis zum Vasarely-Salon.

Er steckte selbst voller Fantasien. Da mag das Roma-Mädchen von Birkenau mit seinen „goldblonden Haaren“ eine Verklärung sein. Oder die Lektüre eines zerfledderten Exemplars von „Romeo und Julia“, versteckt auf einem Abort gegenüber von Gaskammer und Krematorium, mag mitsamt Shakespeares Bildern der Flammen aus Liebe, Hass und Tod im Anblick der brennenden KZ-Opfer ein so starker wie fragwürdiger Einfall sein.

Selbst der schöne Titel verweist auf die grausame Realität

Doch es hat bei Laszlo, der sehr früh schon die Selektionen des SS-Arztes Robert Mengele beschreibt und zugleich harte poetische Sätze formt  („Alles starb, nur das Sterben lebte weiter“), etwas von fantastischem Realismus.

[Carl Laszlo: „Ferien am Waldsee. Erinnerungen eines Überlebenden“. Verlag Das vergessene Buch, Wien 2020. 160 S., 22 €];
Mehr dazu: Nachruf auf Carl Laszlo des Fotografen Andreas Baier

Selbst der absonderliche Titel seines Buchs ist kein Scherz mit dem Schmerz. „Ferien am Waldsee“ war in der Tat eine täuschende Suggestion der SS, die ihre deportierten Opfer 1944 noch Postkarten an deren Angehörige mit vorgegebenen, harmlos beruhigenden Grüßen schicken ließ, abgestempelt „Am Waldsee“. Worauf Laszlo schon 1955 im Vorwort zur ersten Ausgabe hinweist, das ist so geschehen – darüber informiert auch der gerade erschienene, lesenswerte Band des Berliner Historikers Heinz Wewer „Spuren der Vernichtung. Stationen der ,Endlösung‘ im Zeugnis postalischer Dokumente“ (Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2021, 232 Seiten, 29,90 Euro).

Vielleicht hat man Carl Laszlos überlebensstarken Triumph des Opfers über die Täter in der Nachkriegszeit erstmal verdrängt. Möglich auch, dass Laszlos ausgelebte Homosexualität lange auf homophobe Widerstände stieß. Selbst Schönburgs Nachwort wirkt davon an einer Stelle noch immer gefärbt. Nun aber ist der Vergessene wiederzuentdecken, als eine Stimme des Jahrhunderts.

Zur Startseite