Ulrich Mühe und Margarita Broich im achtstündigen Mammutstück "Hamlet/Maschine“ 1990 am Deutschen Theater Berlin. Foto Estate Sibylle Bergemann
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Bühnenbilder von Erich Wonder Magisches Zusammenspiel

Gesamtkunstwerk aus Texten und Farben: Die Akademie der Künste zeigt Bühnenbilder, die Erich Wonder zu Inszenierungen von Heiner Müllers schuf.

Schon in der Glasfassade der Berliner Akademie der Künste begrüßt den Besucher am Pariser Platz ein golemhafter Maschinenmensch. Man denkt an Fritz Langs Kinoklassiker „Metropolis“, an SF-Fantasy oder uns zeitnähere Roboter. Doch die Figur hat der österreichische Bühnenbildkünstler Erich Wonder vor 30 Jahren für seine zusammen mit Blixa Bargeld fabrizierte Performance „Das Auge des Taifun“ entworfen. Weil Bargelds Einstürzenden Neubauten bei der Freilichtinszenierung auf dem Wiener Burgring mit von der Partie waren, ist der Koloss dort auch selbst gestürzt.

Damals waren Texte vom antiken Geschichtsschreiber Plinius, von Adalbert Stifter samt einer kräftigen Brise Heiner Müller im Spiel. Müller träumte ohnehin von revolutionären Umstürzen und den Taifunen der Geschichte. So passten einst zwei Dioskuren der modernen Theatergeschichte besten zusammen. Der Wiener Steirer und der Berliner Sachse.

Wie in ein emphatisches schwarzes Verließ führt durch eine Art dunkles dreieckiges Schlüsselloch dann im Inneren der Akademie der Weg: in die ziemlich grandiose Ausstellung „Erich Wonder T/Raumbilder für Heiner Müller“. Gegen Ende der Siebzigerjahre hatten die beiden sich am Schauspiel Frankfurt (Main) kennengelernt, und vor jetzt 40 Jahren, im Februar 1982, kam es zur ersten gemeinsamen Premiere. Es war die Bochumer Uraufführung von Heiner Müllers dann viel gespieltem Szenenreigen „Der Auftrag“.

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Müllers im Untertitel benannte „Erinnerung an eine Revolution“ mit karibischen Sklaven, mit Napoleons und Stalins Schatten und sehr sinnlichen Visionen der weiblichen nackten Freiheit, hatte Erich Wonder in suggestives Dämmerlicht getaucht, in Schleier, geometrische Ausschnitte, in einen emphatischen Tunnel – so schauten Revolutionäre und Voyeure statt nur in Schlüssellöcher und Abgründe auch in die große Röhre.

Karge Notizen in den Regiebüchern

Dem 1929 geborenen DDR-Weltpoeten Müller gefiel, dass der fünfzehn Jahre jüngere Bildkünstler mit dem bestrickenden Namen Wonder fast autonome, eigen- und doppelsinnige Assoziationsräume zu Müllers Texten schuf. Müller war auch kein üblicher, kein in die Proben ständig eingreifender Regieprofi. Und wichtiger als die eher kärglichen Anweisungen in Müllers Regiebüchern waren seine vorausgehenden oder begleitenden Notate.

Von diesen handschriftlichen Aufzeichnungen sind am Pariser Platz nun einige im Original oder in Faksimiles sowie als Lesehilfe in gedruckten Abschriften zu sehen. Ein oft auf Doppelblätter verteiltes, mit Pfeilen verbundenes Labyrinth einzelner Worte und Begriffe, kaum ganze Sätze.

Stephan Dörschel, Leiter des Akademie-Archivs der Darstellenden Künste, nennt die hier mögliche Lektüre: „Einem Autor beim Denken zusehen.“ Tatsächlich haben die Blätter etwas von Gehirnbildern, von Neuronenspielen. Für Interpreten lauter Botenstoffe. Aber dem stehen, hängen, liegen einige mit Farbstift verfasste Storyboards gegenüber, in denen Erich Wonders wie für einen Film die Abläufe einer Aufführung in winzige Szenenskizzen festhält. Eine Supervorlage für jeden Regisseur.

Legendärer Wende-Hamlet

Viel öfter als mit Müller hat Wonder übrigens mit anderen Theatermachern gearbeitet. Mit Ruth Berghaus, Jürgen Flimm, Luc Bondy, Andrea Breth zum Beispiel. Oder mit Hans Neuenfels, dessen epochale Frankfurter „Aida“-Inszenierung er 1981 in kongeniale Bilder setzte. Von 146 Aufführungen, die Wonders Räume und Träume begleitet haben, waren nur vier ein Gemeinschaftswerk mit dem Autor/Regisseur Heiner Müller. Ihnen aber gilt jetzt die von Stephan Suschke vorzüglich kuratierte Berliner Schau. Außer dem Bochumer „Auftrag“ noch „Der Lohndrücker“ 1988 als Vorwendedrama am Deutschen Theater Berlin, 1990 als Wende-Wahnsinns-Weltikone auf derselben Bühne die achtstündige Doppelinszenierung „Hamlet/Hamletmaschine“ mit Ulrich Mühe als Titelheld – und 1993, zwei Jahre vor Müllers Tod, dessen letzte Regietat: Wagners „Tristan und Isolde“, auch Müllers Lebens-Liebeselegie, bei den Bayreuther Festspielen mit Siegfried Jerusalem und Waltraud Meier. Ein finaler Triumph.

[Akademie der Künste, Pariser Platz 4. Bis 13. 3. , Dienstag bis Sonntag 11–19 Uhr]

Der Oper ist ein eigener Ausstellungsraum gewidmet. Auch voller wunderbarer Kostüme von Yohij Yamamoto und einem magischen Schwert aus Bayreuth. Magie ist hier überhaupt das treffende Wort. Denn neben dem Hauch der Theaterhistorie durchweht die Ausstellung, etwa in zahlreichen großformatigen, farbig hochexpressiven Gemälden des (Documenta-)Künstlers Erich Wonder ein besonderer Zauber. Ihn bewirkt auch ein Wonderwerk, das den kleinen Heiner M. mit Schultüte zeigt (nach einem Foto) und darüber ein toller, stürzender, engelgleicher Mensch. Peter von Becker

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