Zielscheibe des Spotts: Das Modelpärchen Yaya (Charlbi Dean) und Carl (Harris Dickinson ) in Ruben Östlunds "Triangle of Sadness". Foto: Fredrik-Wenzel/Plattform
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Cannes Tagebuch (5) Klamauk mit Zombies und Marx

Humor ist seit einigen Jahren im Wettbewerb von Cannes gesellschaftsfähig. Aber der stärkste Film ist bisher eine Sozialdrama aus Rumänien.

Die 2019 verstorbene Agnès Varda hat einen festen Platz im Herzen von Cannes – und seit diesem Jahr auch einen eigenen Ort. Der so stiefmütterlich behandelte Riesencontainer auf dem Gelände hinter dem Festivalpalais, gewissermaßen beim Lieferanteneingang, trägt künftig den Namen der Filmemacherin, die 2015 mit der Goldenen Ehrenpalme ausgezeichnet wurde. Auch wenn Lage und Ambiente den Glamour des Palais vermissen lassen – hier laufen vor allem Wiederholungen fürs gemeine Volk –, macht sich ihr Name gut im Boysclub der Lumières, Debussys und Bazins, denen die Hauptsäle gewidmet sind.

In diesem Jahr kommt dem "Salle Agnès Varda“ sogar die Ehre der äußerst raren Vorführungen der Hollywood-Blockbuster „Top Gun: Maverick“ und „Elvis“ zu. Doch es bleibt dabei: Im Umgang mit seinen Regisseurinnen agiert Cannes weiter rührig-hilflos; immerhin haben es mit Julia Ducournau und Catherine Corsini zwei Namen aus dem Vorjahr in den Festivaltrailer des Wettbewerbs geschafft.

Zur Traditionspflege gehört auch, dass bestimmte Regisseure ein Abo auf den Wettbewerb haben. Der Rumäne Cristian Mungiu ist seit seiner Palme für „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ von 2007 mit jedem Film eingeladen worden – und gewann meist.

EU-Gelder für Transsilvanien

„R. M. N.“, ein Begriff aus der Kernspintomografie, verweist diesmal schon im Titel auf Mungius Herangehensweise, mit geduldigen Beobachtungen das Gewebe der rumänischen Gesellschaft zu durchleuchten. Mit seinem fünften Film, angesiedelt in einem transsilvanischen Dorf am östlichen Rand Europas, den die letzten Tropfen EU-Fördermittel gerade noch erreichen, wird er in der Charakterisierung sozioökonomischer Verwerfungen konkreter als früher: Es geht um einen schwelenden Konflikt zwischen einheimischer Bevölkerung und migrantischen Arbeitern in einer Backfabrik.

Der Rückkehrer Matthias (Marin Grigore) kennt beide Seiten der Lohnarbeit – und gerät zwischen die Linien, weil er eine Affäre mit der Geschäftsführerin Csilla (Judith State) hat. Mungius maßvoller Ton, seine unspektakulären, aber präzisen Bilder drohen auf Festivals leicht unterzugehen, aber nicht ohne Grund hinterlassen seine Filme oft den nachhaltigsten Eindruck.

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„Triangle of Sadness“, Ruben Östlunds nächstes Satire-Stahlbad zwischen Feelbad-Movie und Crowdpleaser nach dem Palmen-Gewinner „The Square“ ist das komplette Gegenteil. Und der schwedische Provokateur schien nur auf Cannes zu warten. Ein besserer Ort, um sich über die Schönen (Fashion!), Reichen (eine Cruisetour auf einer Yacht von Aristoteles Onassis) und Privilegierten (die soziale Hackordnung auf einer einsamen Insel) lustig zu machen, ist kaum vorstellbar.

Die Prämisse klingt so gut, dass Östlund sich danach aber nicht mehr viel einfallen lässt – außer einer lauten Nummernrevue mit offensichtlichen Zielscheiben für seinen Spott. Sozialkomödien sind seit „Parasite“ in Cannes gesellschaftsfähig, dieses Jahr schlägt der Humor, nach dem Zombie-Eröffnungsfilm, auch gerne mal in den groben Klamauk um. Marx’ Spruch „Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“, vom betrunkenen Schiffskapitän (Woody Harrelson) zitiert, trifft auch auf einen lustlosen Östlund zu.

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